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Hemd nach Maß

| 2. Juli 2015 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 114, Fazitportrait

Foto: Marija Kanizaj

Seit 99 Jahren werden am Grazer Grieskai Hemden erzeugt. Aus dem Industriebetrieb »Sir« wurde in der vierten Generation der Gewerbebetrieb »Sommer. 1916«. Als letzte ihrer Art in Graz näht Monika Sommer qualitativ hochwertige heimische Hemden und Blusen und erklärt, warum sogar ein Maßhemd günstiger kommt als ein billiges aus Fernost.

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Wenn im hinteren Bereich des Geschäfts direkt neben der Mur die Nähmaschinen rattern, hinter einer Stellwand die Scheren und Zuschneidemaschinen klappern, und jene Stoffe, die zu hunderten in Ballenform an der Wand lehnen, zugeschnitten werden, vernimmt die Kundschaft eine klare Botschaft: Hier wird das Hemd gefertigt, das ich gleich anprobieren werde. Oder die Bluse. Hier kann ich den Stoff aussuchen, kann mich beraten lassen, welche Qualitätsunterschiede es bei den Baumwollgeweben gibt und erfahren, warum »bügelfrei« als Nachteil verstanden werden kann. Kann Kragenformen begutachten, aussuchen oder abändern und selbst kreieren. Und die Brusttasche endlich rechts statt links aufnähen lassen. Oder ganz weglassen. Hier kann ich ein fertiges Hemd kaufen oder eines nach Maß.

Aus »Sir« wird »Sommer. 1916«
Hier gibt es »Sir«-Hemden seit 100 Jahren – das ist ein Satz mit drei Fehlern. Mit »hier« war einmal die Adresse Grieskai 80 gemeint, seit zehn Jahren heißt die Adresse Grieskai 42; statt »Sir« heißt es seit dem Relaunch vor drei Jahren »Sommer. 1916«; woraus zu ersehen ist, dass das Gründungsjahr 1916 war, das Unternehmen – der dritte Fehler – somit »erst« seit 99 Jahren besteht. Und – dass Monika Sommer die Eigentümerin ist. Und zwar in vierter Generation. Wie das in einer sogenannten »globalisierten« Welt funktionieren kann, seit (fast) einhundert Jahren eine Hemdenproduktionsstätte aufrechtzuerhalten, überhaupt der letzte Hemdenmacher in Graz (und weit darüber hinaus) zu sein? Eine Antwort lautet: alles anders machen. 2012 stand Monika Sommer an diesem Wendepunkt: »Wir waren einmal ein Industriebetrieb mit zweihundert Mitarbeitern an zwei Standorten, Graz und Vöcklabruck, mit einer Produktionskapazität von 400 Hemden pro Tag und eigenem Betriebskindergarten. Heute sind wir ein Gewerbebetrieb. Die Rahmenbedingungen waren früher einfach völlig anders.« So zählte die Textilindustrie noch vor wenigen Jahrzehnten zu den größten Wirtschaftsfaktoren in Österreich. »Ende der Neunzehnsiebziger-, Anfang der Neunzehnachtzigerjahre, unter Handelsminister Josef Staribacher, wurde es in unserer Branche üblich, im Ausland zu produzieren, was auch wir gemacht haben. Da wurde vor allem in Slowenien, Ungarn und Tschechien produziert. Damals hat es allein in Graz noch sieben Hemdenproduzenten gegeben.«

Made in Graz/Austria
Die Textil- und Bekleidungsindustrie gehört heute zu den sprichwörtlichen »Global Playern«, ein Hemd kommt in der Regel aus dem Fernen Osten und schreibt an einer neuen Sozialgeschichte. Als Gerald Sommer den Betrieb im Jahr 1996 an seine Tochter Monika übergab, hatte er das Unternehmen bereits stark restrukturiert und Mitarbeiter abgebaut. Heute hat der Betrieb von Monika Sommer vier Mitarbeiterinnen und zielt mit seiner Eigenproduktion seit drei Jahren direkt auf den Endkunden. Was heißt, dass der Fachhandel eine immer kleinere Rolle spielt. Bis 2012 verkauften »Reisende« die jeweils neue Kollektion von Sommer an den Fachhandel, erst dann startete die Hemdenmacherin mit der Produktion. So war das schon seit 1916 üblich, als Raphael Krvaritsch, der Urgroßvater von Monika, das Unternehmen als Herrenhemdenfabrik gründete. Die »Vereinigten Wäschefabriken« entstanden durch den Zusammenschluss dieses Grazer Unternehmens mit dem seines Schwiegersohns in Wien. Das war Monikas Großvater, Fritz Sommer, der Raphaels Tochter Irene geheiratet hatte. So kam es zum einen zum Namen »Sommer«, zum anderen hängt die Namensfindung der Urmarke »Sir« in den Neunzehnfünfzigerjahren damit zusammen. Da Fritz Sommer aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zurückkehrte und der Wiener Betrieb total zerstört wurde, baute Irene Sommer den Betrieb in Vöcklabruck neu auf, wo auch ihr Sohn Gerald eintrat, Monikas Vater. Als der Markenname »Sir« in das Firmenregister eingetragen werden sollte, gab es jedoch ein Problem: Die Marke war in Deutschland geschützt und somit vergeben. Irene Sommer fand einen Ausweg und überzeugte die Beamten, dass der Name »Sir« ausschließlich ihre Initialen darstellen würde. Da Namen und Initialen nicht geschützt waren, konnte sie ihre damalige Hemdenmarke »Sir« nennen. Wer vom heutigen Geschäft ein paar hundert Meter die Mur abwärts bis zur Hausnummer 80 weitergeht, sieht, halb verdeckt von einer immergrünen Hecke, noch immer den charakteristischen »Sir«-Schriftzug an der Hausmauer.

Direktvermarktung ohne Zwischenhandel
Damit sind wir wieder bei jenem Wendepunkt, vor dem Monika Sommer vor drei Jahren stand: Gewerbe- statt Industriebetrieb, alle anderen Hemdenproduzenten verschwunden, völlig geänderte Rahmenbedingungen – was tun? Da kam Sohn Max ins Spiel, (theoretisch) die fünfte Generation. Seine Erkenntnis: »Es zählen Maßarbeit und Qualität. Denn wir haben keine Rolle mehr auf dem riesigen Markt gespielt – egal wie gut eingeführt die Marke ist. Schließlich musste auch unsere Marke im Vergleich zu international beworbenen Modelabels gesehen werden.« Betriebswirtschaftliche Rechen- und Kalkulationsansätze haben schließlich gezeigt, dass der traditionelle Vertriebsweg über den Fachhandel für in Österreich gefertigte Produkte immer schwieriger werden würde. Ein Aufschlag von bis zu 300 Prozent auf die Einkaufspreise führte im Handel zu Verkaufspreisen, die vom Endkunden nur bei renommierten Labels akzeptiert würden. Die Folgen: Aus »Sir« wird »Sommer. 1916«, an die Stelle von provisionsintensiven Handelsvertretern, Fachhändlern und Fachgeschäften tritt die Direktvermarktung.

Klasse statt Masse
Damit dieses Konzept auch funktioniert, bedarf es natürlich einiger Voraussetzungen. Eine der wichtigsten ist das Vertrauen in die Stärken des Unternehmens, die es zu einer kleinen, aber bekannten Institution werden ließen. Dabei maßgebend ist das über mehrere Generationen gewachsene Know-how der Eigenproduktion. Als Vorteil erweist sich dabei der auch Umstand, dass Monika Sommer nach der HAK-Matura als erste in ihrer Familie das Handwerk der Schneiderei an der Ortweinschule von der Pike auf gelernt hat. Die von ihr aufgebaute Näherei bildet zusammen mit der Zuschneiderei ein effizient arbeitendes Team aus langjährigen Mitarbeiterinnen. Hunderte Stammkunden schätzen besonders die Flexibilität der inländischen Produktion und das bedingungslose Festhalten an Qualitätsstandards, die insbesondere von Massenproduzenten nicht annähernd erreicht werden.

Echte Handarbeit
»Ein Hemd ist ein komplexes Teil«, sagt Monika Sommer, »das man nicht mit Jeans oder Socken vergleichen kann. Jedes Hemd ist anders und einzigartig.« Was sie damit meint, erschließt sich dem Betrachter erst bei näherem Hinsehen, etwa wenn sie die 27 Einzelteile, aus denen ein Hemd besteht, auflegt, schlichtet und erkennbar macht, wie drei Quadratmeter Stoff zusammenkommen. Dass der Kragen nur von der sichtbaren Seite her gebügelt werden darf und niemals von hinten, mögen andere auch wissen; dass bei der Oxfordbaumwolle Schuss und Kette verschiedenfärbig sind, dass daneben etwa Twill, Perloxford/Panama oder Popeline (glatt) bei der Stofffindung zur Auswahl stehen, dass dabei der beste Stoff der gezwirnte ist … das alles verhilft dem Kunden dann schon zu höheren Erkenntnissen und – zu Qualitätsbewusstsein. Ist ja nicht schlecht zu wissen, dass »bügelfrei« immer zugleich auch heißt: Da ist viel Chemie drin. Schlussfolgerungen muss jeder selbst ziehen (zum Beispiel: bügeln ist besser). Oder: Da geht es um echte Handarbeit; da werden die Stellen, wo genau ein Knopf angenäht werden soll, mit Bleistift durch die Knopflöcher hindurch extra angezeichnet. (Das kann keine Maschine; die versucht es nur.) Auch eine weitere Stärke ist geklärt: Monika Sommer kann bedienen. Hier wird persönlich betreut und nicht nur verkauft um jeden Preis. Apropos: Wie sehen die Preise aus? Max Sommer: »Das ist ein weiterer Vorteil beim Direktverkauf. Er macht die Preisgestaltung sehr flexibel.« Was so viel heißt wie: Konfektionshemden werden um 59 Euro angeboten (79 Euro bei Sonder- editionen) und Maßhemden kosten je nach Ausführung zwischen 96 und 140 Euro. Man wählt zwischen hunderten Stoffen, zwei Dutzend Größen oder eben Maßanfertigung aus. »Wenn man bedenkt, dass unsere Hemden wegen der guten Qualität der Stoffe und der Verarbeitung jahrelang auch nach sehr vielen Waschgängen schön und in Form bleiben, sind sie günstiger als Hemden, die in der Anschaffung billiger sind, dafür aber früher Verschleißerscheinungen haben«, gibt Sommer zu bedenken. Damit wird auch nachvollziehbar, warum Pierre Cardin in der Neunzehnsiebzigern hier nicht nur zu Gast war, sondern auch seine für den Verkauf in Österreich bestimmten Hemden bei Sommers in Lizenz produzieren ließ. Für anhaltende Qualität sorgt ein anderes österreichisches Unternehmen: Die Stoffe kommen zum größten Teil von der »Getzner Textil AG« aus Vorarlberg, ebenfalls ein Letzter in seiner Branche; eine weitere gute Voraussetzung für das Funktionieren des neuen Konzepts und eine weitere Antwort auf die Globalisierungsfrage.

Qualität und Gewissen
Die vor fünf Jahren von der Kleinen Zeitung als »Steirerin des Tages« ausgerufene Hemdenschneiderin Sommer – wegen der Ausstattung der österreichischen Olympiateilnehmer in Vancouver – hat mit ihrer Investition von 50.000 Euro im Jahr 2012 eine gute Hand bewiesen: Neben zwei neuen Maschinen in der Näherei erstrahlen die offen gestalteten 220 Quadratmeter in neuem Glanz und vermitteln den Charakter einer Schauwerkstatt. Die noch mehr an Reiz gewinnt, wenn die Vormittagssonne durch die großen ostseitigen Glasflächen scheint. Einige Fachgeschäfte (wie das Tiroler Heimatwerk) beliefert Sommer noch mit ihren Hemden und Blusen und Aufträge wie die Ausstattung der Fohnsdorfer Blaskapelle mit 100 Hemden sind gern gesehen. Aber erklärtes Ziel ist eindeutig das Maßhemd für den direkten Endkunden, der auch angesichts von Faktoren wie Nachhaltigkeit und ökologischem Fußabdruck ein gutes Gewissen gleich mitkaufen kann. Die Kundschaft belohnt diesen Weg. Monika Sommer: »In den letzten drei Jahren haben wir ein Umsatzplus zwischen zehn und 15 Prozent.«

Sommer. 1916
8020 Graz, Grieskai 42
Telefon: +43(0)316 712191
sommer1916.at

Fazitportrait, Fazit 114, (Juli 2015) – Foto: Marija Kanizaj

 
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