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Zur Lage (77)

| 22. Dezember 2016 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 129, Zur Lage

Über Lügenpresse, Fakenews, Klimawandel, Trumpismus und das Reich Mordor. Über ein Buch aus Südamerika, über Geburts-, Lebens- und Sterbebegleitung und noch mehr sehr verworrene Gedanken zum Jahreswechsel.

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Es steht ja schlecht um unser Land, um unseren Kontinent, um unsere ganze Welt. Sagen die Leut. Aber selbst mir als unverbesserlichem Optimisten drängt sich tagtäglich immer mehr dieser Eindruck auf, dieser schwer zu fassende Eindruck einer Endzeitstimmung. Das klingt jetzt etwas zu dramatisierend, nennen wir es also besser Misere. Lügenpresse hier, Fakenews – was immer diese von den guten alten seit Menschengedenken und davor existierenden Halbwahrheiten unterscheiden soll – da, Klimawandel, Sie wissen, Grönland wird wieder zu dem, was seinen Namen im Mittelalter ausgemacht hat, oder auch der »Trumpismus«, der überhaupt alles Böse, das es seit dem Urknall gegeben hat, zusammenfasst. Von der Fastwahl eines offensichtlichen Orks – Anhänger des nun zum Bundespräsidenten gewählten Alexander Van der Bellen haben ja Österreich von Truppen Mordors angegriffen gesehen – ganz zu schweigen. (Wenn Sie den Herren der Ringe nie gelesen haben, wird Ihnen dieses Bild verborgen bleiben; macht aber nix.)

Und jetzt frag ich mich die letzten sieben, neun Wochen immer intensiver, wann hat das begonnen? Wann hat diese Malaise eingesetzt? Natürlich geht so was fließend, aber trotzdem, es muss ja einen Dienstag vor dem Mittwoch gegeben haben, an dem man zum ersten Mal von dieser Misere gesprochen hat; oder zumindest zum ersten Mal daran gedacht hat. Was mich an einen Roman erinnert, nämlich an »Gespräch in der Kathedrale« vom Peruaner Mario Vargas Llosa. Als abgehängter Verlierer und Falschbesorgnisträger habe ich das Buch natürlich nicht gelesen und mir auch deshalb erlaubt, die Apostrophierung des Wortes »Kathedrale«, die das Lokalkolorit etwas hyperpointiert, weggelassen. Conversación en La Catedral heißt es jedenfalls im spanischen Original.

Und quasi im ersten Satz dieses Romans lässt Llosa seinen Protagonisten die wohl zentrale Frage (nicht nur) dieses Werkes aussprechen: »Wann hat Peru sich in die Scheiße gesetzt?«
Ja! Wann war das? Für Peru kann ich es natürlich nicht sagen, ich habe es nicht so mit dem Lateinamerikanischen; ich muss sogar gestehen, ich mag Lateinamerika nicht so besonders. Zumindest hatte ich jahrelang eine leichte Abneigung gegen alles im speziellen Südamerikanische. Die »Andenfidelei«, hab ich immer gesagt, die geht mir ziemlich auf die Nerven. Aber schon bevor endlich das Gute gesiegt hat und der Mensch, zumindest der in Europa oder zumindest der in den deutschen Landen neben Geburts-, Lebens- und Sterbebegleitung auch in den Genuss der Denkbegleitung kommen hat dürfen und ganz genau weiß bzw. wissen muss, dass nicht ein Flecken dieser Welt besser oder sonstwie komparativer als ein anderer sein kann, sein darf, hatte ich diese Abneigung schon wieder aufgegeben.

So. Um den Moment ist es ja eigentlich gegangen. Um den Moment, wo alles begonnen hat, den Bach hinuterzugehen. Die einfache Lösung, die Neokanzler Christian Kern letztens im Bürgerforum angeboten hat, indem er von »den Problemen, die sich in den letzten 50 Jahren aufgebaut haben« spricht und damit plusminus die gesamte Ära der SPÖ-Bundeskanzler quasi zum Sündenbock gemacht hat, erscheint mir da etwas überzogen, auch wenn ich dieser Sichtweise viel abgewinnen kann. Nein, ich denke, ich habe diesen Moment gefunden. Und Sie werden nicht glauben, wo ich den gefunden habe: bei einem Fetzentandler. Also »Fetzentandler« hat mir jetzt, Sie müssen wissen, ich habe mir gerade den dritten Wodkalemon eingeschenkt, während ich da für uns beide schreibe, Fetzentandler hat mir so gut gefallen, dass ich das Wort einbauen musste! Es ist natürlich kein Fetzentandler (zum vierten Mal!), es handelt sich um eine internationale Einzelhandelskette für Bekleidung. Hennes & Mauritz, besser bekannt als »H&M«, wahrscheinlich weil Hennes & Mauritz dagegen doch relativ komplex erscheint.

Dieses im Jahr 1947 gegründete schwedische Textilunternehmen gibt es seit 1994 auch in Österreich und ich konnte dort bis vor kurzem immer wieder was einkaufen. Vor allem ganz simple weiße Tshirts, im Grunde von mir als »Unterleiberl« verwendet, aber auch das eine Hemd, den anderen Pullover und sogar ein paar Stoffhosen. Das hat über mittlerweile eben Jahrzehnte gut funktioniert, das bisweilen eingesetzt habende schlechte Gewissen ob der fragwürdigen Herkunft der einzelnen Kleidungsstücke hat der kleine Preis immer ausreichend wettgemacht. Die haben seit einigen Monaten nichts mehr für mich.

Ich weiß schon, ich bin älter geworden, für H&M sind junge Menschen als Kunden wichtig. Das ist schon klar meine Lieben. (Andere Marken und Produkte wachsen bzw. altern übrigens sogar mit, mit ihren Kunden. Etwa der Golf, mein erstes Auto. In der jetzt siebten oder so Generation könnte ich den noch immer gut fahren.) Nein, die haben nur mehr Gwand für Idioten. Oder, das war jetzt vielleicht ein Tacken zu hart, nur mehr Gwand für Menschen, die nie aufstehen müssen, nie Termine haben und offensichtlich nie in die Verlegenheit kommen, sich für eine Veranstaltung etwas »besser« (will ja nicht den sicher nazinahen Begriff »exklusiver« verwenden) anzuziehen. Dort, sag ich Ihnen, dort ist der Hund begraben!

Gut, wenn ich das morgen, nüchtern dann, nochmals lese, wird mir das wohl nicht mehr ganz so schlüssig erscheinen, wie jetzt beim nunmehr vierten Lemonplus. Aber ich möchte mir heute dieses wunderbare Gefühl der Zufriedenheit durch tiefe Erkenntnis nicht mehr nehmen lassen. Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest! Und viel Glück und Erfolg fürs nächste Jahr. Wir bleiben die Alten.

Zur Lage #77, Fazit 129 (Jänner 2017)

 
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