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Diverses Personal

| 28. März 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 141, Serie »Erfolg braucht Führung«

Wie man 40 Nationen in der Produktion unter einen Hut bekommt. Am Beispiel von Wollsdorf Leder (Wollsdorf Leather).

Ein Gespräch mit Petra Gauster (Global Director Human Resources), Blazan Djakovic (stellvertretender Leiter Vorzurichtung/Zurichtung) und Davut Demirarslan (Schichtleiter) aufgezeichnet von Carola Payer.

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Bei Produktionsunternehmen mit hohem Anteil an Beschäftigen mit Migrations hintergrund und Mitarbeitern, die täglich vom Ausland zur Arbeit anreisen, misst sich Führung an ganz eigenen Erfolgsfaktoren. Die Führungskräfte in der Produktion bei Wollsdorf Leder stellen sich jeden Tag der Herausforderung, sprachliche und kulturelle Missverständnisse im Arbeitsprozess auszuräumen. Der multikulturelle Mix, die Sicherstellung der gleichen Wahrnehmung an Erwartungen und die Einhaltung von Qualitätsstandards sind aus mehreren Gründen nicht einfach zu managen.

Die Verständigung – die Mitarbeiter »erreichen«
Die Beherrschung der deutschen Sprache ist zum Teil bis gar nicht gegeben. Das beeinflusst natürlich die Möglichkeit der klaren Vermittlung von Arbeitsaufgaben, Arbeitsverfahren, Qualitätsanforderungen und Sicherheitsvorschriften.

Blazan Djakovic, stellvertretender Leiter Vorzurichtung/Zurichtung, bestätigt die Herausforderung durch Kommunikationsprobleme aufgrund von Schwierigkeiten, die deutsche Sprache zu verstehen. Er erklärt: »Selbst einfache Arbeitsanweisungen führen oft zu Missverständnissen. Erklärungen bzw. Wiederholungen des Gesagten sind mühsam und zeitaufwändig.« Er betont die hohe Bedeutung der Körpersprache. »So können wir erkennen oder ableiten, ob das Gesagte verstanden wurde oder nicht.« Ein sofortiges »Ja« ist eher mit Vorsicht zu bewerten. »Körpersprache lesen können« ist für Führungskräfte eine wesentliche soziale Kompetenz. »Wir unterstützen die Führungskräfte an der Wertschöpfungsbasis ein Gespür für Kommunikation zu entwickeln. Ein individuelles Umgehen mit jedem Mitarbeiter ist unabdingbar.«

Davut Demirarslan erzählt, dass eigene Fingerzeichen entwickelt wurden, die Fehler oder Zustände bei Maschinen zeigen. Blazan Djakovic forciert bildhafte Darstellung im Arbeitsalltag. Praktische Schulungen, wie »Zeigen-Vormachen-Nachmachen-Zeigen lassen« sind das tägliche Geschäft. Blazan Djakovic betont aber auch, dass auch informelle Kontakte mit Mitarbeitern während den Pausen sehr wichtig sind. Nähe ersetzt die Distanz durch die fehlende Sprache. Kennenlernen der Mitarbeiter ermöglicht ein besseres Einschätzen im Arbeitsprozess. Vertrauen entsteht durch Nähe und Auseinandersetzung mit dem Gegenüber.

Das Miteinander – multikulturelle Teams formen
Unterschiedliche Gewohnheiten, Denk- und Handlungsmuster sind schon im eigenen Kulturkreis eine Herausforderung und führen zu Konflikten. Die Menschen aus verschiedensten Kulturen, mit oft auch grundsätzlich anderen Arbeitshaltungen oder spirituellen Zugängen und anderen gesellschaftlichen Riten, verschärfen das Konfliktpotenzial. Blazan Djakovic sieht als Erfolgsfaktor, dass ein grundsätzliches Verständnis für andere Kulturen im Unternehmen gegeben ist. Wahrscheinlich trägt der Tatbestand, dass viele Führungskräfte, insbesondere Prozessgruppenleiter, Schichtleiter wie auch Blazan Djakovic als stellvertretender Leiter Vorzurichtung/Zurichtung schon im Unternehmen Karriere gemacht haben, dazu bei. Multikulturell ist nicht nur der Kreis der Arbeiter, sondern auch der gesamte Führungskreis in der Produktion. Blazan betont, dass die Unterstützung und Förderung seines Vorgesetzten viel zu seinem Weg beigetragen haben. Aktive Personalentwicklung wird daher auch ernst genommen und hat keine kulturellen oder sprachlichen Grenzen. Das Potenzial des Mitarbeiters steht im Vordergrund.

Petra Gauster weist darauf hin, dass man auch sehr achtsam gegenüber diskriminierendem Verhalten ist. Signale dafür werden sofort ernst genommen und bearbeitet. Davut Demirarslan betrachtet es als wichtig, sich für andere Länder zu interessieren. Davut forciert es, alle Mitarbeiter freundlich zu grüßen. Er ist stolz darauf, in vielen Sprachen »Wie geht es dir?« sagen zu können. Er will damit Aufmerksamkeit demonstrieren. Oft ist es auch wichtig, durch eine Berührung Distanz ab zu bauen. Ein Schulterklopfen ist Ersatz für ein schön formuliertes Lob, das eventuell nicht verstanden werden würde.

Die Planung – kulturell bedingte Urlaube und Umstände unter einem Hut bekommen
Blazan Djakovic erklärt, dass aus Zeichen des Respektes und der Wertschätzung auf Wünsche für Urlaube bei Feiertagen (z. B. Ramadan) sehr viel Rücksicht genommen wird. Führungskräfte fordern noch, dass Urlaubswünsche oft erst unmittelbar vor diesen Tagen angemeldet werden. Die Planung wird manchmal auch durcheinander geworfen, weil bei Fahrgemeinschaften z. B. aus Slowenien plötzlich der Fahrer krank wird und die vier Kollegen aus der Fahrgemeinschaft damit auch ausfallen. Die Flexibilität der Mitarbeiter bei zusätzlichen Schichten ist durch kosten- und zeitaufwändige Fahrten von und zur Arbeit nicht immer gegeben.

Gezielte Weiterentwicklung – Wollsdorf Academy
Die Mitarbeiter in der Produktion zu unterstützen, ist ein großes Anliegen von Petra Gauster. Für Blazan Djakovic sind internen Schulungen der Wollsdorf Academy zu Sicherheit, Ordnung & Sauberkeit am Arbeitsplatz, interne Kunden-Lieferanten-Beziehung, Schichtübergabe, Rückverfolgbarkeit ein wesentliches Element, um ein gemeinsames Verständnis für die Arbeit und den zu erreichenden Output zu erhalten. Eine gute Vermittlung der internen Abläufe und Prozesse, ein besseres Verständnis vor allem für kostenstellen- und abteilungsübergreifendes Arbeiten fördert Mitarbeiter, über den Tellerrand des eigenen Arbeitsschrittes zu denken. Bewusstseinsschärfung für die Wichtigkeit und Konsequenzen der einzelnen Prozessschritte sind ihm ein großes Anliegen. Petra Gauster entwickelt Programme, um die Führungskräfte an der Basis zu unterstützen. Die Bandbreite reicht vom Umgang mit Emotionen bis hin zu einem gemeinsamen Führungsverständnis. Wertschätzende und klare Kommunikation, Schulen der Wahrnehmung, Fördern von Teamgeist, Umgang mit Stress. Die Academy gilt auch als Potenzial-Assessment. Fehlende sprachliche Kenntnisse oder fehlendes Selbstbewusstsein verschütten zeitweise auch die Sicht auf die Potenziale der Mitarbeiter. Diese werden oft in den Ausbildungen, abseits des »getakteten« Arbeitsalltages sichtbar.

Die Führungskräfte bei Wollsdorf Leder bewältigen jeden Tag den Spagat zwischen Geduld und Wertschätzung und der Erreichung der anspruchsvollen Produktionsziele. Jeder weiß, wie schwer es sein kann, in druckvollen Situationen cool zu bleiben und das Gegenüber ruhig abzuholen. Wir ziehen unseren Hut vor dieser Leistung des täglichen Arbeitsalltags.

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Der oststeirische Lederhersteller und Kfz-Zulieferer Wollsdorf Leder
Die Lederherstellung ist ein komplexer Prozess aus einer Vielzahl von mechanischen und chemischen Arbeitsschritten. Das mit der Zentrale in Wollsdorf ansässige, weltweite und im Familienbesitz agierende Unternehmen bietet 1.100 Mitarbeitern Arbeit. Vertriebsniederlassungen bestehen in der USA, Australien, Hongkong, China. Zum Jahresende 2018 soll auch in Mexiko ein neues Werk mit rund 150 Beschäftigten eröffnet werden. Die Einsatzgebiete sind sehr vielfältig und gehen vom Automobilleder, Möbelleder, Flugzeugleder bis hin Boot- und Bahnleder. Spezialanwendungen sind auch noch der Einsatz von Leder im Bekleidungsbereich, Aussenbereich oder in der Medizinbranche.

Im Moment werden unter anderem gesucht: Leitung Logistik/Supply Chain Management – Headquarter Österreich (Wollsdorf), Ledertechniker SQA (Supplier Quality Assurance) – Headquarter mit Reisetätigkeit Europa, Lokale Fach- und Führungskräfte für Mexiko & Uruguay. wollsdorf.com

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Foto: Marija KanizajDr. Carola Payer betreibt in Graz die »Payer und Partner Coaching Company«. Sie ist Businesscoach, Unternehmensberaterin und Autorin. payerundpartner.at

Fazit 141 (April 2018), Fazitserie »Erfolg braucht Führung« (Teil 12)

 
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