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Konstante Veränderung

| 1. Juni 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 143, Fazitbegegnung

Foto: Sabine Hoffmann

Die offizielle Bezeichnung »Abteilungsvorständin« gefalle ihr gar nicht. Ingrid Krammer ist also »Amtsleiterin« des Amts für Jugend und Familie der Stadt Graz. Als solche ist sie, wie es sich für eine zeitgemäße Verwaltung gehört, im Managementbereich tätig.

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So managt sie auch die Führungskräfte des Amts, denn Referate gibt es in dieser breit gefächerten Abteilung der Stadt eine Menge. Schließlich sind auch die Aufgaben mannigfaltig. 180 Mitarbeiter decken zwei Geschäftsbereiche ab: Die Kinder- und Jugendhilfe sowie die offene Kinder- und Jugendarbeit.Von der Sozialarbeit über psychologischen Dienst bis zu Unterhaltsfragen und Gesundheit; aber auch Freizeitangebote, Streetwork, Adoption, Elternkurse oder Willkommensbesuche nach Geburten zählen dazu.

Ingrid Krammer macht das bereits seit 2002 und ist die erste Nichtjuristin und zweite Frau in diesem Job. Voriges Jahr feierte das »Jugendamt« sein hundertjähriges Bestehen, Krammer ihr fünfzehnjähriges Amtsjubiläum. Zuvor war die Nichtpragmatisierte Journalistin, Pressereferentin der SPÖ Steiermark, Leiterin des Renner-Instituts und Büroleiterin der ehemaligen Stadträtin Tatjana Kaltenbeck-Michl und sogar für ein paar Monate Gemeinderätin. Von Letzterer schwärmt Krammer noch heute, weil sie ihr »Frauenunterstützung« zukommen ließ, was aber auch für Männer wie Gerfried Sperl (damals Tagespost) oder Wolfgang Riedler (damals SPÖ-Chef Graz) gelte. Theoretisch ist Krammer für 45.660 Grazer und Grazerinnen zuständig. Soviele Unter-Achtzehnjährige leben mit Stichtag 1. Februar 2018 in der Stadt. Plus Familien natürlich, von denen voriges Jahr exakt 3.711 betreut wurden. Der Bereitschaftsdienst – als Novität in Österreich 24 Stunden rund um die Uhr im Krisenfall erreichbar – hat 991 Beratungen durchgeführt. 15 Kinder wurden 2017 gegen den Willen der Eltern abgenommen, 554 waren bei Pflegefamilien oder in Einrichtungen untergebracht. Die Worte »Fürsorge« oder »Jugendwohlfahrt« wurden übrigens 2013 mit dem gleichnamigen Gesetz durch »Kinder- und Jugendhilfe« ersetzt. Die Fürsorgerin heißt heute Sozialarbeiterin, immerhin zählen 60 der 180 Mitarbeiter dazu.

Seit 2004/5 unterliegt das Amt für Jugend und Familie unter ihrer Regie einem ständigen Veränderungsprozess nach dem Vorbild des Jugendamts in Stuttgart. »Es muss nicht alles neu erfunden werden, oft genügt es zu schauen, wo etwas gut läuft«, so Krammer. Dementsprechend wird das sogenannte Fachkonzept der Sozialraumorientierung für das Grazer Modell »übersetzt«. Was das heißen soll? Bei Unterstützungsmaßnahmen für Jugend und Familie ist deren Wille handlungsleitend. Krammers Botschaft an sie: »Dein Wille geschehe und wir unterstützen dich dabei.« Das oberste Gebot laute auch hier immer: Kinderschutz. Für das grundsätzliche Interesse, die erfolgreiche Recherche und die so konsequente Weiterverfolgung dieses Sozialraumorientierungsgedankens, wie auch für die Bereitschaft zur entsprechenden Weiterbildung, waren ihr Studium der Pädagogik und der Germanistik sowie der Medienkunde offenbar hervorragende Voraussetzungen. »Veränderung ist das einzig Kontinuierliche, wenn man mit Menschen zu tun hat«, lautet Ingrid Krammers Credo, nach dem sie auch (amts)handelt.

Sie würde den Literaturnobelpreis an Philip Roth vergeben (für »Der menschliche Makel«) – zu spät, kurz nach dieser Fazitbegegnung ist er gestorben – und sie outet sich als Fan der Serie Fazitportrait. Rechtzeitig. Um es mit Joe Zawinul beziehungsweise Cannonball Adderley zu sagen: Mercy, Mercy, Mercy.

Ingrid Krammer ist gebürtige Deutschlandsbergerin und feierte ihren 50er kürzlich in der Wüste Negev beim Laufen. Als erste Nichtjuristin nach fast hundert Jahren leitet sie seit 2002 das Jugend- und Familienamt in Graz nach dem Fachkonzept Sozialraumorientierung. Dabei kommen der achtfachen Tante nicht zuletzt das Pädagogik- und Germanistikstudium und die Medienkunde zugute.

Fazitbegegnung, Fazit 143 (Juni 2018) – Foto: Sabine Hoffmann

 
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