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Das geteilte Land

| 25. Februar 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 150, Fazitthema

Illustration: PPA-GroupDie Lebensräume in der Steiermark erleben einen dramatischen Wandel. Das Bundesland ist zweigeteilt in Abwanderungsregionen und in einen boomenden Ballungsraum, der die Landeshauptstadt Graz umgibt und inzwischen beinahe die Hälfte der steirischen Bevölkerung beinhaltet. Text von Johannes Tandl.

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Während an der Peripherie nur die Tourismusorte und die größeren Städte ihre Bevölkerung halten können, wuchern im Ballungsraum die Siedlungsräume der Dörfer weit über die ursprünglichen Grenzen hinaus. Probleme gibt es daher nicht nur durch die Abwanderung, sondern auch durch die Verstädterung der Dörfer.

Die Abwanderung ist nicht zu stoppen
Was es bedeutet, wenn in den verlassenen Dörfern nur die Alten zurückbleiben, kann man vor allem in der touristisch wenig erschlossenen Peripherie betrachten, aus der sich die Industrie weitgehend zurückgezogen hat. Denn von der guten Luft und der schönen Landschaft können nur die Tourismusbeschäftigten leben. Das gilt natürlich nicht nur für die Steiermark, sondern für ganz Europa. Und dass sich diese Entwicklung nicht einmal durch massive Zuwanderung von außen umkehren lässt, hat der Migrationsstrom des Jahres 2015 gezeigt. Denn auch die Migranten zieht es vor allem in boomende Städte und nicht in sterbende Dörfer. Die demografische Zweiteilung betrifft daher nicht nur die osteuropäischen EU-Staaten, die wegen der Personenfreizügigkeit mit einem extremen Braindrain konfrontiert sind, sondern auch Zuwanderungsländer wie Österreich, Deutschland, Frankreich oder Großbritannien. Alle kämpfen mit dem gleichen Problem. Je besser die Landbevölkerung formal gebildet ist, desto eher strömt sie wegen der besseren Karrierechancen in den Ballungsraum.

Gebildete junge Frauen gehen zuerst
Der klassische Binnenmigrant, den es von der Peripherie ins Zentrum zieht, hat daher einen hohen Bildungsabschluss, ist zwischen 15 bis 35 Jahre alt und ist meistens weiblich. Junge Frauen haben es auf dem Land nämlich besonders schwer. Die klassischen Berufe in der Landwirtschaft und im Bauhandwerk sind stark männlich geprägt. Für den Tourismus, aber auch andere Dienstleistungsjobs sind die jungen Frauen oft überqualifiziert. Außerdem tragen patriarchale Strukturen, die im ländlichen Raum immer noch wesentlich stärker ausgeprägt sind als in den Ballungsräumen, das ihre dazu bei. Während die Männer oft weite Pendelstrecken auf sich nehmen, kommt das für viele Frauen wegen der Doppelbelastung von Familie und Beruf nur eingeschränkt in Frage.

Trotzdem gibt es auch in den schlecht erreichbaren Abwanderungsregionen Gemeinden, die diese Entwicklung durchbrechen und sich über ein Bevölkerungswachstum freuen können. Diese Zuwanderungsinseln unterscheiden sich von ihrem Umfeld vor allem durch ihre familienfreundliche Infrastruktur. Die Kinderbetreuungseinrichtungen sind mit jenen in den Städten vergleichbar. Und die Bürgermeister kümmern sich um erschwingliche Baugründe und günstige Wohnungen für die Jungen. Trotzdem sind die Lebenschancen in diesen demografischen Ausreißerorten nur im regionalen Kontext gut. Mit dem Ballungsraum können sie wegen mangelnder Jobchancen nur selten mithalten.

Demografie als Standortfaktor
Eigentlich könnte man annehmen, dass die Wirtschaft in den von Abwanderung bedrohten Regionen hervorragende Rekrutierungsmöglichkeiten vorfindet. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn zum Entwicklungspotenzial einer Region zählen nicht nur die Infrastruktur von der Verkehrsanbindung bis zum schnellen Internet oder die Art und der Umfang von privaten und öffentlichen Investitionen, sondern eben auch die Qualifikation und die Größe des Arbeitskräfteangebots.

Die Chance, außerhalb der Ballungsräume auf qualifizierte Arbeitnehmer zu stoßen, ist daher noch geringer als die, entsprechend gut ausgebildete Mitarbeiter dazu bewegen zu können, wegen eines Jobs in eine Abwanderungsregion zu ziehen. Zu den bitteren Zusammenhängen zwischen demografischer und regionalökonomischer Entwicklung gehört, dass selbst die export-
orientierten Unternehmen, die kein einziges ihrer Erzeugnisse vor Ort verkaufen, auf ein wachsendes Arbeitskräfteangebot und eine entsprechend günstige altersstrukturelle Zusammensetzung der Bevölkerung angewiesen sind.

Abwanderung gefährdet die Investitionsbereitschaft
Und so klagen sogar internationale Topunternehmen, die überall sonst zu den begehrtesten Arbeitgebern der Welt zählen würden, inzwischen, dass sie außerhalb des Ballungsraums nur einen Bruchteil der erforderlichen Bewerber für ihre offenen Stellen finden. Langfristig hat das natürlich fatale Folgen. Unternehmen, die ihre Facharbeiterstellen nicht vor Ort zu besetzen vermögen, können nicht wachsen und sehen sich dazu gezwungen, ihre Erweiterungsinvestitionen dorthin zu verlagern, wo das Problem weniger brisant ist – nämlich in die Ballungszentren und im Speziellen in den Großraum Graz.

Daher stellen sich immer mehr Raumplaner die Frage, wie sinnvoll es ist, enorme Geldmittel in die Aufrechterhaltung oder sogar in den Ausbau einer Infrastruktur zu investieren, die niemand benötigt, weil sich die Jungen so oder so in die Stadt aufmachen und nur mehr zu den Feiertagen zu ihren betagten Angehörigen nach Hause kommen. Obwohl die Landespolitiker sämtlicher Parteien offiziell nichts davon wissen wollen, ist die Diskussion um die Aufrechterhaltung der überdimensionierten Infrastruktur zumindest unter den Experten entbrannt. Sollten die öffentlichen Gelder nicht dort – etwa zur Schaffung von günstigem Wohnraum – zur Verfügung stehen, wo die Bevölkerung ihre Zukunft sieht, nämlich in der Stadt? Stattdessen wird das städtische Wohnen immer unerschwinglicher und das Steuergeld fließt weiterhin in die Randlagen, um dort etwa kaum benutzte Straßen zu erhalten.

Die steirische Gemeindestrukturreform hat überlebensfähige Regionen zum Ziel
Dass sich die steirische Landesverwaltung mit diesem Problem beschäftigt, geht etwa aus den offiziellen Raumordnungsberichten des Landes hervor. In jenem von 2012 heißt es unter anderem: „In den Abwanderungsregionen stellt die Aufrechterhaltung der sozialen und technischen Infrastruktur eine maßgebliche Herausforderung dar. Mit der Entwicklung einer polyzentralen Siedlungsstruktur sollen regionale Versorgungskerne geschaffen werden.“ Diese Forderung, nämlich die Schaffung und Absicherung „polyzentraler regionaler Zentren“ war dann auch eines der wichtigsten Ziele der steirischen Gemeindestrukturreform des Jahres 2015. Selbst wenn sich Kosteneffekte durch die Reform nur langfristig abbilden lassen, wurden endlich Gemeindegrößen erreicht, die eine dauerhafte Absicherung der peripheren Lebensräume zulassen. Größere Gemeindestrukturen können kommunale Projekte wegen der gestiegenen Einwohnerzahl nicht nur besser skalieren, sie können auch das kommunale Serviceniveau in finanzschwachen Randlagen – von den Kindergartenöffnungszeiten bis zum Intervall der Müllabfuhr – viel einfacher an jenes von reichen Gemeinden im Ballungsraum heranführen.

Die Steiermark ist wegen der unterschiedlichen Erreichbarkeit zweigeteilt
Die Aufrechterhaltung der Lebenschancen stellt die verantwortlichen Kommunal- und Regionalpolitiker vor nahezu unlösbare Herausforderungen. Denn es ist in erster Linie die Erreichbarkeit, die darüber entscheidet, ob ein Dorf seine Einwohner halten kann oder ob sich die Jungen zum Abwandern gezwungen sehen.

Während der Grazer Zentralraum und sowohl die Städte in der Mur-Mürz-Furche als auch der Großteil des oststeirischen Hügellands verkehrsmäßig über die Autobahnen und Schnellstraßen sowie auch über das öffentliche Verkehrsnetz gut erreichbar sind – und die Orte daher dort wachsen –, kämpfen so gut wie alle Gegenden abseits der großen Verkehrsknoten gegen die Abwanderung. Dabei ist es völlig egal, ob es sich um ein inneralpines Seitental oder um Gemeinden im Hügelland handelt. Und so wachsen nur Gemeinden im Großraum Graz und Dörfer im Umland um der größeren städtischen Zentren des Mur-Mürz-Tales und des oberen Ennstals dynamisch. Vor allem der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), durch den die Zentren schnell und günstig erreichbar werden, hält die Menschen auf dem Land.

Der Koralmtunnel erschließt die Weststeiermark, nimmt aber die Obersteiermark vom Netz
In diesem Zusammenhang spielt auch der Ausbau der europäischen Verkehrswege im Rahmen der sogenannten transeuropäischen Netze (TEN) eine wichtige Rolle. Dazu gehören das hochrangige Straßennetz, die transnationalen Eisenbahnstrecken, Flughäfen, Häfen, aber auch das europäische Satellitennavigationssystem Galileo. Der Anschluss an ein TEN-Netz ist zum wesentlichen Standortfaktor für eine Region in Bezug auf ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit geworden. Vor diesem Hintergrund sind die Erwartungen in Bezug auf die Koralmbahn und den Semmeringtunnel als wirtschaftliche Impulsgeber durchaus gerechtfertigt. Dass die neue Streckenführung der Südbahn über Graz und Klagenfurt statt über Knittelfeld und Scheifling zugleich eine Abwertung der alten Strecke mit sich bringt, weil die Re-
gion vom transnationalen Verkehr abgeschnitten wird, hat jedoch zweifellos auch negative Auswirkungen auf die Obersteiermark.

Der Speckgürtel hat ganz andere Probleme
Während sich die steirischen Randgebiete langsam, aber bis dato unaufhaltsam entvölkern, boomt die Großstadtregion Graz sowie die angrenzenden Städte Leibnitz, Weiz, Voitsberg und Köflach. Der Graz zugerechnete Speckgürtel umfasst inzwischen 61 Gemeinden und reicht in Ost-West-Richtung von Sinabelkirchen bis Stainz und von Norden nach Süden von Deutschfeistritz bis Lebring. Auf zehn Prozent der steirischen Landesfläche leben etwa 40 Prozent der steirischen Bevölkerung. 2050 werden es an die 60 Prozent sein. Im Großraum Graz sind die Siedlungsstränge entlang der Hauptverkehrsrouten inzwischen weitgehend geschlossen verbaut. Die bis in die 1980er Jahre vor allem landwirtschaftlich geprägten Dörfer wurden suburbanisiert. Das Tempo der Entwicklung ist atemberaubend und lässt manchen Historiker bereits Vergleiche mit den Gründerzeitjahren im Zuge der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert ziehen.

Die Verstädterung ist geprägt durch eine wuchernde Siedlungsentwicklung, den Trend zu flächenintensiven Bebauungsformen und anhaltenden Zuzug. Sinkende Haushaltsgrößen sowie die wirtschaftliche Expansion führen zu einem unverhältnismäßig großen Flächenverbrauch. Und weil der Boden in Zentrumsnähe immer knapper wird, entstehen nicht nur die bekannten Nutzungskonflikte zwischen Wirtschaft und Landwirtschaft oder Jägerschaft und Freizeitgesellschaft. Auch die Baulandpreise wachsen exponentiell zur Bevölkerungszahl.

Der Kampf von Graz gegen die Umlandgemeinden
Der Grazer Speckgürtel zehrt aber nicht nur an der Substanz der Abwanderungsregionen an den peripheren Lagen. Er zehrt auch an der Substanz der Kernstadt. In keinem anderen Land der EU ist die Konkurrenz zwischen Stadt und Umland so ausgeprägt wie in Österreich. So ist die Einkaufsfläche im Einzelhandel in Österreich mit 1,7 m2 je Einwohner um 30 Prozent größer als in Schweden oder gar um 40 Prozent größer als etwa in Frankreich.

Das Versagen der ordnungspolitischen Fiskal- und auch der Raumordnungspolitik zeigt sich etwa beim Konflikt um das Einkaufszentrum in Seiersberg. Die Nachbarschaft von Graz zum Umland ist nämlich durch einen schonungslosen Wettkampf um Einwohner sowie Handels- und Gewerbeansiedlungen gekennzeichnet. Die Ursache für diesen erbitterten Kampf liegt in der sogenannten Kommunalsteuer. Drei Prozent der Lohnsumme der in einer Gemeinde beschäftigten ASVG-Arbeitnehmer werden nämlich vom Finanzamt an die Gemeinde abgeführt. Pro Vollzeitbeschäftigtem beträgt die Steuer ungefähr 1.000 Euro jährlich. Dazu kommen die Ertragsanteile, die sich aus der Einwohnerzahl berechnen und über den Finanzausgleich an die Gemeinden gehen. Ein ehrgeiziger Bürgermeister, der die kommunalen Angebote verbessern will, kann die dafür notwendigen finanziellen Mittel daher langfristig nur über einen Einwohnerzuwachs oder Betriebsansiedlungen erwirtschaften. Dieses ordnungspolitisch motivierte Kirchturmdenken war übrigens ein weiteres Motiv für die steirische Gemeindestrukturreform. Durch die so ermöglichten größeren Planungsräume braucht nicht mehr jedes Dorf sein eigenes Gewerbegebiet oder seine Wohnsiedlung.

Die Raumordnungsgesetze sind zahnlos
Natürlich hütet sich die Landespolitik, den Bürgermeistern im Wettlauf um neue Bürger und Unternehmen Hindernisse in den Weg zu legen. Eine überregionale Raumordnungspolitik findet zwar statt. Das Beispiel Seiersberg zeigt aber deutlich, dass übergeordnete Raumordnungsentscheidungen nur dann an den Bürgermeistern vorbeiführen, wenn diese nicht mit großer Beharrlichkeit ihre Interessen durchzusetzen versuchen.
Obwohl die Kernstädte wegen der Zuwanderung von außen wieder stark wachsen, hat sich am Traum der Städter vom Eigenheim im Grünen nichts geändert. Die Lebensstilstudien zeigen, dass es besserverdienende Familien immer noch auf das Land zieht. Dort sind wegen des niedrigeren Migrantenanteils angeblich nicht nur die Schulen besser, auch die Grundstücke sind erschwinglicher und jeder so eingesparte Euro kann in die Ausstattung des Eigenheims fließen. Je weiter weg vom Zentrum, desto erschwinglicher wird das Wohnen. Dafür brauchen Speckgürtelhaushalte meistens immer mindestens zwei Autos und viel Zeit für die täglichen Fahrten zum Einkaufen oder zum Arbeitsplatz.

Der Speckgürtel vergrößert sich auf diese Art von selbst. Denn vor allem junge Familien, die sich den Traum vom Haus mit Garten erfüllen möchten, lassen sich eher am äußeren Rand der Großstadtregion nieder und verteuern so die Grundstückspreise. Und auch viele Zuwanderer aus den Abwanderungsgebieten können sich Wohnungspreise von 4.000 Euro und mehr je m2, wie sie im Grazer Stadtgebiet inzwischen üblich sind, nicht leisten und nehmen dafür, dass sie nur 3.000 Euro bezahlen müssen, gerne die Nachteile der suburbanen Zone in Kauf.

Fakten zum Bodenverbrauch
In Österreich werden täglich 15 Hektar (24 Fußballfelder) verbaut. Österreich verliert so jährlich 0,5 Prozent seiner Agrarflächen, d.h. in 200 Jahren gäbe es bei Fortschreiten dieser Entwicklung so gut wie keine Agrarflächen mehr in Österreich. Im Vergleich: Deutschland und die Schweiz verbauen jährlich 0,25 Prozent, Tschechien 0,17 Prozent. Österreich hat mit 1,7 m² die höchste Supermarktfläche pro Kopf: Italien 1,0 m², Frankreich 1,2 m². Österreich hat mit 15 Meter pro Kopf eines der dichtesten Straßennetze: Deutschland 7,9 Meter, Schweiz 8,1 Meter pro Kopf.

Fazitthema Fazit 150 (Jänner 2019), Illustration: PPA-Group

 
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