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Globalisierung. Hält der Wohlstandsmotor der Kritik stand?

| 31. März 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 151, Fazitthema

Illustration: Adobe-StockVor zehn Jahren ist mit der Finanz- und Wirtschaftskrise auch die Globalisierung als Motor des weltweiten Wohlstandszuwachses in die Kritik geraten. Inzwischen hat sich zwar die Wirtschaft erholt, doch die Kritik bleibt. Und trotz Vollbeschäftigung freuen sich die EU-, Freihandels- und Kapitalismusgegner auch in Österreich über eine wachsende Zustimmung. Text von Johannes Tandl.

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Die Globalisierungskritik von Attac, Oxfam oder kirchlichen Organisationen trägt deutlich antikapitalistische Züge. Armut wird mit Ungleichheit gleichgesetzt und Ausbeutung und Verelendung werden als direkte Folge der ökonomischen Internationalisierung angesehen. Dabei gesteht sogar Winnie Byanyima, die Chefin von Oxfam, durchaus zu, dass die Welt in den letzten Jahrzehnten deutlich besser geworden ist, weil Hunderte Millionen Menschen der Armut entkommen konnten.

Die weltweite Armut ist dramatisch gesunken
So lebten im Jahr 1990 noch zwei der damals 5,3 Milliarden Menschen auf unserem Planeten in bitterer Armut. Im Jahr 2012 waren das »nur« mehr 900 Millionen der inzwischen 7,1 Milliarden Erdenbürger.

Rechte Globalisierungsgegner argumentieren hingegen mit Arbeitsplatz- und »Überfremdungsängsten«. Denn mit der wirtschaftlichen Globalisierung ging auch überall eine kulturelle Öffnung und größere Reisefreiheit einher. Ein Indiz dafür ist auch die wachsende Zahl der Internetanschlüsse. Im Jahr 2015 hatten weltweit bereits 46 Prozent der Haushalte einen Zugang zum Internet, in den Schwellenländern lag dieser Wert bei 34 Prozent und sogar in den wenig entwickelten Staaten – früher als »Entwicklungsländer« bezeichnet – bei beachtlichen sieben Prozent.

Die weltweite kulturelle Öffnung zeigt sich auch am Anstieg des Tourismus. Konnten sich im Jahr 1980 weltweit nur etwa 280 Millionen eine Auslandsreise leisten, waren das 2015 bereits 1,2 Milliarden Menschen. Und die wirtschaftlich erfolgreichen Staaten haben längst nicht nur ihre Heimmärkte, sondern auch ihre Arbeitsmärkte international geöffnet.

Die Industrienationen mussten den Billiglohnsektor aufgeben
Das führt aber jedoch nicht nur zu Globalisierungsgewinnern, sondern auch zu Verlierern und damit zu jenen Zukunftsängsten, die sich von rechten wie linken Globalisierungs- und Freihandelsgegnern gezielt schüren lassen. So hat das hohe Lohnniveau in den hoch entwickelten Industrieländern natürlich dazu beigetragen, dass zahlreiche ehemalige Schlüsselproduktionen in die Schwellenländer ausgelagert wurden. Kleidung und die meisten Konsumerzeugnisse kommen längst aus den sich entwickelnden Volkswirtschaften Asiens, aber auch Afrikas, Südamerikas oder Südosteuropas, wo sie wegen der niedrigen Löhne zu jenen günstigen Preisen hergestellt werden können, zu denen sie weltweit Abnehmer finden.

Ständig sinkende Transport-, aber auch Telekommunikationskosten haben es den Unternehmen erleichtert, ihre Fertigungsstätten dorthin zu verlagern, wo es für sie am effizientesten ist. Und inzwischen werden nicht nur Produktionen, sondern auch immer mehr Dienstleistungen in sogenannte Billiglohnländer »outgesourced«.

Die breite Allianz der Globalisierungsgegner
Globalisierungsgegner agieren unabhängig von ihrem ideologischen Hintergrund protektionistisch und damit nationalistisch. Als Freihandelsgegner bekämpfen sie den Abbau von Zöllen und der »nicht tarifären Handelshemmnisse«. Unter dem Deckmantel des Klima-, aber auch Konsumentenschutzes versuchen sie die Einführung weiterer globaler Qualitäts- und Dienstleistungsstandards zu stoppen. So wurde etwa TTIP – das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA – auf beiden Seiten des Atlantiks von einer unfreiwilligen Allianz, bestehend aus Kapitalismuskritikern, Klimaschützern und xenophoben Rassisten, erfolgreich verhindert. Mit Donald Trump kam ein US-Präsident an die Macht, der sogar seinen engsten Verbündeten unverhohlen mit einem Handelskrieg droht, um eine »America First«-Agenda durchzusetzen, bei der es langfristig nur Verlierer geben kann. Und in Großbritannien hat diese unheilige Allianz erreicht, dass das Vereinigte Königreich wohl die EU verlassen wird. Auch in Italien, einem Land, das wie kaum ein anderes von der EU-Integration profitiert hat, ist inzwischen eine Koalition aus Links- und Rechtspopulisten an der Macht, die sich vor allem darin einig ist, dass die EU und die Globalisierung schuld am wirtschaftlichen Niedergang der ehemaligen Exportnation sind, und nicht die populistische Reformverweigerung.

Die Europäer fürchten die Nebenwirkungen der Internationalisierung
Zahlreiche Umfragen belegen zwar, dass die Europäer den Welthandel grundsätzlich begrüßen, aber auch, dass sie sich vor dessen Nebenwirkungen fürchten. So sind als direkte Folge der Globalisierung Millionen Hilfsarbeiterjobs verschwunden, weil sie entweder in billigere Länder ausgelagert oder aus Kostengründen wegautomatisiert wurden. Dazu kommt der Egoismus der Nationalstaaten in der Steuerpolitik, der es multinationalen Konzernen erlaubt, ihre Standortstrategien nicht nur von den nationalen Produktivitätszahlen, sondern auch von den Steuervorteilen abhängig zu machen, die ihnen gewährt werden. So ermöglichen etwa Luxemburg, Irland oder die Niederlande Steuerkonditionen, von denen ortsansässige KMU nicht einmal zu träumen wagen.

Dabei ist völlig klar, dass nicht nur die Schwellenländer, sondern auch die Industrieländer zu den großen Globalisierungsgewinnern gehören, weil dort wesentlich mehr und bessere Jobs geschaffen wurden, als verloren gegangen sind. Doch weil das Arbeitsplatzthema so große Emotionen hervorruft, ist es immer noch der wichtigste Hebel für die Globalisierungskritik.

Es scheint völlig egal zu sein, wie viele neue Jobs von international tätigen Unternehmen im Inland geschaffen wurden oder wie viele Facharbeiterstellen mangels geeigneter Bewerber gar nicht erst besetzt werden können. Wenn etwa der weltweit agierende Siemens-Konzern seine Gasturbinensparte aus Synergiegründen an einem Standort konzentriert und dadurch Hunderte Jobs verlagert werden, ist die Aufregung riesig. Und auch wenn ein chinesischer Konzern einen europäischen Mittelständler übernimmt und hier Tausende Arbeitsplätze entstehen lässt – weil den neuen Eigentümern völlig klar ist, dass man dort investieren muss, wo das entsprechende Know-how besteht – wird medial eher der Ausverkauf der heimischen Wirtschaft als die Schaffung der neuen Jobs thematisiert.

Die Globalisierung hat auf allen Kontinenten den Wohlstand gemehrt und die Armut verringert. In den ärmsten Ländern ist als unmittelbare Folge die Lebenserwartung so stark gestiegen und die Kindersterblichkeit so extrem gesunken, dass die Weltbevölkerung von 2,5 Milliarden Menschen im Jahr 1950 auf mittlerweile 7,7 Milliarden angewachsen ist. Und in den nächsten drei Jahrzehnten wird die Menschheit wohl auf 10 Milliarden weiterwachsen.

Fazitthema Fazit 151 (April 2019), Illustration: Adobe-Stock

 
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