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Immer wieder Sonnenaufgang

| 3. Juni 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 153, Kunst und Kultur

Foto: Lupi Spuma

Es gibt Werke, an denen kommt ein modernes zeitgenössisches Theater nicht vorbei. Die von Ewald Palmetshofer adaptierte Version des Gerhart-Hauptmann-Debütstücks »Vor Sonnenaufgang« aus dem Jahr 1889 zählt dazu.

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Und so ist das Grazer Schauspielhaus nach Akademietheater und Klagenfurter Stadttheater bereits die dritte große österreichische Bühne, die sich der gesellschaftlichen Spaltung widmet, die Palmetshofer in den Mittelpunkt des Dramas stellt. Dazu erweitert Palmetshofer die Auseinandersetzung der beiden Protagonisten Alfred Loth und Thomas Hoffmann, die im Hauptmann-Plot nur eine untergeordnete Rolle einnimmt, zum wesentlichen Handlungsstrang des anfangs als boulevardeske Salonkomödie inszenierten Stücks. Doch mit dem Besuch von Alfred Loth bei seinem Studienkollegen Thomas Hoffmann ändert sich der Charakter der Aufführung und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Loth besucht erstmals nach 15 Jahren seinen alten Studienfreund Thomas Hoffmann. Dieser ist inzwischen in das Unternehmen seines Schwiegervaters Egon Krause eingestiegen und lebt gemeinsam mit seiner hochschwangeren, von Depressionen geplagten Ehefrau Martha und den Schwiegereltern in einer Vorortvilla. In den letzten 15 Jahren hat sich Hoffmann jedoch zum materialistischen, geschäftlich erfolgreichen Zyniker gewandelt. Alfred Loth ist hingegen seiner Gesinnung treu geblieben und arbeitet als Journalist bei einer linken Wochenzeitung. Scheinbar zufällig taucht Loth bei Hoffmann auf. Und rasch wird klar, dass es sich um keinen Freundschaftsbesuch handelt. Nachdem Alfred den gesellschaftlichen und ökonomischen Aufstieg von Thomas mitbekommen hat, will er verstehen, wie sich sein Kommilitone so sehr verändern konnte, dass er sich sogar für eine rechte Partei in der Kommunalpolitik engagiert. Und es dauert nicht lange, bis die Gräben zwischen den beiden sichtbar werden. Palmetshofer rückt den Verlust der Dialogfähigkeit zwischen links und rechts in den Mittelpunkt. Er veranschaulicht das gesellschaftliche Auseinanderdriften, indem er den ernsthaften Diskurs der ehemaligen Freunde durch belangloses Geplapper über Allerweltsthemen bzw. durch eine lähmende Sprachlosigkeit als Folge des völligen Unverständnisses für den jeweils anderen Standpunkt ersetzt.

Alfred will von Thomas aus einer moralischen Überlegenheit heraus wissen, wie er sich so sehr verändern und seine ursprünglichen Ideale verraten konnte. Doch dieser weicht aus, verteidigt sich mit seinen Lebensumständen und redet seine beruflichen Erfolge schön. Alfred, der sich in die jüngere Tochter des Hauses, Helene Krause, verliebt, zeigt aber kein Verständnis für Hoffmanns Arroganz und Dekadenz. Alfred und Helene planen bereits eine gemeinsame Zukunft, doch die stürmische Romanze endet damit, dass Alfred der Mut zu einer Beziehung mit Helene fehlt. Nachdem er nämlich erfährt, dass Martha unter Depressionen leidet und zu befürchten ist, dass auch ihre Schwester Helene betroffen ist, beendet Alfred die Affäre, indem er heimlich verschwindet. Seine  Feigheit zeigt, dass er völlig außer Stande ist, seinen eigenen moralischen Ansprüchen auch gerecht zu werden. Nicht nur für Helene, sondern auch für Martha, Egon und Annemarie führt der Weg ins Elend.

Das wegen der oft bewusst aneinander vorbeiredenden Akteure zweifellos schwierig zu inszenierende Stück lässt die Besucher ziemlich ratlos zurück. Vor allem die starke Leistung des Ensembles sorgt dennoch dafür, dass die zwei Stunden und vierzig Minuten kurzweilig bleiben. Besonders hervorzuheben sind die Leistungen von Fredrik Jan Hofmann als Thomas Hoffmann und von Susanne Konstanze Weber als Annemarie Krause.

Vor Sonnenaufgang
Von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmanns Familiendrama.
Regie: Bernd Mottl. Mit Maximiliane Haß, Fredrik Jan Hofmann, Mathias Lodd, Sarah Sophia Meyer, Clemens Maria Riegler, Susanne Konstanze Weber, Franz Xaver Zach. Wieder am 5. Oktober um 19.30 Uhr im Haus Eins.
schauspielhaus-graz.com

Alles Kultur, Fazit 153 (Juni 2019), Foto: Lupi Spuma

 
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