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Behüten und behaupten

| 11. Oktober 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 156, Fazitbegegnung

Foto: Heimo Binder

Wer etwas über Hüte wissen will oder gar einen braucht, kommt an Christine Rohr nicht vorbei. Dabei ist es von Vorteil, a) eine Frau zu sein und b) dienstags Zeit zu haben. Auskenner wissen, dass man zu Meisterin Rohr nicht Hutmacherin sagen darf – dann würde sie ja Herrenhüte herstellen –, sondern Modistin, denn sie stellt Damenhüte her.

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Da sich die Zeiten gegendert haben, müsste es eigentlich Männer- und Frauenhüte heißen. – Wie ungalant. Dabei lautete der Überbegriff für die Kopfbedeckungen von den vormaligen Putzmacherinnen einst »Galanteriewaren«. Sie haben die einst sehr teuren Kleider »aufgeputzt«. Das hat mehr mit Nachhaltigkeit zu tun, als eine H&M-Kundin zuzugeben vermag. Christine Rohrs Credo lautet: »Wissen und Handwerk sollen nicht verloren gehen.« Als letzte Modistenmeisterin mit eigenem Geschäft in einer Stadt, die in den Neunzehnachtzigerjahren noch über 30 Hutgeschäfte verfügte (die Stadt, nicht die Meisterin), kämpft sie mit viel Einsatz und Elan für die Renaissance des Huts. Klasse zählt für sie und ihrer Kundinnen mehr als Masse.

All ihre Modelle sind Einzelanfertigungen und können sich im wahren Sinn des Wortes sehen lassen und das tun sie auch auf internationaler Ebene: etwa beim Dubai World Cup, dem höchstdotierten Pferderennen der Welt, oder in Ascot, beim berühmtesten Pferderennen, oder im deutschen Hutmuseum Lindenberg, dem Zentrum der deutschen Hutindustrie. Preislich beginnen ihre Hutkreationen bei 200 bis 300 Euro, nach oben sind nicht wirklich Grenzen gesetzt. Christine Rohr drückt es in ihrer direkten Art so aus: »Das sind österreichische Meisterhände, nicht chinesische Kinderhände.« Alles ist handgemacht, nichts ist vorgefertigt. Jeder Stich, jede Blume, jede Feder, jedes noch so kleine oder noch so spektakuläre Element in, an, aus und auf dem Hut aus ihrem Atelier in der Kalchberggasse. Ja, auch Federn sind gefärbt und beschnitten, als hätte ein jahrtausendealter Evolutionsprozess sie geformt. Kunstwerke für den Kopf? Von der Doppeldeutigkeit dieser Frage abgesehen, stellt sie sich nicht mehr wirklich, seit der Feuerlöscher in einem Kunstmuseum auch ein Readymade sein könnte. Meisterin Rohr direkt und pragmatisch: »Ich bin nicht Künstlerin und auch nicht Kunsthandwerkerin, das ist mir zu nahe an Basteltante.«
Nach sechsjähriger Ausbildung inklusive Meisterprüfung in der Wiener Fachschule Hetzendorf musste sie sich behaupten. Ihr Geburtsort Trofaiach erwies sich nicht als goldener Boden für das Geschäft, auch das Geschäft in Wien, genauer das dortige Publikum, war nicht ihr Ding. Aber die Festspiele in Mörbisch ab 1996. Von »Giuditta« bis »Gräfin Mariza« sorgte sie 13 Saisonen lang für die Hutausstattung wie auch für die Tierkostüme. Mit 30 machte sie die Matura nach und schrieb sich an der Kunstuni Linz für Bildnerische Erziehung, textiles Gestalten und Werken ein und sponsierte 2005 zur Magistra Artium. Bis 2008 war sie noch im Mörbisch engagiert, aber nach der Intendanz von Harald Serafin schwanden auch dort Kulturgelder und Publikum. Doch neben Ausstattungen etwa für den Lifeball veranstaltete Christine Rohr auch Workshops, die unter anderem die Lehrerfortbildung umfassten, und so landete sie noch im selben Jahr als Lehrende im Gymnasium Kapfenberg. Das machte nicht zuletzt die Existenz als Modistin einfacher.

So kam es, dass ihr Geschäft grundsätzlich nur mehr dienstags geöffnet ist. Aber auch nach Vereinbarung, Anruf genügt. Ihre ehrgeizige Vision, Graz zur Huthauptstadt zu machen, ist wohl immer noch vom Pendelausschlag der Mode abhängig. Mit ihrer Christine-Rohr-Academy sorgt sie über das WIFI dafür, dass Wissen und Handwerk in der Zwischenzeit nicht verloren gehen. Tipp unter uns Laien: Schauen Sie unter das Hutband. Einen Modellhut erkennt man daran, dass die Krempe und der Kopf des Huts miteinander vernäht sind.

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Christine Rohr, 1969 in Trofaiach geboren, betreibt ihr Hutgeschäft in Graz seit 20 Jahren. Bereits mit 16 Jahren zog sie nach Wien, lernte das Modistenhandwerk von der Pike auf und gilt im In- und Ausland als Topadresse, wovon auch prominente Kunden, hochrangige Ausstellungen und Museumsankäufe Zeugnis ablegen. christine-rohr.at

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Fazitbegegnung, Fazit 156 (Oktober 2019) – Foto: Heimo Binder

 
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