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Ein anspruchsvoller Freund

| 30. Oktober 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 157

Foto: GEPA

Der ehemalige steirische Landesrat Gerhard Hirschmann ist Ende September dieses Jahres überraschend gestorben. Diözesanbischof emeritus Egon Kapellari hat das Requiem für ihn am 5. Oktober in der Grazer Kirche Sankt Veit gehalten. Seine inhaltsvolle und ausdrucksstarke Predigt zeichnet ein schönes Bild eines großen Steirers und Österreichers. Lesen Sie hier den gesamten Text im Wortlaut. (Druckansicht)

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Geehrte hier in trauerndem Gedenken an Dr. Gerhard Hirschmann Versammelte und in Ihrer Mitte liebe Angehörige des Verstorbenen, geehrte Repräsentanten aus Politik und Kultur mit Herrn Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer an der Spitze! Liebe Mitbrüder Bischofsvikar Prälat Heinrich Schnuderl und Hochschulseelsorger Alois Kölbl! Und Sie alle, die gekommen sind, um Abschied zu nehmen von einem Mann mit besonderem Profil, dessen bewegtes Leben früh und plötzlich zu Ende gegangen ist!

Wir feiern den Gedenkgottesdienst für Gerhard Hirschmann in dieser Kirche, wo am 9. Jänner 2016 auch das Requiem für den verstorbenen Alt-Landeshauptmann Josef Krainer gefeiert worden ist. Gerhard Hirschmann wird nachher ebenso wie damals Josef Krainer auf dem Pfarrfriedhof von Graz-St. Veit bestattet werden. Das ist eine seltsame, aber zutiefst sinnvolle Fügung, weil Josef Krainer und Gerhard Hirschmann auf unverwechselbare Weise miteinander verbunden waren.  Am Beginn dieser und jeder katholischen Eucharistiefeier stehen Worte der Sehnsucht nach einem reinen Herzen und der Bitte um Vergebung von Schuld. Es sind Worte, die ein blinder Bettler namens Bartimäus nach dem Zeugnis des Markusevangeliums vor 2000 Jahren am Rand der Straße von Jerusalem nach Jericho Jesus zugerufen hat. Sie lauten: »Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner« und in griechischer Sprache überliefert »Kyrie eleison.« Und Jesus heilte ihn.

Liebe Christen, Brüder und Schwestern, und in Ihrer Mitte Sie alle, die hier im Gedenken an Gerhard Hirschmann versammelt sind! »Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, o Gott!« – Dieses wohl bekannteste Wort des heiligen Bischofs und Kirchenvaters Augustinus aus seinem autobiografischen Werk »Bekenntnisse – Confessiones« ist eine der Nachrichten über den plötzlichen frühen Tod von Gerhard Hirschmann vorangestellt. Das Wort »unruhig« trifft zwar auf vieles zu, das für das Leben und Wirken des Verstorbenen bestimmend war. Das war aber nicht planlose hektische Unruhe, sondern Unruhe als Antrieb dazu, Neues, Besseres in Gang zu bringen. Ein würdigender Nachruf auf ihn in einer steirischen Tageszeitung stand daher zutreffend unter dem Titel »Er verachtete den Stillstand«. Sein Denken und sein Tun waren bestimmt durch eine außerordentlich große Begabung zur Analyse und zum Entwerfen von Neuem, aber auch zur Verwirklichung von Ideen.

Im Ganzen war dem hochgewachsenen, sehr intelligenten, hellwachen, zu meisterlichem Umgang mit der Sprache und dies auch bei fundierter, aber manchmal überzogener Kritik begabten Studenten, Akademiker und schließlich Politiker weniger die umsichtige und vorsichtige Weisheit der Eule eigen, die als Eule der Minerva in der Antike als Symbol für Weisheit gegolten hat. Der Verstorbene hatte sein Symbol eher im antiken Adler, der schon am Morgen zum Flug ansetzt.

Gerhard Hirschmann stammte aus der oststeirischen politischen Gemeinde und Pfarre Gnas, wo auch heute einige Angehörige, darunter seine betagte Mutter, leben. Gnas ist die Heimat auch anderer Persönlichkeiten, die in der Steiermark besonders prägend waren oder heute prägend sind. Die Gymnasialzeit verbrachte der junge Oststeirer im Schülerheim der Salvatorianer am Lindweg in Graz und war den Salvatorianern, so auch P. Leo Thenner, bleibend dankbar verbunden. Nach der Matura wohnte er in den Studentenhäusern der Grazer Katholischen Hochschulgemeinde in der Leechgasse und am Münzgraben, war durch ein Jahr auch Vorsitzender der Katholischen Hochschuljugend und später, von 1976 bis 1979, Jahre Leiter des mit der Katholischen Hochschulgemeinde von Anfang an verbundenen Afro-Asiatischen-Institutes in der Grazer Leechgasse. In diesen Jahren hat sich das Profil des Studenten der Rechtswissenschaften und später auch der Theologie unverwechselbar ausgeprägt: Ungewöhnliche Sprachkompetenz, Freude, ja Lust am Streit und ein spezieller Sinn für Neues, kreativ in die Zukunft Weisendes waren schon in diesen Jahren Koordinaten seines Handelns. Globales Denken und Handeln hat er bei der Hochschulgemeinde und dem Afro-Asiatischen-Institut so entwickelt, dass es später bei seiner Tätigkeit in den Medien und in der Politik bestimmend geblieben ist. Rückblickend auf diese Zeit hat Gerhard Hirschmann Jahre später das Afro-Asiatische-Institut und die Katholische Hochschulgemeinde als einen »Ort weltoffener Begegnung« bezeichnet, »wo die soziale Praxis und Kommunikation des gelingenden Alltags sich symbolisch wiedergefunden hat im herausfordernden Diskurs über eine künftige – erhoffte bessere Welt, ein Bollwerk gegen jede Form fundamentalistischer Haltung und Aktivität«.

Der Herr Landeshauptmann, aber auch andere Politiker haben Gerhard Hirschmann als Vorbild, Ratgeber und vor allem als Freund bezeichnet. Er war ein anspruchsvoller und oft auch unbequemer Freund. Unbequem war er aber auch für sich selber. Seine Kritik in und an Politik, Kultur und Religion beruhte in vielem auf nüchterner und zutreffender Analyse. Sie war aber nicht selten überzogen durch seine Begabung zu elegantem Spott. Im Grunde wusste er aber auch um eigene Schwächen und Fehler und hat sie auch nicht selten einbekannt. Zur großen Schar seiner Freunde konnte und kann auch ich mich als langjähriger Studentenpfarrer und dann seit Jahrzehnten als Bischof zählen. In allen unterschiedlichen Phasen seines Lebens und in allen Umbrüchen des kirchlichen Lebens war Gerhard Hirschmann ein Christ: ein oft kritischer und auch bekümmerter Katholik. Er kannte die epochalen Zweifel am Glauben und an Gott und war wohl auch selbst manchmal davon erfasst. Die letzten Jahre seines Lebens waren überschattet durch eine Krankheit, der er tapfer widerstanden hat. Allen, die ihm in dieser Zeit besonders geholfen haben, gebührt großer Dank. Und großer Dank gebührt auch allen, die ihm in allen Jahrzehnten vorher fördernd durch Zuspruch, aber auch Widerspruch geholfen haben.

An der Bahre oder am Grab von Menschen, mit denen wir besonders verbunden waren, stellt sich für viele Lebende die Frage, ob sie dem Verstorbenen etwas schuldig geblieben sind und manchmal auch die Frage, was er ihnen nach ihrer Meinung schuldig geblieben ist. Für die gemeinsame Lebenskultur einer Gesellschaft ist es wichtig, dass solche Fragen nicht verdrängt, sondern ehrlich gestellt und ehrlich beantwortet werden. Auch im Gedenken an Gerhard Hirschmann sind diese Fragen legitim und entsprechen auch dem kulturellen und spirituellen Niveau des Verstorbenen. Manches davon ist relevant für die Öffentlichkeit, anderes gehört in die Sphäre des Privaten. Beide Sphären grenzen freilich aneinander und durchdringen einander harmonisch oder auch nicht. Als Christen beten wir das »Vater unser« oft gedankenlos. Aber die darin enthaltene Bitte »vergib uns unsere Schuld« kann sich wohl jeder ehrliche Christ zu eigen machen. Im »Vater unser-Gebet« schließen sich daran aber die Worte »wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« an. Jeder der so betet ist gefragt, wie er mit diesen Worten umgeht.

Liebe hier im Gedenken an Gerhard Hirschmann Versammelte! Wir feiern das Gedenken an ihn besonders auch in diesem Gottesdienst, in einer Heiligen Messe. Ihr älterer Name lautet Eucharistie, auf Deutsch: Danksagung. Viele Nachrufe auf Verstorbene münden in die trauernde Aussage: »Er ist nicht mehr!« Ein menschliches Leben, das mit 80 oder wie bei Gerhard Hirschmann schon mit 68 Jahren zu Ende geht, ist ja ein Kreis, der sich in Geburt, Kindheit und Jugend verheißungsvoll öffnet und am Ende dramatisch oder harmonisch wieder schließt. Der christliche Glaube findet sich aber in seinem Kern nicht damit ab, dass dies das Ganze wäre. Er durchbricht diesen Kreis und öffnet ihn auf Gott hin als den Ursprung und das Ziel menschlicher Existenz. »Von Gott kommen wir, zu Gott gehen wir und ohne ihn gehen wir im Kreis«, hat ja der heilige Augustinus gesagt. Alle christlichen Bilder und Worte über ein ewiges Leben nach dem Tod holen das Gemeinte nicht ein und stehen immer wieder unter dem Verdacht, sie seien nur eine fromme Illusion. Unzählige Menschen glauben aber auch heute weltweit, dass der Mensch bei seinem Sterben nicht ins Nichts fällt, sondern – bildhaft gesprochen – in die Hände Gottes. Diese Botschaft ist auch heute an der Bahre von Gerhard Hirschmann eine Zumutung im besten Sinn dieses doppeldeutigen Wortes: ein Appell an die Kraft zu einer Hoffnung über den Tod hinaus. Wer sie annimmt, der glaubt, dass die Toten nicht nur bei uns bleiben, aufgehoben in unserem Gedächtnis, sondern dass sie – all das umgreifend – durch Läuterung hindurch bei Gott ewig aufgehoben sind und dass ihnen dies eine Wirklichkeit gibt, die wirklicher ist als unsere handgreiflich begreifbare Welt.

Als Zeuge für diese verletzbare Hoffnung stehe auch ich hier in Ihrer Mitte und ich bete für den Verstorbenen mit den Worten der kirchlichen Liturgie: Requiem aeternam dona ei Domine et lux perpetua luceat ei. Requiescat in pace. – Herr gib ihm die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm. Lass ihn ruhen in Frieden. Amen!

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Fazit 157 (November 2019), Foto: GEPA

 
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