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Außenansicht (11)

| 9. März 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 160

Der Jetsetvirus aus China. Alles begann mit einer harmlosen Konferenz des Außendienstes in Singapur. Im Hyatt, einem der besten Hotels auf der Insel, organisierte ein internationaler Konzern, der technische Geräte für die Gas- und Ölindustrie erzeugt, ein Treffen der Verkäufer, um ihnen die neuersten Produkte vorzustellen. Und sie kamen voller Begeisterung in dieses Luxusresort mit Schwimmbad und Tennisplatz aus allen möglichen Ländern, redeten, aßen und tranken und genossen das Nachtleben der Stadt, insgesamt 109 Delegierte aus den verschiedensten Ländern und Kontinenten. Einer von ihnen kam aus Wuhan, China, wo der Ausbruch des Coronavirus begonnen hatte.

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Am 22. Januar endete die Konferenz, die Teilnehmer verstreuten sich in der Welt und nicht alle fuhren einfach nach Hause. Zwei Briten beschlossen, die Unterbrechung der Arbeit zu verlängern und trafen ihre Familien in einem Schiort in den französischen Alpen, wo sie eine Wohnung mit Freunden mieteten, die ebenfalls mit ihren Familien anreisten. In Frankreich angekommen, wurden zuerst die beiden Männer krank, die aus Singapur kamen, und dann einer nach dem anderen, bis die ganze Familie Symptome der Infektion zeigte, ebenso ihre Freunde und auch ihre Angehörigen. Aus dem Schiurlaub im Luxusapartment in den französischen Alpen wurde eine Art Isolationshaft, da die angereisten Touristen das Gebäude nicht verlassen durften und die französischen Behörden eine Verlegung in ein Krankenhaus in Großbritannien nicht zuließen. Innerhalb weniger Tage wurden weitere Angestellte des Unternehmens krank, die in Singapur an der Schulung teilgenommen hatten, fuhren in die verschiedensten Heimatländern zurück und lösten eine Lawine an Katastrophen aus. Zwei Teilnehmer aus Südkorea zeigten Symptome, wurden in einem Krankenhaus isoliert und ihre Familien durften ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Der Wohnblock, wo sie lebten, wurde von der Umwelt abgeschlossen, sodass keine Post oder andere Lieferungen die Wohnungen erreichen konnten.

Ein Mann aus Malaysia erkrankte. Er und seine gesamte Umgebung mussten isoliert werden. Auch in der Zentrale des Unternehmens in Singapur zeigten zahlreiche Teilnehmer Symptome der Krankheit und die Behörden schlossen das ganze Büro. Selbst Mitarbeiter, die keine Symptome zeigten, durften ihre Wohnungen nicht verlassen, ebenso ihre Familien.

Einer der Teilnehmer, der aus Großbritannien angereist war, kehrte zurück nach East Sussex und schien einer der wenigen zu sein, die verschont blieben, setzte dort seinen Alltag fort und ging am Wochenende – wie es alle Briten gern tun – in sein Pub, »The Grenadier« in Hove, auf ein paar Gläser Bier mit seinen Freunden. Wenige Tage später wurde auch er krank. Ebenso ein Mitarbeiter des Gasthauses. Daraufhin wurde »The Grenadier« geschlossen und die Angestellten, die an diesem Abend gearbeitet hatten, durften ihre Wohnungen nicht verlassen. Ein Student aus Brighton, der zufällig in der Nähe des Teilnehmers aus Singapur stand und dort mit Freunden sein Bier getrunken hatte, zeigte nach wenigen Tagen ebenfalls die Symptome der Infektion. Sein ganzes Stockwerk im Studentenheim musste isoliert werden. Drei weitere Teilnehmer fuhren zurück nach Spanien, einer wurde krank und musste behandelt werden. Andere der über hundert Verkäufer und Verkäuferinnen kamen aus Indien, Australien, Deutschland, den USA und Südamerika. Mehr als ein Dutzend Teilnehmer hatten sich durch einen einzigen Kollegen aus Wuhan angesteckt, wobei Fachleute in Singapur vermuteten, dass es durch das Essen von offenen Buffets übertragen worden war.

Wenige Tage nachdem der Teilnehmer aus China seine Heimatstadt Wuhan in Richtung Singapur verlassen hatte, wurde die Stadt weitgehend isoliert und nur unter bestimmten Bedingungen konnte man eine Reisebewilligung bekommen. Anderseits war es unmöglich, diese Elf-Millionen-Stadt tatsächlich zu kontrollieren, und so verbreitete sich der Virus trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Als der Teilnehmer aus Wuhan die Stadt verließ, war die Infektion längst bekannt und er hätte nie an dieser Konferenz teilnehmen dürfen. Eine einzige Person löste eine internationale Katastrophe aus, die mehr als 200 Personen auf Wochen beschäftigte.

Doch im totalitär kontrollierten China, wo Informationen teilweise unterdrückt und Probleme verschwiegen werden, zuständige Funktionäre und Beamte Angst haben, dass sie persönlich verantwortlich gemacht werden könnten, kommt es zu solchen Katastrophen, die zwar unter anderen politischen Bedingungen nicht vollständig verhindert, doch bei entsprechenden Maßnahmen weitgehend kontrolliert und auf ein begrenztes Gebiet reduziert werden könnten.

Außenansicht #11, Fazit 160 (März 2020)

 
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