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Glücksbringerin

| 26. März 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 161, Fazitbegegnung

Foto: Heimo Binder

Im Leben kommt vieles anders als man plant. Eine, die solche unerwarteten Wendungen als Herausforderung versteht, ist Christina Merlini aus Bad Radkersburg. Dass sie zudem grundsätzlich ein neugieriger Mensch ist, war sicher kein Nachteil für die charmante Unternehmerin. In die Wiege gelegt war ihr vielleicht ein gewisses wirtschaftliches Verständnis, doch alles weitere war dann Zufall oder Schicksal, je nach Glaubensrichtung und Mut.

::: Text von Sigrun Karre
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Als ihr Bruder 2010 mit 33 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam und einige Jahre später der Vater starb, sollte sie in der Folge als erste Frau den seit fünf Generationen bestehenden Familienbetrieb übernehmen. Nur, sie war zu dieser Zeit Journalistin und PR-Beraterin in Graz. Eine Kreative, die das urbane Leben genoss, sich für Literatur und Tanz begeisterte, den Traum von der Schauspielkarriere erst seit einigen Jahren ad acta gelegt hatte und von Handwerk oder Technik nichts verstand. 2012 zog sie also mit Journalistengatten, der fortan pendeln sollte, und zwei kleinen Kindern und anfangs nicht ohne »Bauchweh« zurück »in den Süden« nach Bad Radkersburg. Heute ist sie angekommen.

Dazwischen lagen ein paar Sprünge ins kalte Wasser. Erst war die Insolvenz der Metalwarenfabrik Radkersburg zu managen, die ihr Bruder geleitet hatte. Heute sind neue Miteigentümer an Bord und sie leitet als Prokuristin den Bereich Personal und Kommunikation. Dann war erneut Troubleshooting angesagt: Nach dem Tod des Vaters 2017 stand der Rauchfangkehrerbetrieb vor dem Aus, da nur ein Rauchfangkehrermeister das Gewerbe ausüben kann. Oder eine Rauchfangkehrermeisterin, dachte sich Christina Merlini und absolviert neben Job und Kindern im Schnelldurchlauf die Lehrabschluss- und Meisterprüfung. »Wie ich das geschafft habe, weiß ich heute nicht mehr. Aber wenn man etwas wirklich will, dann geht es irgendwie.« Heute hat Christina Merlini großen Respekt vor jedem, der eine Rauchfangkehrerlehre absolviert. »Das ist eine anspruchsvolle Fachausbildung mit Jobgarantie!« Auch für Frauen sei der Beruf attraktiv, mit Dienstschluss von Montag bis Donnerstag um 15 Uhr bzw. freitags um 12 Uhr und vierwöchigem Betriebsurlaub im Sommer, wäre der Beruf leichter mit Familie zu vereinbaren als etwa Jobs im Handel. Das Berufsbild habe sich gewandelt, man berate in Sachen Brandschutz und Umweltschutz, ein bisschen Ruß gehöre nach wie vor dazu, aber körperliche Schwerarbeit sei es keine mehr; Sportlichkeit und Selbstorganisation seien hingegen notwendig.

Dass Frauen immer noch häufig für gleiche Arbeit weniger bezahlt bekommen, versteht Christina Merlini nicht »Seit ich selbst Mutter bin, weiß ich, dass man als Frau mit Kindern beginnt viel effizienter zu arbeiten. Viele Frauen erledigen in einem Teilzeitjob das, was ein Mann im Rahmen einer Vollzeitanstellung erbringt.« Sie meint, dass es als Frau in einer kleinen Stadt wie Radkersburg leichter sei Kinder und Berufstätigkeit zu vereinen. »Hier können die Kinder zu Fuß in die Schule, es ist alles da, aber komprimiert. Das spart Wege, Zeit und Energie. Ich genieße es mittlerweile sehr mit meiner Familie hier zu leben.« Um diese Strukturen und die Lebensqualität zu erhalten ist sie für die Bürgerliste Bad Radkersburg in der Gemeindepolitik aktiv. Auch auf der Bühne steht Christina Merlini noch gelegentlich – mittlerweile als Moderatorin. Ihr kommunikatives, optimistisches Wesen macht sie zur Glücksbringerin in ihren vielen Tätigkeitsbereichen und auch ihr hat der ungewöhnliche Berufswechsel nach den familiären Schicksalsschlägen offenbar Glück gebracht.

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Christina Merlini wurde am 3.12.1980 in Graz geboren und ist aufgewachsen in Bad Radkersburg. Sie absolvierte das Studium Journalismus und Public Relations (PR) an der FH Joanneum. Nach einigen Jahren als Journalistin und PR-Beraterin in Graz zog sie zurück nach Bad Radkersburg um nach dem Tod von Bruder und Vater den Familienbetrieb zu übernehmen. Der Rauchfangkehrerbetrieb Merlini wurde von ihrem Ururgroßvater gegründet, der Mitte des 19. Jahrhunderts als Kind aus wirtschaftlicher Not von den Eltern aus der italienischen Schweiz mit einem Arbeitstrupp nach Österreich geschickt worden war. Mit Christina Merlini leitet erstmals eine Frau das Unternehmen in der 5. Generation.

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Fazitbegegnung, Fazit 161 (April 2020) – Foto: Heimo Binder

 
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