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Pfeffersprays für Graz

| 9. März 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 160, Kunst und Kultur

Foto: Marija Kanizaj

»Wie wir leben wollen«, lautet das philosophische Motto des Grazer Kulturjahres, das zugleich auch eine Schwerpunktsetzung von Kunstinterventionen im öffentlichen Raum vermuten lässt. Die »Neigunsgruppe K.O.« bestätigt mit ihrer Aktion »7.000 Pfeffersprays« den Kunstverdacht im urbanen Raum.

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Wie viel Sicherheit verträgt die Stadt? In Zeiten wo man täglich eine reichhaltige Palette von »Themen zum Fürchten« serviert bekommt, wird Sicherheit zum politischen Dauerbrenner. Auch Graz geht trotz sinkender Kriminalität mit dem Sicherheitsstadtplan, dem Heimwegtelefon, den Schutzzonen, der Ordnungswache, dem Bettelverbot oder dem Projekt »Sicheres Nachtleben« usw. scheinbar auf Nummer sicher. Ist Graz, die mediale »Hauptstadt der Verbote«, ein Kontrollfreak? Wird mit Maßnahmen Angst gemildert oder vielmehr erst geschürt? Was passiert, wenn Randgruppen zu Sündenböcken degradiert und Symptome mit Ursachen verwechselt werden? Wie ist die Dynamik der wechselseitigen Verhältnisse von Freiheit, Angst und Reglementierung? Wie lässt sie sich gestalten und wie lebt es sich darin? Solche Fragen stößt das Projekt »7000 Pfeffersprays« der dreiköpfigen »Neigungsgruppe K.O.« an. Das Künstlerkollektiv besteht aus dem Bildhauer Markus Wilfling, der 2003 im Kulturhauptstadtjahr dem Uhrturm zu seinem temporären Schatten verhalf, der Theatermacherin Johanna Hierzegger vom Theater im Bahnhof und dem Künstler und Journalisten Martin Behr (G.R.A.M.).

Aber sicher doch
Als Antwort auf Aktionen der Identitären und anderer rechtsextremistischer Gruppen, die durch die Verteilung von Pfeffersprays an Passanten mit Ängsten spielen, verteilt die Neigungsgruppe K.O. eine limitierte Serie von 7.000 Betonabgüssen in Form und Größe eines Pfeffersprays. Die Mini-Skulpturen sind nummeriert, signiert und mit Beipackzettel im schwarzen Samtbeutel verpackt.

Neben dem ironischen Verweis auf die »Bewaffnung« der Bevölkerung durch rechte Angstschürer spielt die Kunstaktion auch auf das »Stadtverwaldungsprojekt« »7000 Eichen« des Künstlers Joseph Beuys bei der Kasseler Documenta 1982 an. Während dieser 7.000 Bäume in die Stadt pflanzen ließ, gelingt es dem Kollektiv vielleicht mit einem Zwinkern eine offene Geisteshaltung in den öffentlichen Raum und die Köpfe der Bevölkerung von Graz 2.0. zu pflanzen. Teil des Projektes ist auch eine Plakatserie, die Schauspielerin Pia Hierzegger und den ehemaligen Caritas-Präsidenten Franz Küberl als prominente Werbegesichter von der Litfaßsäule »lachen« lässt. Ironischer Slogan: »Sicher ist sicher«.

Alles Kultur, Fazit 160 (März 2020), Foto: Marija Kanizaj

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