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Neuschwansein

| 29. Mai 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 163, Kunst und Kultur

Foto: Library of Congress

Die Coronakrise schickte die Kultur auf eine Reise in die Bedeutungslosigkeit. Bis sie zurückkehrt, bleiben uns nur Erinnerungen. Zum Beispiel an theatralische Flüge.

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Plötzlich musste ich fliegen. Wäre es wenigstens nur sprichwörtlich gewesen, also ein Rauswurf, ein Ausscheiden vielleicht, aber es war viel schlimmer. Es war ein gemeinschaftlicher Flug im Auftrag der Kunst. Freiwillig, eigentlich. Mittendrüber, über den Griesplatz. Es war nicht einmal ein Fliegen im ursprünglichen Sinn, mehr ein schamvolles Schweben bei Fuße, vorbei an Passanten, denen dieses Schauspiel ebenso unangenehm war wie mir. Meine Begleiterin genoss dieses Aktivtheater, während ich nur noch Grauen verspürte. Ich fühlte mich wie das, was mir erst kürzlich, gefühlt gar erst gestern, den Schrecken meines Lebens eingejagt hatte. Ich war zum Schwan geworden.

Ich mochte Tiere eigentlich immer, aber Schwäne kann ich nicht ausstehen. Das liegt an diesem einen sonnigen Sommertag. Gut, es war nicht erst gestern, wie gerade behauptet, auch nicht vorgestern, eher vorgestern im Sinne von Lebensabschnitten, als meine Eltern in großen Lettern etwas ins kindliche Urlaubsprospekt geschrieben hatten: »Seeurlaub in Österreich – das bessere Lignano!« Ja. Eh. Smiley. Gezwungenlächelnd. Aber wo war das Kleingedruckte, wo stand, in für Volksschüler verständlichen Worten, dass Stadtkindern auf dieser Reise das Kraulen beigebracht wurde, von Irrseeer Entenvögeln? »Schau, mit dem alten Brot kannst sie füttern. Einfach hinhalten. Beißt eh nicht, da, zum Schnabel hin«, hatte meine Mutter liebevoll gesagt, am sicheren Ufer stehend, kein fliegendes Lebewesen, nicht einmal eine Mücke, in ihrem Umkreis wissend. Ich plantschte im Wasser, ergriff das alte Backwerk, grinste selbstbewusst und streckte mit allem Mut meines kleinen, achtjährigen Ichs diesem eleganten Wesen sein potentielles Frühstück entgegen. Und wenige Sekunden später startete auf meiner rechten Hand ein Wettkampf. Ein intensives Duell war es, das von meinen hastigen wie kraulähnlichen Fluchtbewegungen wohl nur verstärkt wurde. Wochenlang duellierten sich in der Folge Zeigefinger und Daumen. Mit dem Himmel. Um die schönsten Blautöne des Jahres.

Die Jahre zogen ins Land, nur einmal, als frischer Akademiker, war ich einem Schwan noch nähergekommen, fast zum Brotfüttern nahe, also mit sieben Meter Abstand. Es war ein Urlaub am Wörthersee. Ein Versehen, ein regelrechter Unfall, heraufbeschworen durch einen unachtsamen Sprung von einem Holzsteg. Eine Verfehlung, in etwa so unangenehm wie ein Flug über den Griesplatz.

Anschnallen bitte
Wir sind zurück im Geschehen, die Rauchzeichen sind erloschen, alle anschnallen, bitte. Landung. Ich habe noch nicht erwähnt, dass ich mich bei dieser Teilnahme an einer Intervention im öffentlichen Raum zwar wie ein Schwan fühlte, aber wie ein Pilot des frühen 20. Jahrhunderts aussah, mit Fliegerbrille über den Augen und brauner Mütze am Kopf. Wir kennen es alle, das Gefühl der akzeptierten Erniedrigung, wenn wir verliebt sind. Und es war eben ein Rendezvous im authentischsten aller Wortsinne, ja, mit einer französischen Staatsbürgerin, das meine ich, also kein Date und kein Stelldichein; es waren also jedenfalls eigentlich schöne Absichten, die mich vom Griesbäcker ausgehend über einen altehrwürdigen Dachboden, vorbei an der Welschen Kirche, in einer Seitengasse zwischen einer angeblichen Pizzeria und einem ganz tatsächlichen Puff ankommen ließen. Es war aber nicht nur eine Art von Premiere als Laiendarsteller und Teilnehmer an einem Stück der freien Theaterszene, sondern auch der Anfang einer zwischenmenschlichen Liaison, nein, keines Mingelns und keines Gspusis; es war also der Beginn einer Liebesbeziehung zu einer Frau. Und es war trotz des Schwanseins noch etwas entstanden, eine weitere leidenschaftliche Verbindung, eine Zuwendung zur Kultur im weitaus weiterem Sinne als zuvor, wo mein Horizont nicht über das Grazer Schauspielhaus und das »Two Days a Week« in Wiesen hinausreichte. Es war ein Interesse aus der Lust an der Herausforderung, aus dem Bedürfnis, eigene Grenzen zu übersteigen. Ich wollte höher hinaus, einfach, weil es anders war.

Wir alle, die wir die Bühnen und Kunst- und Kultureinrichtungen schätzen, ganz egal, ob klein, groß, frei, staatlich oder etabliertest, ganz egal, ob schon seit Jahrzehnten, oder, so wie ich, eigentlich erst seit ein paar Jahren; wir alle haben an Corona einen gar bedeutsamen Teil unseres Lebens verloren. Es war in den vergangenen Wochen ein bisschen wie ein Himmel ohne Blau. Aber die Wolken der Bedeutungslosigkeit, sie werden sich wieder verziehen, selbst für jenen Bereich, dem in dieser Krise eindrucksvoll aufgezeigt wurde, dass er die schwächste Lobby des Landes hinter sich weiß. Ob ich dann auch wieder einmal den partizipativen Rettungsschirm für theatralische Flüge gebe, das weiß ich noch nicht. Aber ich kann es mittlerweile besser, das Lesen von Programmbeschreibungen. Und es gibt nur eine Form der kulturellen Aufführung, deren Besuch ich ausschließen kann, kategorisch, für heute, morgen und übermorgen. So stark kann ich gar nicht auf Entzug sein, um mir jemals Schwanensee anzutun. Und das, obwohl ich selbst einmal Ballettunterricht nahm.

Alles Kultur, Fazit 162/163 (Juni 2020), Foto: Library of Congress

 
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