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Die süße Versuchung

| 6. Juli 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 164, Fazitbegegnung

Foto: Heimo Binder

Hin und wieder sollte man seine kleinen Paradiese besuchen. Eines befindet sich auf der Südseite des Grazer Kaiser-Josef-Platzes und heißt Chocolaterie De Naeyer. Ziemlich genau 1000 Kilometer nordwestlich im belgischen Evergem ebenfalls. Wie das geht, erklären Franky van Avermaet und Josef Wolf, die Betreiber der Chocolaterie in Graz. Nachdem sie sich 2005 in Gran Canaria kennengelernt hatten, beschlossen der Kärtner Masseur und der belgische Wasserschutzpolizist in Graz einen Laden aufzumachen.

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Hin und wieder sollte man seine kleinen Paradiese besuchen. Eines befindet sich auf der Südseite des Grazer Kaiser-Josef-Platzes und heißt Chocolaterie De Naeyer. Ziemlich genau 1000 Kilometer nordwestlich im belgischen Evergem ebenfalls. Wie das geht, erklären Franky van Avermaet und Josef Wolf, die Betreiber der Chocolaterie in Graz. Nachdem sie sich 2005 in Gran Canaria kennengelernt hatten, beschlossen der Kärtner Masseur und der belgische Wasserschutzpolizist in Graz einen Laden aufzumachen.

Frankys Vorliebe für die berühmte belgische Schokolade und ein wertvoller Tipp brachte die beiden in Verbindung mit dem kleinen belgische Familienbetrieb von Marc De Naeyer, einem Chocolatier aus Evergem, der seine Pralinen und Trüffel noch in Handarbeit herstellt und damit außer seinen eigenen Laden noch 15 weitere in Belgien beliefert. Graz ist in zweierlei Hinsicht eine Ausnahme. Erstens ist hier das einzige Geschäft außerhalb Belgiens mit De Naeyers Ware und zweitens das einzige, das seinen Namen tragen darf. Dass dieser für Qualität bürgt, ist leicht überprüfbar. Am besten vor Ort, im integrierten Café oder im Gastgarten, denn an Kunden verschickt wird die empfindliche Süßware nur im Winter. »Bei uns werden keine Haltbarmacher oder sonstige Zusatzstoffe verwendet und durch die Ionisierung der Luft hält etwa die Trüffel nur fünf bis maximal zehn Tage«, erklärt Josef Wolf. Kein Wunder, die Königin der Pralinen besteht nur aus Schokolade, Butter und Sahne. Ein Dutzend Trüffelsorten und 70 Pralinensorten sind immer vorrätig, im Winter bis zu einhundert. Und jede einzelne ist eine Geschmacksexplosion, davon zeugt auch der hohe Stammkundenanteil von 80 Prozent. Denn wer einmal probiert hat, kommt wieder. »Wir haben am 1. Juni 2007 eröffnet und seitdem jedes Jahr eine leichte Umsatzsteigerung«, freuen sich die beiden.

Als Lebenmittelgeschäft durfte auch während der Corona-Zeit geöffnet bleiben. Das Verhältnis Geschenk zu Eigenverbrauch schätzt das Duo auf 60 zu 40. Franky van Avermaet: »Heute gönnen sich offenbar noch mehr Leute selbst was.« Schokolade ist ein unerschöpfliches Thema und man lernt immer Neues dazu – so meint Josef Wolf, dass alles über 65 bis 75 Prozent Kakaoanteil in der Schokolade nur mit Zusatzstoffen erzielt werden kann. Oder dass das Wort Praline von einem Herrn Praliné herrühre. Einig sind wir uns darüber, dass die Trüffel eigentlich ein Pilz ist. Dieser soll schon am französischen Königshof so wertvoll gewesen sein, dass die Übertragung des Namens auf die Süßigkeit die hohe Werschätzung derselben zum Ausdruck bringen sollte.

Unbestritten ist jedenfalls, dass die Kunden der Chocolaterie voriges Jahr 6,5 Tonnen Pralinen abgekauft haben. Das Hauptgeschäft spielt sich zu Ostern und vor allem im Dezember ab: »Zu Weihnachten sind die Leute großzügiger und dann kommen noch Krampus, Nikolaus und Sylvester dazu.« Ein wichtiges Thema ist die Lagerung. Sie soll zwischen 10 und 20 Grad Celsius betragen, 14 bis 16 Grad sind ideal, daher ist das 29 Quadratmeter kleine Geschäft auch klimatisiert, ebenso der doppelt so große Lagerkeller mit Belüftung und Entfeuchter. Bei 22 Grad entwickelt die Schokolade das beste Geschmacksvolumen – »ähnlich wie bei Käse«, sagt Josef Wolf. »Die Schmelze, also das Zergehen im Mund ist das Wichtigste.« Besonders häufig geht die 250-Gramm-Mischung um 13 Euro über den Ladentisch, das sind durchschnittlich 17 Pralinen. Trüffel und Pralinen haben mit 46 Euro übrigens den gleichen Kilopreis. Expansion ist für die beiden kein Thema. Wolf: »Wir hatten eine Anfrage von der Stadt Salzburg, aber wir haben abgelehnt. So ein Geschäft lebt ja auch von der Persönlichkeit, da muss man ständig vor Ort sein.« Ein Glück für Graz.

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Frank van Avermaet wurde am 5. März 1962 im belgischen Temse in eine Schifferfamilie hineingeboren. Auf Schleppern war er zunächst Matrose, dann Kapitän, schließlich bei der Wasserschutzpolizei. Josef Wolf wurde am 12. Februar 1957 in Eberndorf, Kärnten geboren, lernte die Berufe Koch-Kellner, Drogist, Physiotherapeut und Masseur. Die beiden sind nach eingetragener Partnerschaft miteinander verheiratet.

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Fazitbegegnung, Fazit 164 (Juli 2020) – Foto: Heimo Binder

 
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