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Hallo Gustl

| 6. Juli 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 164, Sichrovskys Unwahrheiten

Hallo, Gustl bist das du?« Robert sitzt in einem bunt gestreiften Campingsessel am Balkon im zweiten Stock seiner Wohnung in der Unterhose und einem ärmellosen Unterhemd in der Sonne. Mit der linken Hand drückt er das Mobiltelefon an sein Ohr und rechts zwischen den Fingern rollt er eine Zigarette hin und her. Neben dem Sessel auf dem Boden steht eine halbvolle Bierflasche, daneben ein Aschenbecher mit mehreren Zigarettenstummeln.

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»Ja, sicher, wer, soll’s sonst sein? Du bist sicher nicht der Franz, wer stellt schon solche blöden Fragen!«, antwortet sein Freund Gustav am Frühstückstisch sitzend vor einer Tasse, auf der »Opa« steht, voll mit Milchkaffee, einem Teller mit einer aufgeschnittenen Semmel, der Buttertasse und einem Glas Marillenmarmelade. »Jetzt mach doch keine Witze, ich bin’s, der Robert!«
»No na, natürlich bist du der Robert!«
»Also, wie geht’s, Gustl? Bist gesund? Kein Virus?«, fragt Robert.
»Bis jetzt nicht, aber du weißt ja, das lauert überall, ich bin halt sehr vorsichtig«, antwortet Gustav.
»Ja, vorsichtig sind wir doch eh alle. Aber pass auf«, sagt Robert und seine Stimme wird ernst und etwas lauter, »Unsere Schnapserrunde, du weißt ja, der Karl, der Peppi, du und ich, wir wollen wieder anfangen.«

»Seid’s ihr wahnsinnig!« Gustav setzt sich auf und schiebt die Kaffeetasse von sich weg. »Warum wahnsinnig, ist ja wieder alles erlaubt«, entgegnet Robert.
»Erlaubt, was heißt das schon? Jeden Tag im Fernsehen redens von der zweiten Welle, die soll noch schlimmer sein als die erste, und du redest von erlaubt«, antwortet Gustav. Er legt das Mobiltelefon auf den Tisch und sucht den Knopf, um auf Lautsprecher umzuschalten. »Robert!« Ruft er laut in sein Telefon. »Hörst du mich noch? Ich hab umgeschalten, bin grad beim Frühstück!«
Er beginnt, die eine Hälfte der aufgeschnittenen Semmel mit Butter zu bestreichen. »Ja sicher hör ich dich, brauchst auch gar nicht so schreien«, antwortet Robert und nimmt einen Schluck aus der Bierflasche. Gustav ist fertig mit der Butter und setzt mit der Marmelade fort, die er mit der Spitze des Messers aus dem Glas holt und auf der Semmel verteilt.
»Schau, Robert«, sagt Gustav, während er von der Semmel abbeißt. »Es macht ja keinen Spaß, es ist nicht mehr so wie früher. Schon in der Straßenbahn muss ich die blöde Maske tragen. Dann unser Ober, der Bertl, ohne dem seinen Schmäh mag ich gar nicht Karten spielen. Wie soll der mit dem Fetzen im Gesicht mit uns reden? Das ist ka Stimmung, da fehlt etwas.«
»Na und, ist doch nur eine Maske, was stört dich die? Drinnen im Lokal können wir sie runter nehmen, und der Ober, na ja, dem seine Witze, ich weiß nicht, wer braucht die? Kommst oder nicht, die ganze Runde geht doch nicht ohne dich?«, fragt Robert. Die Sonne steht hoch am Himmel, scheint direkt auf den Balkon und er hält sich die Hand vor die Augen.
»Ich weiß nicht. Gestern war ich zum ersten Mal beim Würstelstand, unserem Würstelstand, und …«, sagt Gustav. »Na schau, hast dich ja doch hinausgewagt«, unterbricht ihn Robert.

»Ja, sicher, man steht ja im Freien, der Türk’, der mir die Wurst gibt, muss eine Maske tragen, aber er schiebt sie immer wieder unters Kinn, weil’s ihm zu heiß ist. Und am Rückweg in der Tramway? Ich sag dir, mir ist fast schlecht geworden, der Geruch von der Burenwurst, den ich bei jedem Atem in die Maske blas’ und wieder einatme. Ich weiß nicht, macht keinen Spaß mehr.« Er beißt wieder von der Marmeladesemmel ab.
»Gustl, du darfst jetzt nicht aufgeben, du wirst sehen, es wird wieder. So kenn ich dich gar nicht, du bist doch immer der Lustige von uns, nix hat dich erschüttert!« Robert steht auf und dreht seinen Campingsessel zur Seite, sodass die Sonne ihm nicht ins Gesicht scheint.
»Aber erzähl mir doch nichts. Jeden Tag les’ ich in der Zeitung die Horrornachrichten, am Griff vom Einkaufswagen kann das Virus sitzen, in jedem öffentlichen Klo, wenn einer in der Straßenbahn hustet, breitet sich die Wolke im ganzen Waggon aus, und im Nebenhaus von uns hat angeblich der Briefträger alle angesteckt, einfach mit der Post, was ist denn das für Leben?« Gustav und beginnt zu husten.

»Hallo Gustl, das hört sich nicht gut an, du musst Fieber messen, oder ruf die Notnummer an!«, sagt Robert aufgeregt. »Aber Blödsinn!« Gustav muss wieder husten. »Ich hab mich verschluckt mit der Marmeladesemmel, aber bitte, schau dich an, einmal husten und ich bin schon a Corona-Kandidat, und mir machst Vorwürfe, dass ich mich nicht trau, zum Kartenspielen zu kommen, ich verschluck mich und du glaubst schon, in mir sitzt das Virus!«
»Ja, ja, ist ja gut, hast ja recht«, antwortet Robert, »was glaubst, wie es bei mir zugeht, wenn ich nach Haus komm, sagt meine Frau, zieh die Schuh vor der Tür aus, und reicht sie mir so ein feuchtes Tuch zum Hände abwischen. Dann muss ich mir trotzdem die Hände waschen und zweimal laut ‚Happy Birthday‘ singen, sonst lässt sie mich nicht ins Wohnzimmer. Am Sofa muss ich schlafen, sie hat mich aus dem Schlafzimmer geschmissen, das würd sich auch über die Bettwäsche übertragen, meint sie, und wenn ich aus dem Klo komme, geht sie rein und sprüht irgendwas herum, bei uns geht’s zu wie auf einer Infektionsabteilung, wer soll das aushalten?«

»Wem sagst du das, zuerst haben s’ uns verrückt gemacht, dass wir alle sterben könnten, weil wir ja schon über sechzig sind, und zwei Monate später erlauben sie uns, dass wir wieder raus dürfen, wie im Kindergarten, wir dürfen ins Gasthaus, dürfen einkaufen, Freunde treffen, manchmal mit, manchmal ohne Maske, mit Abstand, ohne Abstand, wie gesagt, wo ist da die Hetz, man hat keine Freud bei dem Ganzen.« Gustav ist fertig mit der einen Hälfte der Semmel. Er überlegt, ob er auch noch die zweite Hälfte essen soll, schaut auf die Butter, auf die Marmelade, kann sich nicht entscheiden, dreht sich zum Telefon, das auf dem Tisch liegt, und sagt: »Stell dir vor, gestern sagt mein Nachbar, ich soll überhaupt zu Haus bleiben, der Rotzbub, er meint, nur wegen mir, hat er müssen so lang eingesperrt sein«, schimpft er und flucht leise.
»Was heißt wegen dir?«, fragt Robert.
»Er hat gesagt, nur wegen den Alten ist das ganze Theater und hat dann auch noch g’sagt, wenn alle Alten zu Haus bleiben würden, gäbe es überhaupt keinen Lockdown, oder wie immer das heißt, also eingesperrt bleiben!«, sagt Gustav aufgeregt und lauter werdend.
»Das gibt’s ja nicht, das hat er wirklich gesagt?«, fragt Robert. »Ja, ich hab im Moment gar nicht gewusst, was ich tun soll, was soll man darauf sagen?«, antwortet Gustav und hat sich nun doch entschlossen, trotz der Aufregung die zweite Hälfte der Semmel zu essen, und verteilt langsam die inzwischen weich gewordene Butter auf der Innenseite.
»Weißt du, Robert,« sagt er, während er jetzt vorsichtig aus dem Glas Marillenmarmelade versucht, mit dem Messer ein ganzen Stück Frucht herauszuholen, »eigentlich ist es ganz schön zu Hause, essen, fernsehen, aus dem Fenster schauen, Leute beobachten, man gewöhnt sich dran, in der Wohnung zu bleiben und mit niemandem zu reden, das Leben ist irgendwie einfacher, ich muss mit niemandem streiten, wie beim Schnapsen, wo immer einer gleich beleidigt ist, wenn du sagst, die Regierung ist deppert, freut sich der Peppi und der Karl ist beleidigt, was brauch ich das alles.« Gustav hat Stück Marille gefunden und legt sie auf die Semmel und verteilt rund um die halbe Frucht etwas Marmelade, schaut zufrieden auf das Kunstwerk und beißt ab.
»Gustl, ich mach mir Sorgen um dich, aber ich hab eine viel bessere Idee!«, sagt Robert, steht auf und schiebt seinen Campingsessel in die extreme linke Ecke des Balkons, wo die tiefe Sonne ihn nicht erreichen kann, und schiebt auch die Bierflasche und den Aschenbecher weiter. »Und?«, fragt Gustav, während er kaut.
»Warte«, sagt Robert, »ich muss nur den Sessel verschieben, ich hab schon einen Sonnenbrand, jetzt gleich …!«
»Na ja, wenn man zu die oberen Zehntausend gehört und an Balkon hat, lasst sichs leben«, unterbricht ihn Gustav.
»Du musst reden, mit deiner Saisonkabine an der Alten Donau!« Sagt Robert und lässt sich in den Sessel fallen, der jetzt im Schatten steht. »Was hilft mir die, wenn ich nicht hin kann, die haben sie mir weggenommen, nach 35 Jahren, stell dir vor, das ist doch alles ein riesengroßer Sche…«, sagt Gustav.

»Aber Blödsinn, jetzt hör auf zu jammern«, unterbricht ihn Robert, »also pass auf, hier ist meine Idee, wir kommen zu dir zum Schnapsen, dann brauchst du nicht aus dem Haus gehen und wir können trotzdem spielen.« Robert beginnt zu lachen über seinen eigenen Vorschlag.
»Bist du wahnsinnig!«, sagt Gustav und beginnt wieder zu husten.
»Oije, des klingt gar nicht gut«, sagt Robert und lacht wieder.
»Du bist schuld, jetzt hab ich mich wieder verkutzt!«, sagt Gustav und kann sich kaum beruhigen.
»Nächsten Samstagnachmittag um vier komm ich mit dem Peppi und dem Karl zu dir, aus fertig, so machen wir es!«, sagt Robert.
»Die Mizzi, meine Alte, macht euch nicht einmal die Tür auf, die bekommt die Panik!« Gustav hat sich beruhigt, beißt wieder von der Semmel ab und nimmt einen Schluck Kaffee. »Sag ihr nichts, wir überraschen euch einfach, und ich bring ihr Blumen«, sagt Robert.
Gustav überlegt, wackelt mit dem Kopf, die möglichen Reaktionen seiner Frau beschäftigen ihn. Dann sagt er plötzlich: »Du hast recht, das machen wir. Ihr kommt einfach und ich sag nichts vorher. Vielleicht die einzige Methode, dass hier langsam alles wieder normal wird!«
»Gustl, ich hab ja gewusst, auf dich kann man sich verlassen, also bis am Samstag!«, sagt Robert, geht vom Balkon in die Küche, holt sich eine neue Flasche Bier und öffnet sie mit einem zufriedenen Lächeln.

Sichrovskys Unwahrheiten (1), Fazit 164 (Juli 2020)

 
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