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Digitaler Optimist

| 30. Oktober 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 167, Fazitgespräch

Foto: Marija Kanizaj

Der Schuhfabrikant und neue Präsident der Industriellenvereinigung Steiermark, Stefan Stolitzka, über Optimismus, die Einfachheit der Digitalisierung, Corona-Impfstoff, über sich als Maler und über Thomas Bernhard.

Das Gespräch führten Volker Schögler und Johannes Tandl.
Fotos von Marija Kanizaj.

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Wenn der Legero-Chef und IV-Präsident die steirische Industrielandschaft nachzeichnet, sprüht er vor Optimismus und Zuversicht, preist den Beschleunigungseffekt der Digitalisierung, sieht hinter Problemen bereits die Chancenhorizonte und legt wenig Wert auf Forderungen, sondern bevorzugt die Schaffung von Möglichkeiten zur Umsetzung von erfolgversprechenden Lösungen.

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Herr Stolitzka, was motiviert einen erfolgreichen Schuhproduzenten dazu, sich voll in der Interessenvertretung der steirischen Industrie einzubringen?
Ich war seit 2008 Vizepräsident, übrigens auch ein Krisenjahr, und heuer im März wussten wir beide noch nicht, dass Georg Knill für den Bund kandidieren wird. Aber als er dann gewählt wurde, habe ich gesagt, ich mache das gerne, speziell mit der Achse, die ich zu ihm habe. Ich übernehme diese Aufgabe gerne und es bewegt mich, für die Industrie und das Land Steiermark unterstützend eintreten zu können.

Sie haben als Selfmadeindustrieller aus der alten Schuhfabrik Strakosch mit Legero einen global tätigen Markenproduzenten gemacht. Wie sehr taugt Österreich als Standort für die Konsumgüterindustrie?
Hervorragend. Egal ob das Schuhe sind oder etwas anderes. Mir war es mithilfe von Haftungen des Landes und des Bundes damals möglich, das Unternehmen über einen Management-Buy-out zu kaufen. Bei der Schuhindustrie unterschätzt man vielleicht, wie hoch der Ausbildungsgrad der Mitarbeiter sein muss. Weil wir bei uns eine extrem hohe Wertschöpfungstiefe haben, müssen wir alle diese Bereiche vom Designer über den Mechatroniker bis zu Leuten, die eine CNC-Maschine betreuen können, selbst abdecken. Das ist vielleicht auch die Basis unseres Erfolgs, dass wir vom Design angefangen bis zur Ausarbeitung und technischen Entwicklung alles hier in Österreich machen und mit unseren Produktionsstätten dann auch weltweit agieren können.

Normalerweise heißt es, dass Entwicklung und Produktion sich räumlich nahe sein sollten. Bei Ihren Produktionsstätten im Ausland ist das aber weniger der Fall.
Das hängt davon ab, wie man es sieht. Wir haben sowohl hier in Graz eine vollwertige Produktion wie auch mit »Think« an unserem zweiten Standort in Oberösterreich, wo wir auch eine Fertigung mit zwanzig Personen haben. Wir produzieren hier Prototypen und können auch Kleinserien fertigen. Also so gesehen sind Produktion und Entwicklung hier. Außerdem ist eine unserer Hauptfertigungen in Rumänien gerade einmal sieben Stunden Autofahrt entfernt, das ist nicht aus der Welt. Wir produzieren 60 Prozent in Europa und nur 40 Prozent in Asien.

Wie beurteilen Sie die Corona-Maßnahmen der Regierung? Wo würden Sie sich ein Mehr oder auch ein Weniger wünschen?
Ich würde sagen, die erste Anfangsphase – von März bis Juni – hat die Regierung bestmöglich gemeistert. Die Unterstützung ist teilweise nicht so schnell angekommen, aber grosso modo schon. Und das hat sehr geholfen. Die Maßnahmen wie Kurzarbeit, Zurverfügungstellung von Mitteln, Zuschüsse – das war alles richtig. Aber nicht um jeden Preis, diese Aussage würde ich in keinem Fall unterstützen.

Am Anfang der Coronakrise hat die Industrie unter dem Zusammenbruch der internationalen Lieferketten gelitten, jetzt leidet sie unter dem Zusammenbruch der Exportmärkte. Erholen die sich schneller als vermutet?
Definitiv ja, vor allem im asiatischen Raum. Das eine große Problem, das wir als Industrie haben, ist die eingeschränkte Reisemöglichkeit, das heißt, es gibt sie de facto nicht. Ein absolutes Asset der steirischen Industrie ist, dass Sie nicht nur einfach etwas liefert, das dann irgendwo aufgestellt wird, sondern sie stellt vielfach auch das Knowhow für Montage, Servicierung und so weiter zur Verfügung. Das Reiseproblem sollte hoffentlich bald gelöst werden – dazu wären für Geschäftsreisende bilaterale Abkommen sehr wichtig, wofür angeblich China bereit wäre.

Und das betrifft zum einen die Akquisition und zum anderen auch die Auftragsbetreuung?
Genau, denn beides geht oft Hand in Hand. Auch in Europa gibt es im Moment diesbezüglich keine Abstimmung. Es scheint aber einen Lichtblick zu geben, dass man für Geschäftsreisende einen anderen Weg findet. Und das muss auch unbedingt passieren.

Wie sehr fehlen der Industrie die Messen? Die ganzen Leitmessen wurden ja abgesagt.
Das ist ein interessanter Aspekt. Ich glaube, das wird sich neu ordnen. Ohne Frage geht die persönliche Begegnung ab. Aber es hat sich auch gezeigt, dass wir auf dem virtuellen Weg sehr viel leisten können und dass es von den Kunden momentan sehr geschätzt wird, wenn man das anbieten kann. Viele Unternehmer sind diesbezüglich gut aufgestellt, aber es ist natürlich bei weitem nicht das, was man auf Messen selbst anbieten kann – den Dialog, das Gespräch, die Haptik. Das mag ein Jahr lang funktionieren, aber dann muss es sich wieder ändern.

Sie haben sich in ihrer Antritts-PK im Juli durchaus optimistisch bezüglich der Bewältigung des Corona-Schocks geäußert. Sind sie noch immer optimistisch oder fürchten Sie, dass es ohne Covid-19-Impfung auch keine echte Normalisierung geben wird?
Ich bin noch immer optimistisch, aber ich glaube nicht, dass wir auf eine Impfung warten dürfen, sondern wir sollten mit Covid-19 leben lernen. Das habe ich damals auch gesagt. Wer weiß, wann eine Impfung kommt? Wenn wir nur darauf hoffen, werden wir vielleicht sehr lange warten. Wir können jetzt aber auch ganz normal weitermachen, wenn wir uns an die Regeln halten. Ich bin daher sehr zuversichtlich, weil die steirische Industrie prinzipiell ja gut aufgestellt ist und jetzt die Bereitschaft hat, digitale Prozesse noch mehr zu beschleunigen und in neue Geschäftsmodelle sehr viel zu investieren. Auch von Seiten der Landesregierung ist die Bereitschaft da, viel zu tun, etwa den Ausbau der digitalen Infrastruktur vorzuziehen. Generell wird der digitale Prozess immer mehr als eine positive Veränderung verstanden.

Foto: Marija Kanizaj

Aber reden Sie vom Gleichen wie die Landesregierung, wenn Sie von Digitalisierung sprechen? Dort meint man eher die digitale Kommunikation und Sie meinen vermutlich das Internet der Dinge.
Ja, ich meine das Internet der Dinge, aber die Digitalisierung hat viele Ebenen, das versuchen wir in der IV gerade aufzubereiten. Das beginnt bei der Kommunikation, dazu gehört aber auch, wie ich Prozesse abbilde oder wie ich entwickle oder wie ich zum Kunden hinkomme. Je besser man das versteht, umso weniger ist es eine Bedrohung. Wenn man bedenkt, wie viele Leute ein Handy besitzen, erkennt man erst, dass ohnehin bereits so gut wie jeder in vollem Umfang mit der Digitalisierung lebt und keine Angst davor hat. Das ist es. Um mit dabei sei zu können, müssen wir alle Ebenen digital bespielen.

Und Voraussetzung ist die Infrastruktur.
Genau, die brauchen wir und alles andere sind viele sogenannte neue Geschäftsmodelle, die es als solche schon gibt, nur sind sie für viele Unternehmen neu. Und da müssen wir die Unternehmen unterstützen, damit sie erkennen, welches Geschäftsmodell wäre für mich richtig und wo muss ich einsteigen, und mit der Aus- und Weiterbildung ansetzen.

Wie sehr fürchten Sie die Gefahr eines weiteren Lockdowns? Welche Auswirkungen hätte das auf die Wirtschaft?
Die Folgen wären über Jahrzehnte spürbar, deshalb ist die Zielsetzung, dass es zu keinem zweiten Lockdown kommt. Vor allem nicht bei Produktion und Industrie, das heißt, die Wertschöpfungsbereiche sollten ausgenommen sein und es sollte keine Unterbrechung der Lieferketten mehr geben. Hier scheint eine Einigkeit in Europa vorhanden zu sein. Ich sage immer: Wir entwickeln und produzieren mit Menschen für Menschen, und die Menschen, für die wir arbeiten, müssen Zuversicht haben, weil sonst gibt es für uns auch keine Arbeit.

Derzeit gibt der Staat Milliarden aus, um Unternehmen und Arbeitsplätze zu erhalten. Wie soll dieses Geld jemals zurückbezahlt werden? Oder sehen Sie wie viele andere nur den Ausweg über die Notenpresse – sprich ein weiteres Anleihenkaufprogramm der Europäischen Zentralbank?
Meiner Meinung nach bestehen jetzt der Optimismus und die Chance, in Dinge, die zukunftsfähig sind, zu investieren. Ich meine zwei Säulen: eben die Digitalisierung und den Green Deal, also das Thema Klima. Weil hinter beiden auch wahnsinnig viel Invest-
ment steckt, können wir damit tatsächlich so viel bewegen, dass wir gut aufgestellt aus der Krise kommen können, so dass nach fünf bis sieben Jahren die Steuermittel wieder fließen, um alles zurückzahlen zu können. Ich bin da optimistisch. Mit einem zweiten Lockdown wäre das verunmöglicht.

Zusätzlich zum Corona-Problem hat die steirische Industrie mit einem strukturellen Problem im Automotive-Bereich zu kämpfen. Dort sind die Umsätze bereits im ersten Quartal um 10 Prozent eingebrochen. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für die Steiermark als Industriestandort?
Grundsätzlich haben wir keine Gefahr zu befürchten, wenn wir im digitalen Bereich besser werden. Konkret für die Automotive-Industrie, in der ja viele Teile entwickelt werden, heißt das: Wenn man diese Teile in einem digitalen Prozess abgebildet entwickeln kann, wirkt das wesentlich effizienter und kostengünstiger. Wenn schon das Layout digital ist, verkürzt sich der Prozess vom Entwurf bis Fertigstellung. Und hier sind wir schon sehr weit. So haben auch wir als Unternehmen etwa den Entwicklungsprozess für die Sohlen von drei Monaten auf eine Woche reduziert. In der Steiermark haben wir die besten Voraussetzungen, wir haben den universitären Hintergrund, die Geschäftsmodelle sind auch da, man muss sie nur umsetzen. Und das gilt für jeden Bereich, egal ob im Automotive-Bereich oder in der Holzindustrie.

Die wegen Corona zusammengebrochene Flugzeugindustrie ist in den letzten Jahren ein wichtiger Wachstumsmarkt für viele AC-Styria-Mitglieder geworden. Sehen sie Chancen, die betroffenen steirischen Jobs zu erhalten?
Wenn ich den Betrachtungshorizont des Luftverkehrs erweitere, muss ich ihn nicht auf die Airlines beschränken, sondern auch die kommende Bedeutung von Drohnen berücksichtigen. Dieser Luftverkehr wird explodieren und da kommt viel in jenen Wirtschaftsbereichen auf uns zu, in denen wir gut sind. Es entwickelt sich ein riesiges Feld an neuen Möglichkeiten, etwa bei der Paketzustellung, wo auch die steirische Industrie etwas anzubieten hat. Ich mache mir da nicht so viele Sorgen, man muss die Veränderung nur annehmen.

Ist der Fachkräftemangel so akut wie vor der Krise? Oder tritt er im Zuge der Corona-Bekämpfungsmaßnahmen vorläufig in den Hintergrund?
Im Gegenteil, er ist genauso akut. Insbesondere wenn man auch noch neue Geschäftsmodelle angehen will, braucht man Fachkräfte mit exzellenter Basis. Die Digitalisierung ist ja nicht in allen Facetten eine »Rocket-Wissenschaft«. Es lassen sich Mitarbeiter relativ einfach qualifizieren, um etwas neu anzuwenden. So wie man eben lernen musste, mit einem Computer umzugehen. Wir brauchen Fachleute, die sich etwa mit Prozessen auskennen, weil die ideal geeignet sind, das im Digitalen weiterzuführen. Und wir brauchen mehr von ihnen. Bildung ist längst zum Hauptthema der IV geworden. Auch während der Kurzarbeit ist digitale Qualifizierung aus unserer Sicht sinnvoll. Wir sind hier mit Bildungseinrichtungen und dem AMS in Kontakt. Generell geht es darum, aufzuzeigen, welche Qualifizierungen gebraucht werden. Deshalb ist unser Ohr bei den Unternehmen, um einzusammeln, welche Profile gefragt sind.

Ein wichtiger Standortfaktor für die Industrie bleibt neben der digitalen Infrastruktur natürlich auch die Verkehrsinfrastruktur. Was tut sich diesbezüglich? Oder sehen Sie die Erfordernisse der Industrie mit dem Ausbau von Koralmbahn und Südbahn erfüllt?
Zwischen Semmering und Koralm muss natürlich die Achse Bruck-Graz ausgebaut werden. Da ist die ÖBB voll im Plan, so wie auch beim Bau des neuen Bosrucktunnels für die Pyhrnbahn bis 2040. Uns geht es in erster Linie um die Freigabe der Mittel durch die jeweiligen Regierungen. Wichtig für unseren Standort ist auch die Anbindung von Triest und Koper, die so ausgebaut werden muss, dass man sie in dieses Netz perfekt eingliedern kann. Wichtig sind natürlich auch die europaweit interessanten Flugverbindungen von Graz aus. Auch und vor allem zu den Hubs. Daher muss man sich überlegen, ob der Flughafen Graz das ganz alleine schafft oder ob er mit einem internationalen Luftdrehkreuz als strategischen Partner nicht bessere Chancen hätte.

Foto: Marija Kanizaj

Ihre Vorgänger haben sich als Mahner einer leistungsstarken Verwaltung und einer umfassenden Budgetdisziplin profiliert. Wie geht es Ihnen diesbezüglich, auch vor dem Hintergrund der erwartbaren Rekorddefizite der kommenden Haushalte?
Jede Zeit hat ihren Weg, die Themen sind die gleichen geblieben. Ich bin aber kein Fan von Forderungen. Ich möchte in einer Zusammenarbeit Substantielles erarbeiten, Verständnis schaffen, unterstützen, Best Practice bieten und sofort Möglichkeiten zur Umsetzung generieren. Das führt am ehesten zum Erfolg. Mit Forderungen allein kann man nicht genug erreichen.

Eine Frage an den Kunstliebhaber und Sammler: Wie sind Sie dazu gekommen, gab es ein ausschlaggebendes Momentum und gibt es so etwas wie einen Mehrwert der Kunst?
Für mich ist Kunst eine unfassbare Bereicherung, der Mehrwert tritt in jedem Moment ein, in dem ich mit ihr konfrontiert werde – wenn man spürt, wie ein Bild zu einem spricht, kann die Zeit stehenbleiben. Zur Kunst gekommen bin ich einfach, weil mein Onkel Maler war und mich in Wien als Sechs-, Siebenjährigen in die Ateliers mitgenommen hat zu Karl Korab, Nitsch, Rainer, Hundertwasser oder Fuchs. Und mein Lehrer aus Bildnerischer Erziehung bei den Jesuiten hat mir Talent zugesprochen.

Sie malen selbst?
Bis zu meinem vierzigsten Lebensjahr habe ich sehr viel selbst gemalt, heute zeichne ich noch hie und da. Ich kenne aber meine Grenzen und habe gesagt, wenn ich einmal mehr Zeit habe, mich mehr damit auseinanderzusetzen und auch ein bisschen Geld habe, dann fange ich zum Sammeln an, und das war eben vor 22 Jahren so. Nach dem Management-Buy-out und wahnsinnig viel Arbeit habe ich meinen Ausgleich wieder über die Kunst gebraucht.

Sollte das Leben von Stefan Stolitzka zu einem Stück verarbeitet oder verfilmt werden, wie könnte das Stück heißen und wer würde ihn spielen?
»Ein gutes Leben« könnte der Titel sein. Schauspieler fällt mir jetzt spontan keiner ein, aber mir würde Thomas Bernhard gefallen, weil der den richtigen Humor gehabt hat und eine Super-Sensibilität. Er hat das Leben eigentlich wirklich verstanden.

Herr Stolitzka, danke für das Gespräch.

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Stefan Stolitzka wurde 1959 geboren und ist geschäftsführender Gesellschafter von Legero United mit Sitz in Graz. Stolitzka hat die Legero Schuhfarbik, deren Geschäftsführer er ab 1991 war, 1994 im Rahmen eines Management-Buy-Outs zu 100 Prozent übernommen. Stolitzka ist seit 25 Jahren in der Industriellenvereinigung Steiermark aktiv – 20 Jahre davon als Mitglied des Landes- und Bundesvorstands sowie von 2008 bis 2016 als Vizepräsident der IV-Steiermark. Der Wirtschaftsingenieurwesen-Absolvent der Technischen Universität Graz ist zudem als Förderer zeitgenössischer Kunstinstitutionen und Festivals bekannt.

Legero United entwickelt, designt und produziert Schuhe der Marken Legero, Vios, Superfit und Think. In Österreich beschäftigt das Unternehmen rund 300 Mitarbeiter, weltweit sind es weitere 1.400. Stefan Stolitzka steht für eine der größten steirischen Industrieinvestitionen des letzten Jahres. Am neuen Standort in Feldkirchen bei Graz investierte er über 30 Millionen Euro in eine neue Firmenzentrale, die auch die Entwicklung, das Prototyping und die Musterkollektionsfertigung beheimatet.

legero-united.com

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Fazitgespräch, Fazit 167 (November 2020), Fotos: Marija Kanizaj

 
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