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Köpfen von Lehrern kann und darf nicht zu Europa gehören!

| 30. Oktober 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Editorial, Fazit 167

Monat für Monat entscheidet sich, um wenigstens im Kommentar sehr aktuell zu sein, Thema und Inhalt meines Editorials am Freitag vor der Erscheinungswoche. Diesmal ist das etwas anders, komplexer. Denn am 16. Oktober wurde in Paris der Mittelschullehrer Samuel Paty getötet. Und seit Tagen kämpfe ich innerlich mit mir, mich diesem Thema zu widmen. Paty wurde von einem muslimischen Flüchtling auf offener Straße enthauptet. Danach brüstete sich der Mörder im Internet mit Fotos seiner schrecklichen Tat und »rechtfertigte« sie mit dem Worten »ich habe einen Ihrer Höllenhunde hingerichtet, der es gewagt hat, Mohammed herabzusetzen«.

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Samuel Paty hatte es gewagt, im Unterricht seine Schüler mit den durch die Veröffentlichung in der französischen Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« eine (noch) größere Bekanntheit erzielten »Mohammed-Karikaturen« zu konfrontieren, diese als Unterrichtsmaterial zu präsentieren und sie als Gegenstand einer Diskussion über Meinungsfreiheit mit den jungen Menschen zu machen. Nachdem also seit der Erstveröffentlichung in der dänischen Tageszeitung »Jyllands-Posten« im Jahr 2005 dadurch zahlreiche islamistisch motivierte Verbrechen verübt wurden – 2015 kamen bei einem Überfall auf die Redaktion von Charlie Hebdo zwölf Menschen zu Tode –, ist Paty ein weiteres Opfer fanatischer Anhänger der Religion des Friedens.

Ich bin ein gläubiger Mensch, ich bin Christ und Katholik und also Mitglied der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Was sie ansonsten gar nicht interessieren müsste, ich darf es heute hier aber festhalten, weil ich als Christ ausnehmend großen Respekt vor allen Religionen dieser Welt habe. Im sicheren Gottvertrauen, der mir richtigen anzugehören. Und ich bin selbstverständlich davon überzeugt, die »Verletzung religiöser Gefühle« als einen Akt anzusehen, den ich ablehne. Den es eben aus Respekt vor anderen Menschen, ihren Gefühlen, ihren Werten und ihrem ganzen Menschsein zu vermeiden gilt.

Ich bin aber auch – zuvorderst! – Bürger eines aufgeklärten europäischen Rechtsstaates, einer modernen Demokratie, in der neben der persönlichen allumfassenden Freiheit, etwa der Freiheit Eigentum zu besitzen, das Recht auf Meinungsfreiheit eine wesentliche und unumstößliche Säule unseres Wertesystems darstellt. Dabei soll, kann und darf es keine Ausnahmen geben. Dass ich etwa mit Andres Serranos »Immersion (Piss Christ)«, eine Fotografie eines Kruzifix, die Darstellung meines Herren am Kreuz, das in einem gläsernen Kasten voller Urin versenkt wurde, wenig Freude habe, wahrscheinlich sogar nur schwer in der Lage bin, darin große Kunst zu entdecken, ist keine Überraschung. Ich muss, will und darf (!) es aber ganz selbstverständlich hinnehmen; es ist Teil des gern bezahlten Preises für unsere Meinungsfreiheit und damit unser aller friedlichen Zusammenlebens.

Samuel Paty war Lehrer. Er hat einer der mithin edelsten, schönsten und wichtigsten Aufgaben unserer Zivilisation gedient: Er hat die Bildung und Ausbildung unserer jungen Menschen ermöglicht. Samuel Paty wurde deswegen, ausschließlich deswegen, von einem Verbrecher auf bestialische Weise getötet. Am hellichten Tag auf offener Straße geköpft. Wir, in Österreich wie in der gesamten Europäischen Union, können jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen. Zu einer Tagesordnung, die aus hohlen Phrasen und Sprechblasen »betroffener« Politiker und aus in ihrem Social-Media-Avatar Kerzlein anzündender »Ich bin ein Lehrer«-Nachplauderer besteht.

Ich bin übrigens kein Lehrer, ich bin nicht Samuel Paty. Ich wurde nicht auf offener Straße geköpft. Vielleicht bin auch ich in den Augen einiger noch nicht so lange hier Seiender ein Höllenhund. Jedenfalls werde ich mich nicht der Unfreiheit ergeben und darüber schweigen. Über diesen unhaltbaren Zustand in weiten Teilen Europas. Es ist gar nicht so wichtig, welche Religion zu Europa »gehört«; etwas übrigens, was keine noch so schwache Regierungschefin oktroyieren sollte. Nicht zu Europa gehört das Köpfen von Lehrern!

Meine beiden Töchter sind jetzt sechs und vier Jahre alt. Wenn sie nicht in rund zehn Jahren, da werden sie wohl aufs Gymnasium gehen, mit ihren Mitschülern – auch mit ihren muslimischen –, anhand der Mohamed-Karrikaturen in Lehrbüchern über Meinungsfreiheit diskutieren können, dann werden wir es nicht geschafft haben! Und dann gnade uns Gott.

Editorial, Fazit 167 (November 2020)

 
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