Anzeige
FazitOnline

Kultur, Europa und die Steiermark

| 30. Oktober 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Essay, Fazit 167

Foto: Marija KanizajEin Essay von Christopher Drexler. Die Kultur ist das zentrale verbindende Element zwischen den Völkern Europas. Der steirische Kulturlandesrat beschreibt in seinem Text den Weg der Steiermark zu einem relevanten Player in der internationalen Kulturarbeit.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Mag. Christopher Drexler, geboren 1971 in Graz, ist seit 2014 als Landesrat Mitglied der Steirischen Landesregierung. Aktuell für die Ressorts Kultur, Europa, Sport und Personal.

Kultur und Europa. Der gesellschaftspolitische Wert

Eines der bekanntesten, Jean Monnet – dem Ideengeber für die Montanunion – zugeschriebenen Zitate, lautet: »Wenn ich nochmals mit dem Aufbau Europas beginnen könnte, dann würde ich mit der Kultur beginnen.« Vermutlich hat Monnet diesen Satz wohl nie gesagt, denn einerseits gibt es keine verlässliche Quelle für dieses Zitat, andererseits widerspricht diese Haltung der eigentlichen Grundidee, wie sie Robert Schuman in seiner Europarede am 9. Mai 1950 vorgestellt hat. Er sprach davon, dass Europa nicht mit einem Schlage hergestellt werden könne und nicht durch einfache Zusammenfassung. Es müsse durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen. Europa müsse daher von »unten« wachsen, durch gemeinsame Aktivitäten und ersichtlichen Mehrwert von Kooperation. Wenn dies gelänge, würde das nächste Thema der Zusammenarbeit von selbst kommen und dann das übernächste. Aus diesem Grund war es unerlässlich, sowohl bei der Montanunion als auch bei der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1958 mit der Wirtschaft zu beginnen – nirgends wird der konkrete Mehrwert deutlicher, gerade im Nachkriegseuropa.

Kultur hatte darin zunächst keinen Platz, schlicht, weil es für die Zielrichtung der ersten Jahre der europäischen Integration – einen rasch erkennbaren Mehrwert für die Mitglieder zu schaffen – nicht geeignet war.

Heute, fast 70 Jahre nach der Europarede von Schuman ist die EU einerseits das erfolgreichste friedliche Integrationsprojekt der Geschichte; andererseits ist die EU aber auch in einer womöglich existentiellen Krise. Eine der großen Herausforderungen für Gegenwart und Zukunft der EU ist die wachsende Kluft zwischen dem »Projekt EU« und der Bevölkerung. Es gibt eine Integration der Volkswirtschaften, aber keine Integration der Völker. Die EU muss aber eine Union nicht nur der Staaten, sondern auch der Bürgerinnen und Bürger sein, will sie eine Zukunft haben. Ein Gemeinschaftsgefühl braucht jedoch ein gemeinsames Narrativ, ein verbindendes Element nach innen (das in Wahrheit mitunter ein abgrenzendes nach außen ist). Die Union befragt in Eurobarometerumfragen regelmäßig die europäische Bevölkerung; eine der Fragen ist dabei »Was erzeugt am stärksten ein Gefühl der Gemeinschaft unter den Bürgern der EU?«, die häufigste Antwort mit 31 Prozent lautet Kultur, vor Geschichte und Werten. In Österreich wurde Kultur sogar in 34 Prozent als wichtigstes Element für eine Gemeinschaft angesehen. Es ist also die Kultur, die von den Menschen in Europa als zentrales verbindendes Element zwischen den Völkern Europas gesehen wird.  Kultur ist daher heute kein europäisches Nebenfach mehr, sondern ein zentraler Schauplatz europäischer Integration. Kultur- und Europaarbeit bewusst zu verbinden bedeutet, die zentrale Rolle der Kultur für Schaffung einer Gemeinschaft in Europa zu erkennen und aktiv zu nutzen.

Kultur und Europa. Der Wert der Europäischen Kulturarbeit

Die Europäische Union ist bestrebt, das gemeinsame kulturelle Erbe Europas zu bewahren sowie Kunst und Kreativwirtschaft in Europa zu fördern. Spezielle Initiativen wie das »Europäische Jahr des Kulturerbes« sollen diese lebendige und vielfältige Kultur allen zugänglich machen. Viele Bereiche der EU-Politik, beispielsweise Bildung, Forschung, Sozialpolitik, Regionalentwicklung und Außenbeziehungen, haben kulturelle Komponenten. Kulturschaffen und ‑förderung in der interaktiven und globalisierten Welt von heute gehen auch mit Medien und digitalen Technologien Hand in Hand. Die EU fördert die kulturpolitische Zusammenarbeit zwischen den nationalen Regierungen und mit internationalen Organisationen.
Mit dem Programm »Creative Europe« unterstützt die EU die europäische Film-, Kunst- und Kreativbranche, um ihr neue internationale Chancen, Märkte und Zielgruppen zu erschließen und so für Arbeitsplätze und Wachstum in Europa zu sorgen. Mit dem kulturellen Erbe in Europa beschäftigt sich die EU schon seit geraumer Zeit – zur Intensivierung einer europäischen Bewusstseinsbildung zu diesem Thema wurde im Jahr 2018 das »Cultural Year of Heritage« ausgerufen. Die Bewahrung und Förderung von kulturellem Erbe, materiell wie auch immateriell, ist die Grundlage für gegenseitiges Verständnis und Toleranz in der europäischen Staatengemeinschaft. Seit 1954 gibt es ein Europäisches Kulturabkommen, in dem sich die 47 Mitgliedsstaaten des Europarats (der Europarat geht weit über die EU hinaus) verpflichtet haben, ihren Beitrag zum gemeinsamen europäischen kulturellen Erbe zu schützen und zu mehren. Durch den Vertrag von Maastricht (1993) fand das Thema Kultur vertraglich geregelt Eingang in die EU. Grundlegend ist seitdem die Kulturbestimmung in den EU-Verträgen, die entscheidend für das Verständnis von Kulturpolitik in Europa ist. Zentral ist ein Satz:  »Die Union leistet einen Beitrag zur Entfaltung der Kulturen der Mitgliedstaaten unter Wahrung ihrer nationalen und regionalen Vielfalt sowie gleichzeitiger Hervorhebung des gemeinsamen kulturellen Erbes.«

Seit dem 2009 in Kraft getretenen Lissabon-Vertrag gibt es nun sogar eine kulturpolitische Zielbestimmung für die gesamte EU. Demnach muss sie ihr gesamtes Handeln u.a. danach ausrichten, »…den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt zu wahren … und das kulturelle Erbe Europas zu schützen und zu entwickeln«.

Kultur als Kernelement des europäischen Integrationsprozesses

Was ist hier also in der EU passiert? Die EU wurde sich immer stärker der Tatsache bewusst, dass Kultur und das kulturelle Erbe Kernelemente des europäischen Integrationsprozesses sind, wenn man die Völker und nicht nur die Volkswirtschaften integrieren will. Um das Thema »Kulturelles Erbe« zu intensivieren hat die EU ein Kulturerbe-Forum eingerichtet, gedacht als gemeinsame Plattform von EU, Mitgliedstaaten, Kulturerbe-Einrichtungen und internationalen Organisationen. Die Aufgaben des Kulturerbeforums gliedern sich in einen Informationsaustausch zwischen der Kommission, den Mitgliedstaaten und Stakeholdern auf dem Gebiet der Kultur und des kulturellen Erbes zu Fragen im Zusammenhang mit der Entwicklung internationaler, europäischer und nationaler Rechtsvorschriften, Programme und Politiken im Bereich des europäischen Kulturerbes.

Es wird 2021 ein neues Kulturförderungsprogramm »Creative Europe 2021 – 2027« geben, in dem die Förderung künstlerischer und kultureller Kooperation, einschließlich der Mobilität von Künstlerinnen und Künstler und Kulturschaffenden in Europa sowie die Unterstützung der Zusammenarbeit, der Wettbewerbsfähigkeit sowie des Innovationspotentials der europäischen audiovisuellen Industrie und die Unterstützung der Schaffung und Verbreitung europäischer Werke, einschließlich Medienvielfalt und Medienkompetenz verankert sein werden.

Ein weiterer Schwerpunkt in der europäischen Kulturpolitik ist EUNIC (European Union National Institutes for Culture), ein Netzwerk nationaler Kulturinstitute und Ministerien der Europäischen Union, welches im Jahr 2006 von 19 Staaten (darunter auch Österreich) gegründet wurde. Heute zählt EUNIC 36 Mitglieder aus allen Mitgliedstaaten, die gemeinsam Projekte im Bereich des interkulturellen Dialogs, der Sprachenvielfalt, der Kunst und der Zivilgesellschaft realisieren. Ein aktuelles Schwerpunktprojekt von EUNIC nennt sich »European Houses of Culture«, in dem es um die Rolle der Kultur in den Außenbeziehungen der EU zu Drittstaaten geht. Der Fokus liegt auf einem Konzept echter kultureller Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf people-to-people-Projekten. Mit den europäischen Kulturhauptstädten werden Jahr für Jahr zwei Europäische Städte ausgewählt, die durch diesen Titel wirtschaftlich zusätzliche Impulse bekommen, und die vor allem ihre lokale Kunst- und Kulturszene und ihren kulturellen Reichtum ins Rampenlicht stellen können. Nach Graz 2003 und Linz 2009 wird die europäische Kulturhauptstadt 2024 das Salzkammergut mit Bad Ischl an der Spitze sein. Unter den beteiligten Gemeinden befinden sich auch die vier steirischen Gemeinden Altaussee, Bad Aussee, Grundlsee und Bad Mitterndorf.

 

Kultur und Europa. Steirische Kulturarbeit mit internationaler Ausrichtung

Das Land Steiermark hat bereits 2013 das Aktionsfeld »Kultur International« – zur Stärkung der steirischen Kunst- und Kulturszene durch internationale Vernetzung ins Leben gerufen. Hier wurden erstmals vorhandene Bausteine, die sich programmatisch zu einem einheitlichen Aktionsfeld erfolgreicher und nachhaltiger Internationalisierung steirischen Kunst- und Kulturschaffens zusammenfügen, gebündelt:

– Projektförderungen im Rahmen des steirischen Kultur- und Kunstförderungsgesetzes
– Call Kunst-/Kulturkooperationen Südosteuropa (Trigon-Raum)
– Atelierprogramme des Landes Steiermark
– Atelierprogramm »Kunstraum Steiermark«
– Atelierprogramm Artist-in-Residence
– Atelierprogramm Atelier-Auslandsstipendien (weltweit und in Kulturhauptstädten)
– Atelierprogramm Film-Auslandsstipendien (Steiermark in Südosteuropa)
– ART-Steiermark im Steiermarkhaus in Brüssel
– Incoming/outgoing-Service
– Beratungsstelle für EU-Förderungen
– Kulturveranstaltungen mit Partnerländern
– Alpen-Adria-Allianz – Steiermark verantwortlich für Kunst und Kultur

Dieser umfangreiche kulturpolitische Schwerpunkt wird Jahr für Jahr ergänzt und erweitert und ermöglicht zahlreichen Kunst- und Kulturschaffenden einen direkten internationalen Austausch, der auch in nachhaltigen Kooperationen mündet. Durch diese Erfahrungen und immer weitere Vernetzungsmöglichkeiten und -tätigkeiten ergeben sich auch neue kreative Handlungsfelder auf einer internationalen Basis. Damit wird das künstlerische Schaffen über die Grenzen getragen. Gleichzeitig vernetzen sich internationale Kunst- und Kulturschaffende in der Steiermark mit den hier ansässigen Kunst- und Kulturinstitutionen.

Zum Europaressort zählt auch das sog. »Steiermark-Haus« in Brüssel. Es vertritt – als Außenstelle des Amtes der Steiermärkischen Landesregierung – die steirischen Interessen in der EU. Um diesen Ort auch künstlerisch zu nutzen, wurde das Programm »Art Steiermark« geschaffen. Ein international ausgerichteter Veranstaltungszyklus, der seit 2014 sowohl junge als auch arrivierte steirische Künstlerinnen und Künstler ins Steiermark-Haus in Brüssel einlädt, um ihr kreatives Schaffen einem internationalen Publikum präsentieren zu können. Seit 2016 nominieren unterschiedliche steirische Institutionen der freien Szene Kunstschaffende, die in Brüssel ganz unterschiedliche Präsentationen gestalten, und die das Steiermark-Büro einen Abend lang in einen Kunstraum und in einen Raum der kulturellen Begegnung verwandeln. Darüber hinaus wird die Vernetzung in und mit europäischen Institutionen als auch mit der Kunst- und Kulturszene in Brüssel ermöglicht. Die internationale Ausrichtung der steirischen Kulturszene strahlt nicht nur österreichweit, sondern findet auch europaweit Beachtung. Die Verbindung von Kultur und Europa stärkt somit die steirische Kulturarbeit. Sie ermöglicht es steirischen Kulturschaffenden, die internationale Ausrichtung der steirischen Kultur zu stärken und zu nutzen und macht die Steiermark zu einem international relevanten Player in der internationalen Kulturarbeit. Immer mit dem Ziel, die Vielfalt und die kreative Vielseitigkeit des Kulturlandes Steiermark sowie die Lebensqualität zu stärken.

Der vorliegende Text ist dem im Oktober d. J. erschienenen »Steirischem Jahrbuch für Politik 2019« entnommen. Wir danken für die freundliche Genehmigung, ihn abdrucken zu dürfen. boehlau.at

Essay, Fazit 167 (November 2020), Foto: Marija Kanizaj

 
Anzeige

Wellbeback

 

Kommentare

Antworten