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Tandl macht Schluss (Fazit 166)

| 6. Oktober 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 166, Schlusspunkt

Soziale Medien – soziales Gift. Warum Kompromisse nicht mehr gefragt sind. Als ich vor einigen Jahrzehnten im Gemeinderat meiner Heimatgemeinde saß, war es üblich, dass wir Gemeinderäte, unabhängig von unserer politischen Einstellung, selbst nach leidenschaftlichsten Streitereien nach der Sitzung noch gemeinsam auf ein Bier gingen. Es galt es als Tugend, politischen Widerspruch – ganz egal wie emotional und von wem er vorgebracht wurde – nicht allzu persönlich zu nehmen. Wer das nicht konnte, war ein »Heferl« und hatte folglich in der Politik nichts zu suchen.

Streit war und ist der Kitt unserer Demokratie. Aber nur solange der Widerspruch und der Meinungsaustausch zu einem Konsens führen, der dann in tragfähigen Kompromissen mündet, mit denen alle einigermaßen gut leben können.

Doch Twitter, Facebook und andere soziale Medien stellen die politische Kultur gerade auf den Kopf. Ganz egal um welches Thema es geht: User mit vorgefassten und unverrückbaren Meinungen beleidigen sich gegenseitig, stellen Moralfragen und stehen einander unversöhnlich gegenüber. Dazu kommen Politiker, die über Social Media versuchen, ihre »Fanbase« auszubauen, um damit ihre Karrieren vor- anzutreiben.

Doch was ist die Ursache, dass in den sozialen Medien mit immer größerer Leidenschaft über politische Themen gestritten wird? Eigentlich geht es den meisten Menschen doch trotz Corona deutlich besser als etwa ihrer Elterngeneration. Es gibt kaum mehr lebende Österreicher, die noch als Soldaten einen Krieg erleben mussten. Statt über die aktuellen Existenzängste der Menschen im Kultur-, Tourismus- und Eventbereich empören wir uns über die soziale Kälte unseres Kanzlers, weil er keine Kinder aus Moria aufnehmen will, oder über Jugendliche, die sich wegen des Klimawandels in der Friday-for-Future-Bewegung zusammengefunden haben. Warum entsteht bei immer mehr Menschen der Eindruck, dass in den sozialen, aber auch klassischen Medien vor allem des Streites wegen gestritten wird und nicht, um zu einer Lösung beizutragen?

Der amerikanische Politologe Eitan Hersh hat eine Antwort auf diese Frage gefunden: Weil es unser Hobby geworden ist, emotional über alles und jeden zu diskutieren. Inzwischen beschäftigen sich Menschen auf die gleiche Art und Weise mit der Politik, wie sie früher ihre Mannschaft auf dem Sportplatz angefeuert haben. Es geht immer nur darum, dass die Guten gegen die Bösen gewinnen – also die Eigenen gegen die Anderen.

In seinem Buch »Politics is for Power« beschreibt Hersh dieses Phänomen als »political hobbyism«. Die User in den sozialen Medien würden Politik wie einen Zuschauersport behandeln. Diesen Zugang zu politische Debatten hätte es zwar immer schon gegeben, aber seine Auswirkungen beschränkten sich auf den persönlichen Bekanntenkreis und den Stammtisch. Heute diskutieren wir auf globalen Plattformen mit Menschen, die wir nicht einmal persönlich kennen.
Der politische Diskurs verändert sich durch die sozialen Medien gerade extrem. Debatten verstärken und beschleunigen sich. Hoch emotionalisierte Mitstreiter sind längst kein Gewinn mehr, sondern eine Gefahr für die Demokratie. Denn die Onlinediskutierer sind nicht an Lösungen interessiert, sondern verschärfen stattdessen die Trennlinien in unserer Gesellschaft. Mit der Zustimmung von Gleichgesinnten, aber auch dem Streit und dem Widerspruch, den sie auslösen, wollen sie vor allem eines: unterhalten werden.

Gleichzeitig steigt der Anteil jener Bürgerinnen und Bürger, die sich massiv von dieser neuen – durch die sozialen Medien manipulierten – Debattenkultur abgestoßen fühlt. Daher sagen immer mehr Menschen, sie kämen etwa mit der Nachrichtenlage nicht mehr zu Rande und würden sich am liebsten völlig ausklinken. Facebook, Twitter und Co. verstärken daher den Politik- und Demokratieverdruss.

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das eines der Fundamente der liberalen Demokratie bildet. Daher bleibt nur der Appell an uns selbst, nicht am Missbrauch der Meinungsfreiheit in den sozialen Medien mitzuwirken. Ich werde daher versuchen, mich ab sofort in meinem Facebook- und Twitterbeiträgen zurückzuhalten.

 

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Tandl macht Schluss! Fazit 166 (Oktober 2020)

 
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