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Permanente Infektionsgefahr

| 4. März 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 170, Fazitbegegnung

Foto: Heimo Binder

Eigentlich könnten sie gleich Steinbrowsky heißen. So untrennbar sind Dorothea Steinbauer und Wolfgang Dobrowsky als Schauspielerduo miteinander verbunden, geradezu amalgamiert. Kennengelernt haben sich die Würzburgerin und der Leobner 1984 bei ihrem jeweils ersten Theaterengagement im Stadttheater Heilbronn und waren für die nächsten zehn Jahren tatsächlich ein Liebespaar.

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Auch danach noch eine kongeniale Bühnenehe zu führen, ist zumindest genauso ein Wunder, wie sämtliche ihrer bislang mehr als 100 Produktionen Theaterwunder sind. Große und kleine, stets schöpferisch, riskant und voller Spielwitz. Seit sie nach ihren letzten Produktionen für das Innsbrucker »Treibhaus« vor 31 Jahren nach Graz gekommen sind, balancieren sie auf dem dünnen Eis der Selbstständigkeit und spielen nur was sie wollen und wie es ihnen gefällt. Ohne Manager, ohne Regisseur, ohne eigenes Haus oder eigene Bühne blieben sie unbestechliche Bühnenbesessene, die aus einem schier unerschöpflichen Reservoir an Ideen und Phantasien Stücke aus eigener Feder sowie Zeitgenössisches zaubern, insbesondere auch Klassikeradaptionen, die auf neue Betrachtungen warten. Schon die erste eigene Produktion war ein Erfolg: Schnitzlers Reigen auf Steinbauer-Dobrowsky-Art – die zwei spielen alle Rollen selbst.

Eine Vorgangsweise, die sich vor allem in den späteren Jahren zum Markenzeichen entwickeln sollte. Wenngleich es auch Produktionen wie »Gauguin, mon amour« gab, in denen ein gutes Dutzend Schauspieler dabei war. Der Durchbruch gelang spätestens mit »Faust eins«, das war 1992. Steinbauer als Mephisto und Dobrowsky als Faust, aber auch in allen anderen Rollen, bis zur alten Marthe. Später folgten noch »Faust zwei« plus Neuinszenierung vom 1. Teil sowie »Faust einsdurchzwei«. So muss ich durcheinandergekommen sein: Meiner Erinnerung nach spielte Steinbauer das splitterfasernackte Gretchen, aber die beiden versichern heute glaubwürdig, das wäre in einem anderen Stück gewesen. Egal, es war aufregend. Und es war Sommer. – Vor allem aber ein außergewöhnlich schöner, ohne Abendgewitter. Das ist ziemlich wichtig, wenn man kein Haus hat und im Freien spielt. Alle Vorstellungen waren ausverkauft, ohne eine einzige Absage wegen Regens. Auf- wie anregend auch immer die Aufführungsorte: der Innenhof vom Palais Schwarzenberg in der Bürgergasse (gegenüber vom Stainzerbauer), ein Innenhof im Joanneum bei der Landesbibliothek (mit »Auftritt« eines Autos), der Innenhof im Haus Karmeliterplatz 5, der Garten vom Haus Karmeliterplatz 6 (sonst unzugängliches Kleinod), der Innenhof des Deutschen Ritterordens in der Sporgasse, die Orangerie im Burggarten, der Römersteinbruch in Wagna (konstante acht Grad), ein freistehendes Kegelbahngebäude (verstecktes Juwel in der Münzgrabenstraße) oder beim Frankowitsch, im Atelier Jungwirth, im Palais Dietrichstein in der Burggasse (gegenüber von Mausoleum) – um nur einige zu nennen.

Die Steinbauer-Dobrowsky-Methode impliziert eine spezielle bis eigenwillige Zugangsart zu den Stücken, ist immer spannend im wahren Sinn des Wortes und schafft es in der Regel auch, dem Zuschauer Neues zu vermitteln oder bislang vielleicht verborgen gebliebene Inhalte verständlich zu machen. In jedem Fall aber, andere Ebenen oder neue Blickwinkel zu eröffnen. Dabei besteht – jenseits unserer pandemischen Zeit – aber explizit eine permanente Infektionsgefahr, wenn die Steinbauer sagt: »Wir wollen mit etwas Schönem anstecken.« Wie etwa mit »Unter dem Milchwald« von Dylan Thomas, von dem sich Literaturnobelpreisträger Robert »Bob« Zimmermann ehrfürchtig den Vornamen als Zunamen geliehen hat. Ein Text aus den Neunzehnfünfzigerjahren, den man heute nur schwer lesen kann, aber als Radioshow von Steinbauer & Dobrowsky live im Café Kaiserfeld inszeniert, ist er ein Gedicht (»Die Stadt ist voll, wie das Ei einer verliebten Taube.«). So lernt man sie mit den beiden kennen, Kleists Penthesilea, die Achill tötet, weil sie ihn liebt oder Lear, der selbst gar nicht erscheinen muss oder Richard III. nach Urs Widmer oder die Venus im Pelz oder den Reigen, oder die Bettleroper, Vorbild für Brechts Dreigroschenoper oder MimiCry, eine Weiterführung von Kafkas »Bericht für eine Akademie« von Dido May (ein Pseudonym von Dorothea Steinbauer) oder Patty Diphusa von Pedro Almodóvar, der letzten aufgeführten Produktion während einer Lockdownlücke im Juli 2020.

Zur Zeit studiert das Schauspielerduo mit »Oh Narrenschiff, du mein Rettungsboot« aus der Feder von Steinbauer ein Loblied auf den langen Atem der Kunst als vorläufiges Kopfabenteuer ein, und es besteht der Plan, mit Kafkas »Bericht für eine Akademie« im Theatercafé auf Film auszuweichen. Aktenvermerk an alle Artists: we miss you.

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Dorothea Steinbauer wurde am 29. Juni 1958 im Würzburg geboren. Die Mutter einer Tochter ist gelernte Universitätsbuchhändlerin und absolvierte ein Schauspielstudium in Hannover. Nach Engagements in Heilbronn und Coburg machte sie sich mit Wolfgang Dobrowsky 1988 selbstständig. Gemeinsam leiteten sie von 1993 bis 2001 das Theatro in Graz und seit 2001 das Culturcentrum Wolkenstein in Stainach. Steinbauer war für das Einreichkonzept für die Regionale 10 im Bezirk Liezen verantwortlich.

Wolfgang Dobrowsky wurde am 18. März 1956 in Leoben geboren, besuchte die Ortweinschule in Graz und ist gelernter Grafikdesigner. Er absolvierte ein Schauspielstudium in Graz, war in Heilbronn engagiert, wo auch Bühnenbild- und Plakatentwürfe von ihm realisiert wurden. Nach einem Engagement in Innsbruck Selbständigkeit mit Dorothea Steinbauer seit 1988, ab 1990 in Graz, 1993 bis 2001 Leitung vom Theatro, ab 2001 vom CCW Stainach. steinbauer-dobrowsky.info

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Fazitbegegnung, Fazit 170 (März 2021) – Foto: Heimo Binder

 
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