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Pandemie: Licht am Ende des Tunnels?

| 13. April 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 171, Fazitthema

Illustration: Adobe-Stock

Wer sich gerne auf dünnem Eis bewegt, versucht, der Corona-Krise Positives abzugewinnen. Andererseits: Ganz so aussichtslos, wie das auf den ersten Blick scheint, ist es nicht. Ein Text von Johannes Roth.

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Ein Jahr Covid, ein Jahr Krise. Gönnen wir uns den Blick zurück: Genau vor einem Jahr war das Land im ersten Lockdown. Es war ein anderer Lockdown, als wir ihn heute erleben. Verbunden mit mehr Angst, aber auch mit mehr Respekt vor den Vorschriften. Man hatte Hoffnung: Dass, wenn man nur den Vorgaben der Regierung folgen würde, diese absurde Krise in wenigen Wochen vorbei wäre. Insofern fiel uns der Verzicht auf die Gastronomie nicht wirklich schwer, die Befriedigung des Konsumbedürfnisses ließ sich während dieser absehbaren Zeit leicht über Amazon, Zalando und Co bewerkstelligen. Diejenigen, die das Glück hatten, ihre Kurzarbeit im Home Office verbringen zu dürfen, freuten sich gar über die unverhoffte Gelegenheit zum Durchatmen. Das ist lange her.

So richtig mühsam wurde Covid eigentlich im Sommer: Als das erste Mal wieder die Grenzen dicht gemacht wurden, dämmerte es dem einen oder anderen – die schon überwunden geglaubte Krise hatte durchaus Potenzial, in die Verlängerung zu gehen; das berühmte Licht am Ende des Tunnels verblasste zusehends. Gastro- und Handels-Lockdown erwiesen sich als zunehmend bitter und die Erlösung »Home Office« in vielen Fällen als Notlösung, mit der man so etwas wie einen Arbeitsalltag bestenfalls simulieren konnte. Ein Schreibtischeck und ein VPN-Zugang sind eben keine Büroinfrastruktur, zumal dann, wenn es gilt, die Arbeitsleistung mit Kinderbetreuung zu verbinden.

Ein Jahr COVID ist ein Jahr improvisiertes Leben. Allerdings gibt es – neben unbestritten vielen Verlierern – in wirtschaftlicher, institutioneller und gesellschaftlicher Hinsicht durchaus auch positive Effekte der Krise. Und wer genau hinsieht, der vermag tatsächlich ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

Immunisierung schreitet voran
Da ist zunächst die Immunisierung der Bevölkerung. Auch wenn bei der Bestellung, Verteilung und Zuteilung der Impfdosen zunächst einiges schief gegangen ist, kommt das Programm nun langsam in die Gänge. In der Steiermark waren bei Redaktionsschluss 380.000 Menschen zur Impfung angemeldet, knapp 115.000 waren bereits mit der ersten Dosis geimpft. Das Positive daran: In vielen Ländern wurden die Impfungen ausgesetzt, weil man dem Impfstoff nicht genügend Vertrauen entgegenbrachte. Die steirische Impfstrategie hingegen folgt der Wissenschaft, die übereinstimmend erklärt, dass die Chancen, die eine Impfung mit AstraZeneca mit sich bringen, das Risiko eines Venenverschlusses überwiegen würden.

Wann denn nun alle über 65-Jährigen geimpft sein können? »Wir planen, mit Ende April alle über 65 geimpft zu haben«, sagt der steirische Impfkoordinator Michael Koren. Dieses Ziel sei schaffbar, wenn AstraZeneca die Lieferungszusagen tatsächlich einhalte. Dass sie das nicht tut, könne durchaus passieren, dämpft Koren die Erwartungen, denn die Firma habe sich bislang als nicht grade zuverlässig erwiesen. »Momentan ist es so, dass wir den Impfstoff von Pfizer sicher kriegen, die sind sehr verlässlich – damit schaffen wir 85.000 Erstimpfungen.« Die Änderung der bundesweiten Impfstrategie wurde umgehend vollzogen. »Wir haben noch jene Gruppen geimpft, die vereinbart waren, das waren die Lehrer.« Hier wurden noch 17.000 Personen geimpft, danach ging jede Impfung an eine Person über 65 Jahre. Dass zu Redaktionsschluss übrigens mehr Jüngere als Ältere geimpft worden waren, ist nur auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar. Bislang, so Koren, sei Astra-Zeneca ja nur für die unter 65-Jährigen zugelassen gewesen. Erst ab 5. März sei eine Verimpfung an alle Altersgruppen möglich geworden. Tatsächlich hatten Studiendaten, die erst während der letzten Februartage als Vorab-Publikationen verfügbar wurden, die Empfehlung einer Zulassung für alle Altersgruppen möglich gemacht. Die Daten, die im Rahmen der breiten Anwendung des Impfstoffs in England und Schottland erhoben wurden, lieferten – spät, aber doch – »robuste Ergebnisse zur guten Wirksamkeit des Impfstoffs in höheren Altersgruppen bereits nach einer Impfstoffdosis«, so das Robert Koch Institut in einer Aussendung. Davor galt es, die vorhandenen Dosen schnellstmöglich an jene Risikogruppen zu verimpfen, die AstraZeneca erhalten durften – zum Beispiel an Pflegepersonal, Pädagogen oder Polizisten. Mit Impfstoff anderer Provenienz waren bis Mitte März 9.500 Bewohner von Altenheimen geimpft, 6.300 Pflegekräfte und 7.200 Externe. Die Kleine Zeitung zählt weiter auf: »27.000 über 85-Jährige, 8.000 Hochrisikopatienten, 13.000 KAGes-Mitarbeiter, 6.000 niedergelassene Ärzte …«

Ob direkter Erfolg der Impfstrategie oder nicht: die COVID-Mortalität in den Alten- und Pflegeheimen sank  jedenfalls signifikant.

Es gibt also Hoffnung. »Man sagt, dass dann, wenn alle über 50-Jährigen geimpft sind, eine Rückkehr zur Normalität wieder möglich ist«, erklärt Michael Koren. Man könne nicht genau sagen, wann das sein werde, da es von der Lieferung der Impfstoffe abhängig sei. »Wenn der Impfstoff aber da ist, dann sind wir gerüstet«, sagt Koren. »Anders als andere Bundesländer haben wir eine Impfkooperation mit 800 niedergelassenen Ärzten. Und wir haben 22 Impfstraßen, sodass wir doch Zigtausende pro Woche impfen können. Wir sind übrigens die Ersten, die den niedergelassenen Bereich breit eingebunden haben. Es ist wichtig, dass die Bevölkerung zu den Hausärzten kommt, deswegen haben sich die anmelden können – und 800 Ärzte haben sich tatsächlich als impfwillig erklärt.« Bei aller Kritik daran, dass Mitte März immer noch viele über 80-Jährige auf ihren Impftermin warten mussten, bleibt also doch festzuhalten, dass diese Situation keineswegs dem Mangel an politischer Managementfähigkeit auf Landesebene geschuldet ist.

Corona befeuert Home Office 
und Digitalisierung
Auf der Suche nach dem Positiven an COVID-19 wird man darüber hinaus schnell im arbeits- bzw. steuerrechtlichen und im digitalen Bereich fündig. Hier sind es vor allem zwei Themen, die durch die Pandemie einen richtigen Schub erlebt haben: die österreichweit verbindlichen Regelungen für Home Office – und ein deutlich entgegenkommenderer steuerlicher Rahmen. So wurden zum Beispiel die Werbungskostenregelungen für Home-Office-Ausgaben angepasst. Bis zu 300 Euro (statt bisher 150) können jetzt geltend gemacht werden. Um Werbungskosten für ergonomisches Mobiliar geltend machen zu können, genügt übrigens jetzt, wenn man 26 Tage pro Jahr im Home Office verbringt, bislang musste man noch 42 Tage von zu Hause aus arbeiten. Darüber hinaus haben es breite Förderungen den Unternehmen ermöglicht, die notwendigen technischen Voraussetzungen für ihre Mitarbeiter zu schaffen. Und wenn auch Home Office immer noch eine Vereinbarungssache zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist, so ist der jüngst neu abgesteckte arbeitsrechtliche Rahmen doch als deutlicher Fortschritt gegenüber der alten Regelung zu werten.

Unbestritten positiv ist natürlich auch der Digitalisierungsschub – vor allem im Bildungsbereich. Home Schooling oder »Distance Learning«, aber auch andere digitale Bildungskonzepte für jede Altersstufe sind nun plötzlich gesellschaftsfähig geworden. Die erzwungene Beschäftigung mit den Möglichkeiten, die digitale Kommunikation zur Qualifikation zu nutzen, bereichert jedenfalls das Bildungs- und das Weiterbildungsangebot. Alleine die Digitalisierungsoffensive der steirischen Schulen kann sich sehen lassen. Von Leistungswerten wie denen, die etwa die steirische Landesregierung Ende Jänner vermelden konnte, können bundesdeutsche Metropolen nur träumen: 90 Prozent der steirischen Bundesschulen sind bereits ans Glasfasernetz angeschlossen – das Ergebnis von massiven Anstrengungen, die vergangenes Jahr unternommen worden waren, um die digitale Infrastruktur, mobiles Breitband und das Glasfasernetz weiter auszubauen, um, wie A1-Chef Thomas Arnolder sagt, »Unternehmen, Gemeinden und Bildungseinrichtungen mit ultraschnellem Breitband zu versorgen.« Auch der Anteil der mit Glasfaser versorgten Pflichtschulen wachse kontinuierlich, so Arnolder.

Etwas holprig – vorsichtig ausgedrückt – gestaltete sich vergangenes Jahr der Einstieg in die lockdownbedingte erste Home-Schooling-Phase unter anderem deshalb, weil es an den notwendigen Endgeräten mangelte. Das ändert sich: Das Projekt »digitale Schule« des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung, das mit 250 Millionen Euro budgetiert ist, sieht vor, dass ab 2021 jedem der 9.700 steirischen Kinder in der 5. Schulstufe (und einmalig 2021 auch in der 6. Schulstufe) ein digitales Endgerät zur Verfügung gestellt wird. Aber auch die Stadt Graz lässt sich nicht lumpen: Um 2,5 Millionen Euro sollen alle 63 Schulen der Stadt Graz mit »schnellem Internet, einem PC pro Klasse, vier Laptops für das Lehrerzimmer und einem Laptop für das Direktorenzimmer ausgestattet werden«, berichtet ORF.at. Schüler und auch Lehrer werden zusätzlich mit diversen Fortbildungsmaßnahmen durch Fachleute begleitet, um den digitalen Wandel im Bildungswesen pädagogisch richtig einleiten zu können.

E-Commerce boomt
Die Digitalisierung, die durch Corona einen deutlichen Schub erfahren hatte, ist natürlich auch in der Wirtschaft spürbar. Dass Corona einen wahren Boom bei Onlinehändlern im In- und Ausland ausgelöst hat, ist für dieselben zweifellos auch ein positiver Effekt. Tatsächlich haben die Wochen des Lockdowns auch solche Handelsunternehmen dazu motiviert, sich Onlinevertriebswege zu erschließen, die davor hinsichtlich der Digitalisierung eher träge gewesen waren. Unternehmen wie das steirische Niceshops profitieren enorm von diesem Boom: Niceshops entwickelt Onlineshops in den unterschiedlichsten Produktsegmenten. Fast 18.000 Pakete verlassen täglich das Logistikzentrum, alle vier Sekunden verkauft einer der Onlineshops von Niceshops ein Produkt, wobei die Palette von der Handcreme bis zum Swimmingpool geht. Fast eine Million Produkte sind über die E-Commerce-Lösungen des steirischen Unternehmens ständig verfügbar. Schon vor Corona war Niceshops gefragt, 40 bis 70 Prozent Unternehmenswachstum pro Jahr waren die Regel. Statt geplanter 72 Millionen Euro stieg der Umsatz 2020 auf 100 Millionen Euro. Mehr als die Hälfte des Wachstums, schätzt Niceshops-Co-Geschäftsführer Christoph Schreiner, sei Corona geschuldet, berichtet das Startup-Magazin »Der Brutkasten«.

Sind die wirtschaftlichen Verluste aufholbar?
Gesamtökonomisch gesehen halten sich die positiven Effekte der Pandemie natürlich in engen Grenzen. In sehr, sehr engen Grenzen, um genau zu sein. Zunächst einmal hat die Krise vergangenes Jahr ein kumuliertes Schadensausmaß von 30 Milliarden Euro verursacht, gemessen an entgangener Wertschöpfung. Der Schaden sei nur insofern nicht irreparabel, ist IV-Chefökonom Christian Helmenstein überzeugt, als man rein theoretisch davon ausgehen könnte, dass das Wachstum der nächsten Jahre diesen Schaden überkompensieren werde. »Das allerdings setze voraus, dass man in der österreichischen Volkswirtschaft die Potenzialwachstumsphase anheben kann, und da wäre die Wirtschaftspolitik gefragt.« Die Erfahrung aus der Lehman-Krise sei jedoch eine andere. Man müsse daher davon ausgehen, dass der Schaden nicht aufgeholt wird, denn nach Lehman sei es ja auch nicht gelungen, die Einkommensverluste wettzumachen, so Helmenstein. Und hier ist sie auch schon, die positive Nachricht: »Wenn es ordentlich läuft, dann werden wir auf einen Wachstumspfad zurückkehren«, so Helmenstein. Wir würden aber nicht mehr das Wachstum erreichen, das wir bräuchten, um den Schaden überzukompensieren. Der Schaden wäre noch deutlich höher ausgefallen, hätte der Staat nicht durch Stabilisierungsmaßnahmen helfend eingegriffen. »Diese Hilfen sind allerdings um den Preis einer höheren Staatsverschuldung lanciert worden, auch das wird uns noch über viele Jahre oder Jahrzehnte begleiten.« Er, so Helmenstein, würde dafür plädieren, alles daran zu setzen, um diesen Schuldenberg bis zum Ende dieses Jahrzehntes wieder abgebaut zu bekommen. »Ein Staat, der keine Schulden hat, belastet die gegenwärtige Generation zu stark, ein Staat mit einer übermäßigen Verschuldung belastet künftige Generationen zu stark«, sei ein Paradigma, das für Investitionen gelte. »Wenn man einen Tunnel baut, dann wirkt diese Investition auch für künftige Generationen. Deswegen ist es richtig, diesen Tunnel mit Schulden zu finanzieren, die dann auch die nächsten Generationen noch zurückzahlen.« Künftige Generationen partizipieren also von einem Nutzen, den sie auch bezahlen müssen. »Diesen Vorteil sehe ich bei Corona überhaupt nicht. Was wir mit den staatlichen Hilfen tun, ist, die negativen Folgen für die jetzt lebende Generation möglichst zu minimieren. Und das bedeutet natürlich, dass es auch unser Job ist, dass dieser Schuldenberg von der jetzt lebenden Generation abgebaut wird.« So viel zur makroökonomischen Ebene.

Auch auf mikroökonomischer Ebene kann der Ökonom der Krise nicht wirklich Positives abgewinnen. »Unternehmen, die vor COVID eine unzureichende Eigenkapitalausstattung hatten, werden nach der Krise aus dem Markt austreten.«

Positiv zu werten ist allenfalls das »Wie« des Schuldenabbaus. Denn weil wir schon ein Höchststeuerland sind, ist ein weiteres Erhöhen der Steuerlast kein taugliches Mittel. »Was das angeht«, so Helmenstein, »wäre es wichtig, sich von einem statischen zu einem dynamischen Gleichgewichtsbegriff, was unseren Staatshaushalt angeht, zu bewegen«. Das heißt: Es geht nicht darum, wie Helmenstein es ausdrückt, »Einnahmen und Ausgaben in Übereinstimmung miteinander zu bringen bzw. Einnahmenüberschüsse zu benötigen, denn da hätten wir erhebliche Schwierigkeiten: Steuern erhöhen und Einschnitte ins soziale Netz. Dynamisches Gleichgewicht aber heißt: Ich muss in der Lage sein, die Ausgabendynamik deutlich über die Einnahmendynamik zu bringen. Wir sprechen also über die Zuwächse, nicht das Niveau der Einnahmen und Ausgaben. Die Kunst des Regierens muss darin bestehen, die Zuwächse der Ausgaben ständig unter den Zuwächsen der Einnahmen zu halten. Und die werden wir haben, wenn die Wirtschaft wieder zu wachsen beginnt, was bedeutet, dass die Ausgaben nicht im gleichen Tempo mitgesteigert werden können. Wenn man das konsequent machte, dann würde es gelingen, den Schuldenberg bis 2030 wieder abzutragen.« Das kann gelingen, man sehe dies am Abbau der Staatsverschuldung von Ländern wie Deutschland, Österreich oder Irland in der Post-Lehman-Phase bis 2019. »Wir brauchen uns also nur uns selbst zum Vorbild zu nehmen«, so Helmenstein. Ansonsten fällt dem Chefökonom an Positivem zu Corona ein: der Bewusstseinsschub für Digitalisierung und moderne Arbeitsorganisation. »Positiv ist auch, dass uns auch die Grenzen der Digitalisierung aufgezeigt werden. Beispielsweise wenn es um Leadership in komplexen Situationen geht oder wenn es darum geht, Kreativitätsprozesse zu installieren. Hier kann die persönliche Interaktion nicht vollständig durch Digitaltechnologie abgelöst werden.«

Der Arbeitsmarkt gibt Anlass zur Hoffnung
Bleibt noch der Arbeitsmarkt. Auch der ist insofern positiv zu werten, als es leichte Anzeichen von Entspannung gibt. »Wir bemerken seit Wochen eine leicht sinkende Arbeitslosigkeit und beobachten die Entwicklung wöchentlich. Aktuell entlasten die Arbeitslosenzahlen im Bau mit einem Rückgang von aktuell 13 Prozent und ein Rückgang der Arbeitslosigkeit im Handel von 20 Prozent am stärksten. [Anmerkung: Stand 15.3.]«, so AMS-Geschäftsführer Karl-Heinz Snobe. Wie überall hänge die Entwicklung der Arbeitslosigkeit stark von den Lockdowns, also von der weiteren Entwicklung der Ansteckungszahlen ab. »Die beginnende wärmere Jahreszeit und eine höhere Durchimpfung werden sich positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken. Ab Sommer hoffen wir auf eine starke Dynamik am Arbeitsmarkt, die wieder bessere Chancen für Jobsuchende bringen wird.«

Aus Sicht des AMS-Geschäftsführers werden auch die neuen Formen der Arbeitsorganisation die Krise überdauern. »Home Office wird in vielen Wirtschaftsbereichen ein Thema bleiben, wir merken das in der eigenen Organisation. Die Betreuungsaspekte werden eine Rolle spielen, aber vor allem die Zeitersparnis bei Reisebewegungen und für die Fahrt zum und vom Arbeitsplatz.« Mittelfristig werde »ortsunabhängiges« Arbeiten Chancen für Beschäftigte und Unternehmen bringen: Die Suche nach neuen Mitarbeitern kann örtlich deutlich ausgedehnt werden, wenn es verstärkt die Möglichkeit gibt, außerhalb des Unternehmens zu arbeiten. Hier hat man ein deutlich höheres Arbeitskräftepotenzial, ganz abgesehen von Einsparungspotenzial bei der Büroinfrastruktur.

Der Arbeitsmarkt bleibt dennoch durchwachsen. »In Summe hatten wir Ende Februar 2021 um knapp zehn Prozent weniger offene Stellen als vor einem Jahr bei uns gemeldet«, erklärt Snobe.

»Allerdings hat sich – wenn wir den Zugang an offenen Stellen vom Februar betrachten – in diesem letzten Monat etwas getan: Wir haben im gesamten Februar mehr offene Stellen (+ 6,3%) hereinbekommen als im Februar des Vorjahres. Da sind natürlich Nachzieheffekte dabei und Betriebe, die vorhaben, jetzt wieder verstärkt ihre Geschäfte aufzunehmen, suchen dafür vorher verstärkt Personal.« Eine stärkere Nachfrage gibt es aktuell im Dienstleistungsbereich, im Handel, im Bau, in der Produktion sowie im Sektor Gesundheit und Soziales.« Bleibt noch die Frage nach Effekten aus dem massiven Einsatz von Kurzarbeit. Snobe: »So etwas gab es noch nie und es fehlt daher der Vergleich. Ich gehe davon aus, dass einige Unternehmen nach der verpflichtenden einmonatigen Behaltefrist nach Ende der Kurzarbeit ihren Personalstand anpassen werden. Aber auch letzten Sommer, als viele Betriebe [Anmerkung: vor dem 3. Lockdown] ihre Kurzarbeit beendet haben, stieg die Arbeitslosigkeit nicht sprunghaft an. Jedenfalls hat die Kurzarbeit viele Dienstverhältnisse gerettet und ich denke, dass die Betriebe – die ja wissen, wie schwer es ist, Fachkräfte zu bekommen – kein Risiko eingehen werden.«

Landwirtschaft: Licht und Schatten
Tatsächlich profitiert haben von Corona schlussendlich Teile der Landwirtschaft: Regionalität und Direktvermarkter stehen wieder hoch im Kurs bei den heimischen Konsumenten. Der Ab-Hof-Verkauf etwa stieg 2020 um satte 26 Prozent. Insgesamt vermeldet eine Analyse der AMA ein Wachstum der Haushaltsausgaben um fast eine Milliarde Euro. Bio boomt bei der Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte, inwieweit der wertmäßige Zuwachs von erstmals über zehn Prozent jedoch Corona zuzurechnen ist, lässt sich nicht genau sagen. Im Gesamtjahr 2020 betrug das Umsatzwachstum durch landwirtschaftliche Erzeugnisse mit dem Label »Bio« 23 Prozent. Die Verschiebung vom Lebensmitteleinzelhandel zu anderen Einkaufsquellen war zwar spürbar, die Online-Bestellungen wuchsen aber weniger, als man erwartet hatte: Ihr Anteil betrug auch 2020 nur 1,6 Prozent. Corona jedenfalls verändert die Werthaltungen des Konsumenten – die wesentlichen Trends der vergangenen Jahre (mit Ausnahme des Außer-Haus-Verzehrs) setzen sich zwar trotz Corona fort, die Pandemie hat aber einige dieser Trends deutlich verstärkt: Herkunft & Regionalität, Bio und Convenienceprodukte. Allerdings ist, wo Licht ist, gerade bei Corona auch sehr viel Schatten. Denn jene Teile der Landwirtschaft, die von den veränderten Bedingungen profitieren konnten, machen nur eine Facette des Gesamtbildes aus, wie Landwirtschaftskammerdirektor Werner Brugner festhält: »Die Erfolge einzelner Segmente dürfen uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass andere Segmente dramatische Einbußen hinnehmen mussten. Vor allem die Schließung der Gastronomie hat sich natürlich ausgewirkt, den Rinder- und Schweinebauern bricht dieser Markt komplett weg, gleich verhält es sich natürlich mit dem Wein.«

Zusammenfassend kann man sagen, dass mitten in der dritten Corona-Welle trotzdem die Hoffnung überwiegt. Die Impfungen schreiten voran. Die Konsumenten sind konsumhungrig und der Arbeitsmarkt beginnt sich zu erholen. Selbst wenn es noch Monate dauert, bis die Krise endgültig überwunden ist, und die letzte Phase tatsächlich die schwierigste ist. Es gibt endlich einen ersten zarten Lichtschimmer, der das Ende des Tunnels zumindest erahnen lässt.

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Fazitthema Fazit 171 (April 2021), Illustration: Adobe-Stock

 
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