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Schützt die Städte und stoppt die Hippies!

| 2. August 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Essay, Fazit 175

Foto: SelbstportraitEin Essay von Götz Schrage. Für Götz Schrage hat nur die Stadt ewiges Leben und braucht dazu Licht und Lärm sowie pulsierenden Verkehr. Eine recht außergewöhnliche Liebeserklärung an das Urbane.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Götz Schrage, geboren 1960 in Bochum, war Musiker, Fotograf und Berufsspieler. Er gehörte als Keyboarder der Band »Blümchen Blau« an. Schrage lebt in Wien und schreibt seit Jahrzehnten – nach eingenen Angaben – erfolglose Kolumnen, sitzt meist im Kaffeehaus und geht mit seinem Hund spazieren. Er ist passionierter Autofahrer und regelmäßig in Therapie. Leider, so Schrage, bisher ebenso erfolglos. schrage.at

Guten Tag. Mein Name ist Götz Schrage. Ich nehme an, Sie haben noch nie von mir gehört oder gelesen. Für die Zukunft brauchen Sie sich meinen Namen auch nicht merken. Alles was Sie wissen sollten, ich fahre ein Auto, das ich mir nicht leisten kann. Alleine in der Stadt brauche ich mehr als 18 Liter Super auf hundert Kilometer. Das bedeutet, ich muss wirklich jeden Job annehmen und deshalb schreibe ich hier diesen wohl verstörenden Text. Hoffe auf Ihr Verständnis und falls Sie einen besseren Job für mich haben, ich kann zum Beispiel sehr gut mit Hunden, wenden Sie sich bitte an den Herausgeber dieses Magazins. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Bitte gehen Sie jetzt weiter, oder blättern Sie weiter, es gibt nichts zu sehen und wenig zu lesen. Das kann ich Ihnen schriftlich geben, beziehungsweise habe ich das gerade getan.

Ein Essay zur Gentrifizierung soll es werden. Blöd halt, wenn man den Begriff nur von der Distanz kennt. Natürlich habe ich das schon mal gehört und ist soweit mir erinnerlich irgendwas mit Yuppies und was sie anrichten, wenn sie sich in deiner Nachbarschaft ansiedeln. Dafür weiß ich, was ein Essay können sollte. Wenig Inhalt so geschraubt und ausufernd formulieren, dass man Tiefe vortäuscht, wo oft nur Leere ist. Apropos, kürzlich hörte ich Andre Heller etwas wirklich Gescheites sagen. Nicht vorgetäuscht interessant, sondern tatsächlich. »Ein jeder Ort wird interessant, wenn sich interessante Leute anfangen für diesen Ort zu interessieren.« Natürlich hat er das nicht zu mir persönlich gesagt. So wichtig bin ich nicht, sondern mehr zu meiner Chefin. Nichts mit Hunden, sondern mehr mit Sachen tragen und so. Wie gesagt, ich bin da gar nicht heikel. Jedenfalls habe ich darüber nachgedacht, was Heller gesagt hat und seitdem bin ich mir nicht sicher, ob das eine gute Nachricht für die Bewohner dieser Orte sind, für die sich plötzlich interessante Leute anfangen zu interessieren. Und dann habe ich was im Kaffeehaus gehört. Der schmerbäuchige Makler mit den beschrifteten Hemden, dessen grelle Freundinnen meist viel zu jung für ihn zu sein scheinen, und der trotzdem, oder deswegen, immer noch bei seiner Mutter wohnt. Jedenfalls der Makler hat sich mit einem anderen Makler getroffen, auch ein hässlicher Typ, aber mit normalen Hemden ohne Schriftzug immerhin. »Dreimal verkaufen die Hütte und spätestens wenn in der Nachbarschaft ein Bioladen aufsperrt, wird brutal ausgemietet und parifiziert.« Das hört sich auch nicht gut an für die Leute, die da wohnen. Vielleicht freuen die sich zuerst über den geräucherten Tofu in der Nahversorgung. Und dann freuen sie sich, weil sie hören, dass es endlich ernsthafte Planungen für einen Aufzug gibt. Wäre schon schön, wenn auch das Stiegenhaus saniert würde. Nun, das wird alles passieren. Aber es gibt eben ein »aber«, nur das ahnt niemand von denen, weil die nicht so viel Zeit haben wie ich, im Kaffeehaus zu sitzen, um den Gesprächen am Nachbartisch zuzuhören.

Jedenfalls, wenn Sie in einer Gegend wohnen, in denen es ein wenig wie Bukarest im November aussieht und beruhigt sind, weil Sie einen dieser angeblich unbefristeten Mietverträge haben, sollten Sie stets die Augen offen halten. Zum Beispiel, wenn Sie Andre Heller mit ein paar interessanten Freunden durch Ihre Gasse flanieren sehen – achten Sie bitte auch noch darauf, ob Heller ein interessiertes Gesicht macht – können Sie anfangen, sich Sorgen zu machen. Und spätestens, wenn im Haus gegenüber ein veganer Eissalon öffnet, und der Bezirksvorsteher persönlich vorbeikommt, um zwei Bäume zu pflanzen, sind Sie endgültig verloren. Man wird Ihnen versuchen weiszumachen, die Bäume wären gut fürs Klima und würden eine bessere Luft machen. Das mag prinzipiell stimmen, aber die bessere Luft ist nicht für Sie, die ist dann für Ihre Nachmieter – das Innenarchitektenehepaar – und Sie wohnen mit viel Glück dann tatsächlich in Bukarest oder alternativ auf einem winterfesten Campingplatz im nördlichen Waldviertel. Schmierige Privatdetektive haben das Ausmieten übernommen. Kaum wanken Sie früh morgens von Ihrem Stammwirt nach Hause, wird Ihr Wohnbedarf gerichtlich angezweifelt und dann heißt es Koffer packen. Die schöne neue Welt wird es geben, aber nicht für Sie. Pech gehabt! Generell schuld allerdings sind die Hippies. Die haben das Gefüge und die Ästhetik der Stadt nicht verstanden und alles durcheinander gebracht. Jetzt sind die gut ausgebildeten Hippiekinder in der Politik und setzen das fort, was sich ihre eingekifften Eltern seinerzeit ausgedacht haben. Niemand ist damit geholfen, weil man diese verlausten Utopien von den unstädtischen Städten niemals hätte umsetzen dürfen. Man kann eben nicht beides haben, den unwiderstehlich sexy Rhythmus der Stadt und die miefige Idylle eines künstlich aromatisierten Landlebens. Anstatt konsequent aus den Städten zu ziehen, baba und fall nicht, hat man Schritt für Schritt versucht die Städte zu verdorfen. Natürlich kann man mit der Natur in Einklang leben, aber dann bitte auch in der Natur.

In der Stadt soll man mit der Stadt in Einklang leben. Städte wurden erfunden, weil die Menschen ganz verrückt waren nach der Gegenwart. Nach dem Hier und Jetzt und nicht nach der mittelalterlichen Märchenwelt. Eine Stadt soll laut sein, soll schnell sein und wirklich hell. Deswegen lieben die richtigen Städter ja ihre Stadt, weil es dort hell ist auch im Winter und in der Nacht und man stolz ist, wenn man mit seinem Wagen durch die beleuchteten Straßen fährt und sich dabei an den strahlenden Lichtern erfreut, die niemals ausgehen sollten. Niemand kann sich freuen in der stinkenden U-Bahn zu fahren, um sich dann an abgedunkelten Schaufenstern nach Hause zu tasten. Nur die verrückten Hippiekinder haben solche Ideen und genau die haben auch so absurde Begriffe wie »Lichtverschmutzung« erfunden. Ein in sich schwer perverses Wort und dabei wäre es doch so einfach, und ich weiß, ich wiederhole mich, sollen die Hippiekinder doch aufs Land ziehen. Dort haben Sie es schön dunkel und im Winter quasi rund um die Uhr. Ich wäre so dankbar, müsste ich diese Gesichter nicht mehr sehen und dafür brächte ich Ihnen auch ihr veganes Eis nach Hause auf ihre unrasierten Bauernhöfe. Doch zurück zu den gepflanzten Bäumen – Sie erinnern sich, ein weiteres Indiz für Gentrifzierung – und dazu sollten Sie wissen, für Bäume wurde ja bereits der perfekte Platz gefunden und der heißt Wald. Dort sind sie nicht alleine und dort gehören sie auch hin und im Zweifel abgeschoben. Der Wald in der Stadt wäre dann der Park und der wurde ursprünglich für die Hunde erfunden und genau diese Hunde dürfen jetzt nicht in den Park, weil da jetzt die Hippie-Enkelkinder in der Wiese chillen wollen, oder meditieren, oder was weiß ich für ekeliges Zeug rauchen!

Ich meine, das ist ja alles völlig verrückt. Fast so verrückt, wie die Sache mit den Radfahrern, Fußgängern und Autos in den Begegnungszonen. Millionen Jahre haben die Menschen gebraucht bis drauf gekommen sind, wie man Fußgänger, Autos und Radfahrer trennt, und dann kommen ein paar Kiffer und schmeißen das alles zusammen, engagieren dazu noch einen Luftballonfalter und geben sich gegenseitig Preise für innovative Stadtentwicklung. Ich bekomme da so einen Hals und werde richtig emotional, aber so richtig richtig emotional. Dem Erfinder der Begegnungszone möchte ich mal im Wald begegnen. In so einem dunklen Wald, also ohne jede Lichtverschmutzung! In der Stadt ist das evolutionär bestimmte Fahrzeug selbstverständlich das Auto. Ohne das gibt es keine Stadt, weil Städte um Straßen herum gebaut wurden. Was es sonst noch braucht sind Menschen, Parks und Parkplätze und schon ist die wunderbare Stadt fertig. Wer kein Städter sein will, kann ja aufs Land ziehen, oder schlimmer noch, in einen Kurort. Quasi die vegane Version der Stadt mit Trinkbrunnen, Parkbänken, die nicht nur in Parks stehen, sondern quasi überall, und verkehrsberuhigten Zonen. Wir Richtigen, Toleranten und Emphatischen respektieren den Takt und den Rhythmus der Kurorte. Niemand hat die Absicht, eine Stadtautobahn durch den Kurort zu bauen, oder ein riesiges Möbelhaus auf den ensemblegeschützten Hauptplatz zu stellen. Gebt dem Kurort den Respekt, den die Hippies unserer Stadt verweigern. So sind wir! Das ist die gelebte Toleranz der Städter!

Die zugewanderten Provinzgesichter haben dagegen keinerlei Respekt für ihr Gastbiotop. In ihrem ruralen Egozentrismus wird das eigene Bedürfnisse zum allgemeinen erhoben. Bedürfnisse, die man selber nicht hat, sind zu vernachlässigende, weil niemand zählt, außer man selbst und die Clique auf dem selben Kurs, zu der man sich zugehörig fühlt. Nach dem Schema, wenn man selber kein Auto in der Stadt braucht, braucht die Stadt keine Autos. Ich bin schon länger hier. Bin quasi ein integriertes deutsches Provinzgesicht und ich brauche keine Fahrräder auf den Straßen und Radwege bräuchte ich schon gar nicht. Für Wiener Radfahrer gibt es die Donauinsel und im Winter das Radstadion, da können dann alle im November in Achterreihen im Stau stehen, damit sie wissen, wie es sich auf der Südosttangente anfühlt. Ich weiß nicht, ob schon jemand ausgerechnet hat, wieviel Benzin es kostet, wenn die Autos hinter den langsamen Radfahrern herfahren müssen. Zugegeben, das, was ich da jetzt geschrieben habe, wirkt vielleicht ein wenig radikal und intolerant. Unter Umständen könnte ich Radwegen durchaus etwas abgewinnen, aber dann in Tunnelbauweise. Sollen sie sich unter der Erde bewegen und nur nach oben kommen, wenn sie einen wirklich triftigen Grund haben. Aber auch das habe ich vielleicht noch zu wenig durchdacht, wenn ich ehrlich bin. Geben Sie mir noch ein wenig Zeit, mir da entsprechende Gedanken zu machen. Manchmal fühle ich mich ein wenig einsam mit meinen Ambitionen. Obwohl ich schon davon ausgehe, dass viele Menschen meine Ansichten teilen, ihnen aber noch der Mut fehlt, sich offen mir anzuschließen. Vielleicht wohne ich auch einfach im falschen Bezirk. Zu zentrumsnah und zu hippieverseucht. In den richtigen Bezirken braucht da kein Bezirksvorsteher mit zwei Bäumen vorbei kommen. Überhaupt, wenn die Menschen dort wüssten, was so ein Baum real kostet mit allen Spesen. Bin mir sicher, wenn man da objektiv nachfragt, ob sie zwei Bäume vor dem Haus haben wollen, oder zwei Mercedes CL63 in tiefer gelegt, möglichst in strahlendem weiß und selbstverständlich mit verchromten Felgen, bin ich mir sicher, die wollen die Autos zur kollektiven Nutzung. Carsharing einmal anders und dann klappt es auch ganz sicher mit der Integration noch besser.

Und ich komme jetzt nochmals zum Respekt vor der Stadt, weil genau darum geht es in dem ganzen Text. Das ist die Stadt und wir alle hier sind nur die Passagiere. Die Stadt hat das ewige Leben und dazu braucht sie eine breite Seele und alles an Facetten, was die Menschen zu bieten haben. Die Kanten und Ecken halten alles zusammen. Es braucht den pulsierenden Verkehr, es braucht das gleißende Licht der Straßenlampen, das ruhige Licht der Schaufenster und das nervöse, bunte Leuchten der Leuchtreklamen. Und wenn man uns bis ins Weltall sehen sollte, dann sollten wir darauf auch verdammt stolz sein und uns nicht von den Idioten der Lichtverschmutzungsmafia irritieren lassen. Die spannenden und verruchten Orte sind wichtig. Was eine Metropole sein will, muss auch den Mut zu ein wenig Gotham City haben, sonst bleibt man nichts weiter als eine große, miefige Kleinstadt. Und wir Städter müssen uns die Deutungshoheit zur Ästhetik der Stadt zurückholen und wenn es sein muss, dürfen wir auch den Kampf mit den zugezogenen Wichtigtuern nicht scheuen. Der Blumenkistlkleingeist der Provinz darf uns nicht die Stadt zerstören. Die wahre Qualität der Stadt misst sich eben an ihrer urbanen Energie und nicht an der Anzahl der Fahrradständer und veganen Eissalons. Etwa Wien war einmal eine der wichtigsten Städte der Welt. Noch ein paar Fußgängerzonen und Trinkbrunnen mehr und wir rittern in einer Liga mit Bad Eisenkappel und Warmbad Villach. Das kleine Grätzel als Zitat des dörflichen Lebens hat seinen Charme, wenn es sich als integrierte Gegenveranstaltung zum großen Ganzen, zur Metropole eben, versteht. Ein riesiges Kleindorf als Ansammlung putziger Grätzel ist nichts weiter als ein pervertierter Moloch verbunden mit einem U-Bahn Streckennetz. Die provinzielle Hölle und weit weg von allem, wofür es sich überhaupt lohnt, morgen aus dem Bett zu krabbeln.

Wer Fahrradständer und Trinkbrunnen sät, wird verlogenen Kleingeist ernten. Die Stadt braucht ihre kreativen Geister und die kreativen Geister brauchen die Stadt. In Kurorten entstehen maximal Ärzteromane oder eventuell schlechte Betroffenheitslyrik. Das neue Biedermeier entzieht den großen Geistern ihre Nahrung. Einem Henry Miller wäre gar nichts eingefallen und er wäre am ersten Tag wieder abgereist im Ekel und hätte keine Zeile geschrieben, weil stille Tage im Grätzel einfach wirklich niemanden interessieren. Ein Charlie Parker hätte nicht den Umweg über das Heroin gewählt, sondern hätte sich gleich aus dem Fenster seiner Airbnb-Wohnung gestürzt und mit einigem Glück wäre er dabei auf ein paar Hippies gefallen. Und dem kreativen Geist eines ganzen Jahrhunderts wie Andy Warhol wäre in der gedankenberuhigten und verkehrsberuhigten Zone einfach gar nichts eingefallen. Sein ganzes Leben lang einfach gar nichts. Und irgendwann hätte das AMS seinen Bezug gekürzt und er wäre verhungert, oder beinahe verhungert, weil er rechtzeitig von den Betreibern des veganen Eissalons gefunden worden wäre und die hätten ihm veganes Schlagobers in den Mund gestopft und wären sich dabei gut vorgekommen.

Ja ich weiß, das ist alles tiefschwarz und furchtbar. Kulturpessimismus wäre ein Euphemismus für meine ungeschönten Wahrheiten. Ich tippe hier und ich kann nicht anders, aber ich werde nicht zwingend zum Wiederholungstäter. Sie erinnern sich an mein Intro! Bitte melden Sie sich, sollte Ihnen eine passende Arbeit einfallen. Am liebsten etwas mit Hunden. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Essay, Fazit 175 (August 2021), Foto: Selbstportrait

 
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