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Wir sollten beim Gendern zurückrudern. Sonst droht eine weitere Spaltung

| 2. August 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Editorial, Fazit 175

In den Neunzehnachtzigern hatte ich das sogenannte »Binnen-I« als durchaus sinnvollen Symbolismus empfunden, um notwendigen Anstrengungen, Benachteiligungen von Frauen auszugleichen, Vorschub zu leisten. Was war ich töricht!

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Was mit einem großen und selbstverständlich schon damals jedes ästhetische Empfinden beleidigenden Buchstaben mitten in Wörtern begann, will nicht mehr enden in Kaskaden von bald täglich neuen Schwach- wie Irrsinnigkeiten, die noch vor wenigen Jahren von keinem des Denkens mächtigen Wesen für vorstellbar galten. Recht bald gesellte sich zum vermeintlichen Kampf für diskriminierte Frauen auch das »Sichtbarmachen« und die »Antidiskriminierung« anderer Gesellschaftsgruppen, vor allem bezüglich ihrer ethnischen (!) Herkunft, hinzu und es bildete sich langsam, aber sicher eine Sprachpolizei heran, für die George Orwell einen zweiten Teil seiner berühmten Dystopie verfassen hätte können.

Wer hätte sich je erträumt, dass in Texten der ehedem so wunderbaren Wochenzeitung »Die Zeit« so dämliche Sprachkonstrukte wie »Sinti*zze und Rom*nja« Verwendung finden könnten? Wer, der noch die Hälfte seiner Tassen im Schrank hat, wäre je darauf gekommen, dass immer mehr Moderatoren das Gendersternchen – oder den Unterstrich oder den Doppelpunkt, es wird unüberschaubar – nun auch »aussprechen«. Also »Bürger Pause innen Pause meister Pause innen Pause amt« sagen oder durch einen Verschlusslaut (Plosiv; quasi ein Glucksen) nach dem Muster »Pilot glucks innen« auch hörbar zum Ausdruck bringen.

Unlängst hat die Stadt Bonn all ihren Mitarbeitern – damit beschreibe ich im Übrigen sehr konkret männliche, weibliche und transsexuelle Menschen – einen Genderleitfaden im Netz anempfohlen und klar darauf hingewiesen, diesen auch zu beherzigen. Ihnen also diktiert, wie sie in Hinkunft zu sprechen haben. Wenn es auch nicht allzuwahrscheinlich erscheinen mag, dass Beamte der Stadt regelmäßig mit Spionen im Brief- oder sonstigen Verkehr zu stehen haben, so wird von nun an von ihnen erwartet, diese als »auskundschaftende Person« anzusprechen. Oder sollte ein Sklavenhalter etwa um Sozialhilfe ansuchen, dann müsste dieser in einem (ansonsten hoffentlich nicht allzu höflich verfassten) Schreiben mit »sehr geehrter Sklaverei Ausführender« angesprochen werden. Und sollte jemand aus Bonn in Tokio eine Medaille machen, dann wird der heuer vom Bürgermeister nicht als »Sieger« geehrt, sondern als »erstplatzierte Person«.

Die bundesdeutsche Lufthansa, zu der ja mittlerweile auch die österreichische Austrian gehört, wird in Hinkunft (»nach einer Umgewöhnungsphase«) ihre Passagiere an Bord nicht mehr mit »sehr geehrte Damen und Herren« begrüßen, sondern mit einem nur ja niemanden »diskriminierenden« Ersatz nach Art des heute auch abseits des Telefons so beliebten wie flachkappigen »Hallo« (passt schon, hat sich so entwickelt, verwende ich auch!) oder halt »Willkommen, liebe Menschen«. Das und das meiste aus dem erwähnten Genderleitfaden soll ja der Antidiskriminierung transsexueller Menschen dienen. Dazu ist erwähnenswert, dass vor wenigen Wochen eine erste Statistik bekannt geworden ist, wie viele der in Österreich gegen Covid geimpften Menschen bei der Angabe des Geschlechts nicht »männlich« oder »weiblich« angegeben hatten. Eine notwendige Angabe im Anmeldeformular direkt vor der Impfung, die vollkommen anonymisiert nichts extra kostete. Als mehr als 4,3 Millionen Menschen in Österreich geimpft waren, hatten von dieser Möglichkeit ganze 19 Personen Gebrauch gemacht. Was weniger als 0,0005 Prozent dieser Geimpften entspricht. Schaut man sich die Personenstandsregister einzelner deutscher Bundesländer an, sind es durch die Bank ähnliche Zahlen im zwei- bzw. maximal niedrigen dreistelligen Bereich.

Ich denke, wir haben uns da ordentlich verrannt. Das kann schon mal passieren, wenn man aus lauteren Absichten heraus handelt. Aber aus lauteren Absichten heraus laufen wir nun Gefahr, eine totale Individualisierung unserer Gesellschaft, eine immer greller sichtbare Trennung in Bedürfnisgruppen, Geschlechtsidentitäten und Ethnien zu riskieren, die fatal enden wird. Um damit genau das Gegenteil von dem zu erreichen, was man eigentlich erreichen wollte. Mehr dazu im Herbst, ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer. Und keine Angst, Schwarzfahren werde ich auch in Hinkunft nicht.

Editorial, Fazit 175 (August 2021)

 
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