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Außenansicht (26)

| 12. Oktober 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 176

Willkommen in der Corona-Show. Zwei Ex-Politiker treffen aufeinander in einer TV-Show, eingeladen zum Streiten, als Unterhaltung sozusagen. Angekündigt vom Diskussionsleiter als immer aufregend, immer spannend und informativ. In Wien würde man sagen: eine garantierte »Hetz«.

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Zwei Ex-Politiker treffen aufeinander in einer TV-Show, eingeladen zum Streiten, als Unterhaltung sozusagen. Angekündigt vom Diskussionsleiter als immer aufregend, immer spannend und informativ. In Wien würde man sagen: eine garantierte »Hetz«. Die beiden Herrn kennen einander, saßen viele Jahre gemeinsam im Parlament auf verschiedenen Seiten, für verschiedene politische Parteien. Einst Kontrahenten, die sich nichts schenkten, bieten sie jetzt eine kabarettistische Show zu aktuellen Themen. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn ehemalige Politiker den Schritt zur Unterhaltung wagen und aufgeregt debattieren, als säßen sie immer noch im Hohen Haus. Wenn es nicht immer wieder um ein Thema ginge, das sich für Unterhaltungssendungen absolut nicht eignet – die sogenannten »Anti-Covid-Impfungen«.

Von TV-Anstalten als kontroverseres Thema entdeckt, das Zuseher garantiert, streiten selbsternannte Fachleute in der Diskussionsarena wie einst Gladiatoren im Kolosseum, konfrontieren einander mit Statistiken und Fallzahlen, erregen sich über Sinn und Unsinn von Maskenpflicht, Schulöffnungen, der Besuchsfrequenz von Popkonzerten und Fußballspielen und natürlich der Impfungen. Bei manchen Debatten treten auch Wissenschaftler auf, die sich eher verzweifelt gegen Angriffe von Überzeugungstätern wehren, die wie religiöse Fanatiker ihre Vorurteile und Theorien verbissen, selbstbewusst und aggressiv präsentieren. Die wissenschaftlich argumentierenden Fachleute haben meist keine Chancen, sie verlieren diesen verbalen Kampf, so wie ein Wissenschaftler keine Chance hätte, einem Katholiken die Auferstehung mit sachlichen Argumenten auszureden.

Diese Form der Unterhaltung hat für die Bevölkerung zum Teil katastrophale Folgen. Sie beeinflusst die Impfbereitschaft, schürt Misstrauen und Angst und verzögert das mögliche, endgültige Ende der Einschränkungen. Hier soll nicht grundsätzlich gegen die Weigerung, sich impfen zu lassen, polemisiert werden. Natürlich ist es die Entscheidung jedes und jeder Einzelnen. Dennoch ist die öffentliche Diskussion darüber kein fairer Kampf, kein ausgeglichener Dialog über Vor- und Nachteile der Impfungen, der auf einer sachlichen Ebene die Meinungsbildung unterstützt. Hier geht es um einen Glaubenskrieg.

Wenn Sachlichkeit und wissenschaftliche Daten auf der einen Seite mit willkürlicher Propaganda, Polemik, Manipulation von Statistik und Lügen von der Gegenseite gekontert wird, läuft die Sache ziemlich einseitig ab. Den Fachleuten fehlt Sprache und Fantasie für die Polemik. Sie machen Karrieren aufgrund von wissenschaftlichen Arbeiten, die von anderen Wissenschaftlern kritisch geprüft werden. Bevor eine einzige Untersuchung veröffentlicht wird, analysieren Kollegen und Kolleginnen Idee, Theorie, Versuchsanordnung und statistische Auswertung. Pseudologische Polemik ist keine Grundlage einer akademischen Karriere in den Naturwissenschaften, im Gegenteil, sie verhindert sie.

Was sollen sie also tun, die Verfechter der Impfungen? Betteln und Bitten? Den Ungeimpften das Leben schwer machen? Finanzielle Anreize für Impfungen anbieten? Die ungeimpft Erkrankten die Behandlung selbst zahlen lassen? Alle möglichen Ideen werden diskutiert.

Vielleicht als ersten Schritt, bitte, die noble Sachlichkeit aufgeben. Impfgegner argumentieren mit der Angst vor Impfungen und sind damit erfolgreicher als Befürworter der Impfung, die mit der Angst vor der Erkrankung kontern. Die Angst vor einer Covid-Infektion überzeugt anscheinend keinen, der Angst vor der Impfung hat. Also hört auf damit und denkt euch etwas anderes aus.

Im Zeitalter der manipulativen Werbung, der Erzeugung fiktiver Bedürfnisse in der modernen Konsumgesellschaft müsste es doch möglich sein, die Menschen dazu zu bringen, die Impfung zu wollen, ja sie zu verlangen. Definiert die Verweigerer als Zielgruppe mit ihren Eigenschaften, Motiven, Erwartungen, Verhaltens- und Denkmustern. Erst dann kann eine Strategie ausgearbeitet werden.

Übergebt Productplacement und Promotion der Impfungen an Apple, und den Vertrieb der Autoindustrie. Nehmt die Bewerbung den Politikern und Bürokraten weg und sendet keine Wissenschaftler in TV-Diskussionssendungen. Macht die Impfung zu einem Konsumartikel, den jeder haben will und haben muss.

Außenansicht #26, Fazit 176 (Oktober 2021)

 
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