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Zauber der Verpackung

| 12. Oktober 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 176, Fazitportrait

Foto: Heimo Binder

Seit genau 100 Jahren produziert »Brüder Volckmar« Papiersäcke. Dass der Grazer Familienbetrieb auf dem stürmischen Wirtschaftsmeer seit so langer Zeit schon Kurs hält, ist auch der dritten Generation in Gestalt von Eva Volckmar und Doris Kügerl-Volckmar zu verdanken, die das Steuer seit mittlerweile 27 Jahren in Händen halten.

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Haben Sie heute schon ein Brot beim Bäcker gekauft? Dann war es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in Papier der Brüder Volckmar verpackt. Eingeweihte erwarten nun eine bestimmte Pointe, Uneingeweihten soll sie nicht vorenthalten werden, und da sich ein Witz bekanntermaßen erst ergibt, wenn er umzingelt ist, soll es an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass Eva Volckmar und Doris Kügerl-Volckmar erst seit 1994 Brüder sind. In diesem Jahr übernahmen sie das Unternehmen »Brüder Volckmar GmbH und Co KG« von ihrem Vater Werner Volckmar. Frage an Armin Assinger: Die beiden sind daher in Wirklichkeit a) Cousinen, b) Schwägerinnen, c) Schwestern, d) nichts davon, sie schauen sich nur zufällig ähnlich. Wer jetzt lacht, sei auf den ernsten Hintergrund aufmerksam gemacht: Serena und Venus Williams sollen einen Journalisten verklagt haben, weil er sie »die Williams-Brüder« genannt hat. Der Job ist riskant. Zurück zu den Brüdern Volckmar. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Verpackung hierorts von diesem Unternehmen stammt, ist allein schon deshalb so groß, weil die Brüder das seit 100 Jahren machen.

Papier statt Jute
1921 wurde das Grazer Unternehmen von den Brüdern Ernst und Rudolf Volckmar gegründet, den Großonkeln der heutigen dritten Generation Eva und Doris. Zunächst bestand es aus einem Papier- und Schreibwarenhandel und einer Großsackfabrikation am Jakominiplatz. Zu Beginn gehörte auch noch die »Landwirtschaftliche Motorenfabrik« dazu, was schon damals eine eigenen Fuhrpark ermöglichte. Am zugemieteten Standort Roseggerhaus in der Grazer Annenstraße wurden erstmals in Österreich Papiergroßsäcke produziert. Das war die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt. Zum einen konnte die Produktion der damals üblichen Jutesäcke mit der Nachfrage nicht mehr Schritt halten und zum anderen hatten die Papiersäcke den großen Vorteil, dass der Inhalt wie Mehl oder Zement nicht durchstauben konnte, so lösten diese die Jutesäcke weitgehend ab.

Foto: Heimo Binder

Zunächst stellte die Verpackungsindustrie Brüder Volckmar ausschließlich händisch von den Arbeitnehmern gefaltete Großsäcke für Mühlen und Zementwerke her. Sehr rasch wurden diese Großsäcke auch an weitere Industriezweige und die Landwirtschaft vertrieben. Dazu kamen noch Ladenrollen mit und ohne Aufdruck, Papiersäcke aller Art für Kaufleute und ein umfangreicher Papiergroßhandel, der in den Verkaufsbüros am Jakominiplatz und später Am Eisernen Tor betrieben wurde. Zur dringend erforderlichen Kapazitätsausweitung errichtete man in Zeltweg eine Zweigniederlassung. Diese wurde in weiterer Folge von der Natron-Papier-Industrie-AG (Napiag) übernommen und ausgebaut und befindet sich heute im Eigentum des Mondi-Konzerns. 1958 übersiedelte das Familienunternehmen an den heutigen Standort in der Stahlgasse.

Von Papier zu Plastik zu Papier
Mit dem verstärkten Aufkommen von Plastikverpackungen nahm die einstige Papiersackfabrik Brüder Volckmar Anfang der neunzehnsiebziger Jahre den Handel mit und das Bedrucken von Plastikverpackungen aller Art auf. Wie ebenfalls in den Annalen des Unternehmens vermerkt ist, produzierte es bis 1980 im Bereich der Tragtaschen ausschließlich solche aus Papier, doch als der Preisunterschied zwischen diesen und jenen aus Plastik zu groß wurde, nahm es auch die Fertigung von Plastiktragtaschen auf. Zusätzlich wurde Weihnachts- und Geschenkpapier bedruckt. Bereits 1982 führte das Unternehmen wiederum eine neue Art von Papiersack in die Lebensmittelbranche ein. Die umweltfreundliche Alternative war nicht teurer als das Pendant aus Kunststoff, womit die bis dahin dreimal so teuren Papiersackerl, die fast vollkommen vom Markt verdrängt worden waren, wieder als sinnvolle Alternative in den Lebensmittelhandel Einzug fanden. In den neunzehnneunziger Jahren wurde der Vertrieb von besonders nass- und reißfesten Biomüllsäcken aus ungebleichtem Spezialpapier aufgenommen, die auf dem Kompost oder in der Biotonne entsorgt werden konnten, vollständig verrotteten und so den Kompostierungsvorgang förderten. In diesen Jahren fanden noch Baumwolltragtaschen und fettdichte Papiere den Weg in das Sortiment des Unternehmens. Der historische Abriss zeigt, wie der innovative Papiersackhersteller in der Zwischenkriegszeit den Jutesack ablöste, im Plastikzeitalter ab den neunzehnsiebziger Jahren aber soviel wirtschaftlichen Gegenwind bekam, dass er selbst zum Händler und Produzenten von Kunststofferzeugnissen mutierte, um in der Folge wieder beim Papier zu landen.

Plastiksackerlverbot
Heute stellt das Unternehmen neben dem Vertrieb von Handelsware Papiererzeugnisse, vor allem die bekannten Papiersackerl her. Natürlich spielten auch lenkende Eingriffe des Staats eine Rolle, wie etwa das Plastiksackerlverbot seit 2020. Aber so einfach ist die Sache zum Leidwesen der Umwelt auch wieder nicht, denn wie man auch bei Brüder Volckmar weiß, ist die Herstellung von Papier und Papierprodukten energieaufwendig und man produziert bloße Einwegverpackungen, weil ein Papiersackerl im Vergleich mit einem Plastiksackerl schnell kaputtgeht. So warnten Umweltorganisationen von Anfang an davor, dass es keine Lösung sein kann, das Sackerl aus Plastik gänzlich durch solche aus Papier zu ersetzten. Daniel Volckmar, der 25-jährige Sohn von Eva Volckmar, arbeitet seit knapp drei Jahren im Betrieb mit und legt Wert auf umweltbewußtes, aber auch kritisches Denken: »Wenn wir als Hersteller sagen, man soll Verpackungen öfter als nur einmal verwenden, sprechen wir zwar gegen das eigene Geschäft, aber natürlich sind Mehrwegverpackungen besser, was zum Beispiel bei Einwegflaschen ins Gewicht fällt. Da fände ich etwa die Idee eines Pfandsystems wie in Deutschland besser als ein Plastiksackerlverbot.« Auch das Bioplastiksackerl sieht er nicht als Lösung: »Es dauert seine Zeit, bis sich die Säcke zersetzen, außerdem sind die österreichischen Recyclinganlagen nicht dafür geeignet.« Daher ist es dem Familienbetrieb Brüder Volckmar umso wichtiger, selbst einen Beitrag für die Umwelt zu leisten. Eva Volckmar: »Da ist einmal die PEFC-Zertifizierung, die sauberes Holz aus nachvollziehbaren Quellen garantiert. Wir produzieren regionale Verpackungen aus österreichischer Produktion, die zu 90 Prozent an österreichische Betriebe geliefert werden, was auch bedeutet, dass die Transportwege kurz sind.« Während zur Jahrtausendwende das Papier noch zu 90 Prozent aus dem Ausland bezogen wurde, stammt es heute zur Gänze aus Österreich: »Das weiße, chlorfreie Papier kommt aus der Papierfabrik Pöls und das braune von Mondi in Frantschach.« Zu den Stärken des Unternehmens gehören aber auch die kurzen Verwaltungswege und die damit verbundene Flexibilität und schnelle Handlungsfähigkeit sowie Verpackungskomplettangebote und individuelle Produktberatung. Als Zusatzleistungen werden neben Lagerung und Sonderkommissionierungen zudem Extras wie Spezialzuschnitte und Sonderformate angeboten. Eine hauseigene Grafikabteilung erstellt vom einfachen Logo bis zum komplexen Design alles nach Kundenwunsch, so könne viel Geld für eine Grafikdesignagentur gespart werden, meint Daniel Volckmar und: »In der heutigen Zeit ist weder Online- noch Offlinemarketing wegzudenken, jedoch kann der Bäcker um die Ecke in vielen Fällen mehr Eindruck mit schöner, personalisierter Verpackung als mit Google oder Social-Media-Werbung erzielen. Wenn man den CPC, den Cost-Per-Click einer Onlinekampagne mit dem Preis einer Papiertasche vergleicht, ist für viele eine hübsche Verpackung die bessere Wahl. Der Kunde macht quasi Werbung für mich, indem er meine Tasche herumträgt und es ist gleichzeitig ein positives Feedback, denn mein Produkt wurde gekauft und meine Leistung in Anspruch genommen.«

500 Sackerl pro Minute
Bei einem Rundgang in der Produktion, die von vier großen, spezialisierten Maschinen beherrscht wird, ist zu erkennen, wie gefragt die Produkte von Brüder Volckmar wirklich sind. Auf einer Betriebsfläche von 4.000 Quadratmeter produzieren insgesamt 25 Mitarbeiter rund 65 Millionen Tragtaschen und Sackerl im Jahr und sorgen so für einen kontinuierlichen Umsatz von etwa 5 Millionen Euro. Die Hälfte davon wird durch die Eigenproduktion der Sackerl und Tragetaschen aus Papier lukriert, die andere Hälfte mit Handelsware wie zum Beispiel Verpackungskartons mit Sichtfenster für Kekse, bedruckte Seidenbänder, Pappteller, Heissgetränkebecher oder Papiergroßsäcke, mit denen vor 100 Jahren alles begonnen hat. Eine der beiden Rollendruckmaschinen bedruckt, faltet und klebt 500 Tragtaschen oder Papiersackerl pro Minute. Flach- und Seitenfaltenbeutelmaschine mit Vorsatzdruckwerk lautet der exakte Name dieses Typs.

Foto: Heimo Binder

An den Aufschriften erkennt man die illustre Kundschaft von Brüder Volckmar, die hier auch Blumen- und Geschenkspapier sowie Pack- und Seidenpapier ordert. Es sind namhafte Bäckereien, Modehäuser, Kaufhäuser und Floristen, aber ebenso Steuerberater, Rechtsanwälte, Immobilienmakler oder Ärzte sowie Beauty- und Schönheitssalons: »Es kommt ja auch besser beim Kunden an, Dokumente oder Exposés in einer schönen Tasche zu übergeben, als ihm einfach einen Haufen Zettel in die Hand zu drücken. Wir haben Spezialpapiere, Flaschenwickelpapiere, Blumenpapiere, Geschenkpapiere, Seidenpapiere, Lebensmittelpapiere und vieles mehr für alle Produktgruppen.« Der Familienbetrieb ist auch für kurzfristige Werbeaktionen gerüstet. »Da muss man flexibel und schnell sein«, so Eva Volckmar, »weil hier die jeweilgen Aktionszeiträume kurzfristig aufgedruckt werden müssen.« Für schnelle und kleine Auflagen gibt es seit zwei Jahren eine Digitaldruckmaschine, die ohne Druckplatte, ähnlich wie ein Farbdrucker funktioniert. Und dann steht da noch eine Querschneidemaschine für sechs Rollen, die zu Bögen geschnitten, etwa als Flaschenwickelpapier mit 42 Zentimeter Breite verwendet werden. Zur Kundschaft aus Großhandel und Gewerbe kommen über den Webshop aber auch Private hinzu. »Weil wir einen guten Preis haben«, so die Betriebswirtin Eva Volckmar, die über die Mehrheit der Gesellschaftsanteile verfügt und die Geschäftsführung innehat, während Schwester Doris für Controlling und Fakturierung verantwortlich zeichnet. So, spätestens jetzt wurde dem Assinger die Antwort verraten.

Verpackungsindustrie Brüder Volckmar
8020 Graz, Stahlgasse 10-12
Telefon +43 316 727780
volckmar.at

Fazitportrait, Fazit 176 (Oktober 2021) – Fotos: Heimo Binder

 
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