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Chemnitz, mon Amour!

| 30. November 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 178, Kunst und Kultur

Ich geb’s zu. Ich hatte unlängst eine Affäre. Sie dauerte zwar nur einen Tag, aber es war intensiv. Mein Schatz hieß Chemnitz. Die sächsische Stadt ist auf dem Weg zur Kulturhauptstadt 2025 und will sich eine Zusatzidentität verschreiben. Das Etikett Kulturhauptstadt kann dabei wohl einiges bewirken. Wie gut, dass man daselbst erkannt hat, dass man früh losstarten muss, um zu wissen, wo man in vier Jahren hinwill.

Foto: Michael Petrowitsch

Mit »Testphase #4«, einer künstlerischen Intervention von Folke Köbberling auf dem Parkplatz der Albert-Einstein-Grundschule, wurde »WE PARAPOM!« als eines der Kernprojekte von Chemnitz 2025 eingeläutet.

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Die drittgrößte sächsische Stadt nach Dresden (Tatort: vorher Peter Sodann jetzt Martin Brambach!) und Leipzig (Tatort: früher Thomalla und Wuttke) hat im letzten Jahr zusammen mit dem slowenischen Nova Gorica den Zuschlag für die Kulturhauptstadt 2025 bekommen. Und erfreulicherweise startet das Projekt für langjährige Kulturhauptstadtbeobachter bereits Ende 2021 mit einer äußerst gelungenen Auftaktveranstaltung mit österreichischer Beteiligung.

Ossi-Ikonographie
»Wir Sachsen reden wenig, aber wir handeln«, so der sozialdemokratische Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze in einem persönlichen Gespräch. Er schritt dann auch rustikal zur Tat und pflanzte einen Baum vor dem Terra Nova Campus. Zeitgleich mühte sich der FC Chemnitz gegen Meuselwitz im neuen Stadion ein paar hundert Meter weiter zu einem 1:1. Sport und Kultur im zeitlichen Gleichtakt. Das mit der hochgepimpten Nazihoolszene ist Part of the Ossi-NSU-Pegida-Ikonographie, die sich medial gut verkauft, aber mit der Realität nichts zu tun habe. Ein Minderheitenprogramm, versichert mir Jürgen in der Eckkneipe »Pub a la Pub« vor dem Stadion im gemütlichen Stadtteil Sonnenberg. Glaub ich ihm doch. Ein krampfhaftes Dagegenarbeiten à la »Wir sind nicht so« macht’s dann bekanntlich oft noch schlimmer, wie wir als gelernte Ösis wissen. Anyway, ich kehre hiermit von der Fussballkultur zurück zur Intervention im öffentlichen Raum.

Apfelbaumparade
In einem – von der Österreicherin Barbara Holub – kuratierten Projekt wurde vor wenigen Tagen mit der Pflanzung von vier Bäumen und der interventionistischen Bespitzhackung eines Asphaltparkplatzes eines der Kernprojekte der Kulturhauptstadt Europas 2025 in Chemnitz eingeläutet. Unter dem Titel »We Parapom!« plant man, eine Parade von bis zu 4.000 Apfelbäumen quer durch die Stadt entstehen zu lassen. Der designierte Geschäftsführer der Kulturhauptstadt, Stefan Schmidtke, sprach von einem richtungsweisenden Projekt, das exemplarisch für die Anliegen des Kulturhauptstadtprogramms stehen würde. Partizipation ist auch ein Schlüsselwort, das Oberbürgermeister Schulze gerne ins Treffen führt, wenn es darum geht, die Pläne der nächsten Jahre zu konkretisieren. Weniger Neu- bzw. Umbauten, dafür Bürgerbeteiligung. Diese war auch ein bewusstes Signal an den Adressaten, nämlich sich selbst, die Bevölkerung. Die gut besuchte nachmittägliche Auftaktveranstaltung sollte wohl Lust auf Zukünftiges machen.

Gemahnen mag das Konzept an die Josef Beuysschen 7.000 Eichen, die die siebente Documenta im Jahr 1982 in Kassel bespielten. Flächenversiegelung und Hochwassertrauma geben der Geschichte eine andere, alltagsrelevante realistische Note. Kunst soll ja auch manchmal zum Nachdenken und Mitmachen anregen können. Nebenbei erledigt man noch Themen wie Normierung, Heimat und Migration. Die 4.000 Bäume sollen quer über Grundstücksgrenzen durch die ganze Stadt gepflanzt werden. Diskussionen sind vorprogrammiert.

Auffallen!
Wichtig bei Kunst im öffentlichen Raum ist ja, dass sie auffällt. Ob positiv (löbliche Presse) oder negativ (Hassmails der Bevölkerung) ist egal. So ist’s wohl eine günstige Fügung und ein Hoffnungsträger, dass öffentliche Interventionen noch Nachdenkprozesse in welche Richtung auch immer einleiten. Ein Gefühl, das in Österreich, ob der überbordernden »Kunst im  öffentlichen Raum«-Fülle ein wenig verloren gegangen ist. Der Rauchfang in Chemnitz etwa ist mit seinen 300 Metern nicht nur das höchste Gebäude in Sachsen, sondern auch ein weithin sichtbares, nächtens leuchtendes, vielfärbiges Kunstobjekt. Noch bläst der mit hunderten LED-Leuchten ausgestattete »lange Lulatsch« böse Emissionen in die Luft. Demnächst soll damit Schluss sein, und der Schlot soll als reines Kunstobjekt ohne ökonomischen Mehrwert fungierend stehenbleiben. Auch dies war mit intensiven Diskussionsprozessen in der Bevölkerung verbunden. Nicht alle haben die Chose gutgeheißen. Mittlerweile ist sie im Kollektivbewusstsein angekommen und mit touristischem Mehrwert ausgestattet. Der Stolz kommt dann von selbst. Ulf Kallscheidt – Galerist ´und maßgeblich am Kulturhauptstadtprozess Beteiligter – ist auch davon überzeugt, dass das partizipative Element in den nächsten Jahren der Stadtidentität guttun wird. Sabine Maria Schmidt lebt als Kuratorin der Kunstsammlungen Chemnitz gut mit der Vorstellung einer breit aufgestellten Kulturhauptstadtstrategie, die Synergien schafft, aber auch klare und qualitativ anspruchsvolle Akzente setzt, die mal lokale, mal internationale Akteure einbezieht. Als Kulturhauptstadt hätte Chemnitz erstmals die Chance, mit besonderen Projekten Menschen aus vielen Ländern Europas anzusprechen.

Freundliche Menschen
Das bekanntermaßen strukturstarke Gebiet arbeitet sich noch immer an einer Verfrustung der Bewohner inklusiver transgenerationale Weitergabe ab. Die bundesdeutsche Kolonialisierung scheint nach 30 Jahren noch immer tief zu sitzen. Nicht anders will man sich den Erfolg der namentlich bekannten »populistisch« ausgerichteten Parteien erklären. Die Chemnitzer sind freundliche Menschen, zudem radfahrfreundlich. Die zu DDR-Zeiten weit angelegten Straßen laden städteplanerisch zukünftig zur Errichtung angenehm großer Radfahrwege ein. Als ob die sozialistischen Arbeiterparteiurbanisten der breiten Straßen der Nationen in den Nachkriegsjahren die helikoptrierenden Lastenradfahrerpapis der Zwanzigerjahre dieses Jahrhunderts mitbedacht hätten. So fügt sich wohl das eine in das andere. Der Autor hat sämtliche Stationen des geografisch weit auseinanderliegenden Eröffnungsreigens mit dem Leihrad zurückgelegt. Diese rund 25 Kilometer waren freudvoll zu erleben. Man erfährt die wunderbare Disziplin des wertschätzenden Wartens bei roten Ampeln. Zudem begegnet dem Chemnitzbesucher eine architektonische Stadt der Gegensätze, der Brüche und Einschnittstellen. Die wenigen, nach den Zerstörungen des zweiten Weltkrieges und den Abrissen der Nachkriegszeit erhalten gebliebenen Bauten werden eingerahmt von kryptobrutalistischer Nachkriegsarchitektur. Dem Wesen nach ist das Zusammenspiel nicht immer harmonisch. Gerade diese Gegensätze jedoch machen die Reise durch die Bezirke so spannend. So lesen sich die Radkilometer, die an diesem Tag zwischen den Orten der Eröffnungsperformances zurückgelegt wurden, als Reise durch die verschiedenen Strömungen des Wiederaufbaus in der Nachkriegszeit. Das aus den frühen Neunzehnhundertsiebzigerjahren stammende und wohl bekannteste Aushängeschild der Stadt, das Karl-Marx-Denkmal, steht nicht unweit von Gebäuden aus der Neorenaissance. Dazwischen finden sich »Neue Sachlichkeit«, ein Haufen klassische Moderne und natürlich städtebaulich Spannendes aus DDR-Zeiten, wie das über 100 Meter hohe ehemalige Interhotel und die Stadthalle. Überhaupt lädt die »Straße der Nationen« zum Verweilen und Flanieren ein. Der spannende Mix ergänzt sich durch Grünflächen in den Außenbezirken wie Markersdorf, eine Location der Intervention des Eröffnungsprojektes mit seinen Plattenbauten und Sonnenberg das mit einer feschen Altbausubstanz im Gründerzeitlook aufwarten kann. Gerade in den erwähnten Außenbezirken finden sich besondere Leckerbissen, die das Herz des Teilzeitarchitekturaficionados höherschlagen lässt. Chemnitzens Kulturhauptstadtmotto »C the Unseen!« bekommt gerade dadurch eine breitere Bedeutung.

Regionale Kompetenz
Dass das »Narrativ der Kulturhauptstadt« von um das regionale Wissende und international erfahrene Menschen gestaltet und erzählt werden soll, ist bewusstes und vernünftiges Kalkül. So holt man als Geschäftsführer eben Stefan Schmidkte, mit Schauspiel-, Dramaturgie-, Kulturmacher- und Managementerfahrung in der ehemaligen DDR und in Russland und anschließend weltweit, als wachen, aufmerksamen Wirbelwind aus der Region in die Region zurück. Identitätsstiftung allenthalben. Seine Slavophilie ist ein dicker Bonus, in einer Region mit einer slavischen Toponymie (Colmnitz, Niederbobritzsch e.a.) Das es sich hier teilweise um AFD-Hochburgen handelt, erinnert in seinem Phänomen ein wenig an Wahlerfolge Jörg Haiders in Südkärnten. Dem gelernten Slovenisten, der Autor dieser Zeilen ist einer, wird warm ums Herz bei all den schönen deutschen Realisierungen der Ortsnamen. Wie am Beispiel Chemnitz, das auf dem slawischen »kamen« (Stein) basiert. Das kennen wir auch vom slowenischen Kamnik oder auch von Kammern im Liesingtal.

Kulturbooster
Um den minimalen Vorsprung der beiden – sorry! – großen Schwestern Leipzig und Dresden aufzuholen und den Bevölkerungsschwund zu stoppen, wird einiges passieren wollen. Ein Kulturjahr als Booster kommt da gerade richtig. Die spannende Stadt macht Lust auf einen weiteren Besuch. Volle Wertschätzung!

Einen aktuellen Überblick über das Programm
finden Sie unter chemnitz2025.de

Alles Kultur, Fazit 178 (Dezember 2021), Foto: Michael Petrowitsch

 
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