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Der Bauer als Präsident

| 10. November 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 177, Fazitgespräch

Foto: Mario Bühner

Landwirtschaftskammerpräsident Franz Titschenbacher über Bauerneinkommen, chinesische Eier, die EU, den steirischen Wald und die Wertigkeit von Essen.

Das Gespräch führten Volker Schögler und Johannes Tandl.
Fotos von Mario Bühner.

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Es war gar nicht so einfach, als Fußgänger durch die schmale Einfahrt der Landwirtschaftskammer Steiermark in den Innenhof zum Haupteingang vorzudringen – ständig fahren Autos geschäftig aus und ein. Oder nutzen die Einfahrt, um umzudrehen, weil sie in die Sackgassenfalle der Hamerlinggasse in Graz geraten sind.

Die Landwirtschaftskammer ist seit jeher fest in Händen der ÖVP, bei der heurigen Wahl zu Jahresbeginn zogen fünf Parteien ein, der Bauernbund erhielt mehr als 70 Prozent der Stimmen. Der Obersteirer Franz Titschenbacher wurde zum dritten Mal in Folge als Präsident der Bauernkammer bestätigt und nahm sich gute eineinhalb Stunden Zeit, um sich unseren Fragen zu stellen.

***

Ministerin Köstinger hat sich mit dem Handel angelegt und warf den Supermarktketten einen erpresserischen Umgang mit den Bauern vor. Die haben mit einer Studie entgegnet, derzufolge die Umsatzrendite im Lebensmittelhandel bei unter einem Prozent liegt. Wer hat recht?
Das ist für uns natürlich ein wesentliches Thema. Es ist eine Lehre von Corona, dass wir uns um eine regionale Versorgungssicherheit kümmern müssen. Im Rahmen der Woche der Landwirtschaft ist eine Wifo-Studie von Franz Sinabell veröffentlicht worden, die unter anderem besagt, dass von 100 Euro nur 3,67 Euro an Wertschöpfung im Bereich der Landwirtschaft verbleiben – das bedeutet Handlungsbedarf für die Zukunft. Natürlich gibt es in der Zusammenarbeit von Handel, Vermarktungsbetrieben und Verarbeitungsbetrieben mit Bäuerinnen und Bauern, aber auch positive Beispiele und darauf muss aufgebaut werden.

Dann war das nicht nur Theaterdonner, um von der Säumigkeit der Regierung bei der Umsetzung einer EU-Richtlinie zur Erlassung von Vorschriften gegen unfaire Praktiken im Lebensmittelhandel abzulenken?
Wir erleben in vielen Bereichen, dass wir strenge Umweltstandards haben, eines der strengsten Tierschutzgesetze in Europa, dass wir teilweise aber damit konfrontiert werden, dass Produkte importiert werden, die diesen Standards nicht gerecht werden und letztlich unsere Betriebe dabei auf der Strecke bleiben. Ein Beispiel ist der Einkauf von Trocken-Eipulver und Flüssig-Ei. Da geht es um eine Kennzeichnungsverpflichtung auch im verarbeiteten Bereich, damit Vergleichbarkeit für Konsumenten und Konsumentinnen und unsere Kunden möglich ist, im Sinne von Gleichberechtigung.

Auch bei Frischeiern haben Sie an Penny vom Rewe-Konzern appelliert, nur mehr inländische Eier ins Regal zu stellen?
Ja, in Österreich wurde ja die Käfighaltung im Jahr 2004 mit Übergangszeiten bis 2018 verboten. Fakt ist, dass wir nach wie vor mit Importen aus der Ukraine, aus China und so weiter konfrontiert sind, aber letztlich die Vergleichbarkeit im Regal für die Kunden auch gewährleistet sein muss.

Das heißt, dass ein heimischer Weiterverarbeiter ein Ei aus China kaufen kann, das aus dem Käfig kommt?
Ja, insbesondere gilt das für Flüssig-Ei und Trocken-Eipulver, deren Verwendung momentan nirgends gekennzeichnet sein muss.

Täuscht der Eindruck, dass es noch nie so viele regionale Lebensmittel gegeben hat, sowohl bei Spar als auch bei Billa, weil der Konsument offenbar danach fragt? Müsste da nicht die Marktmacht automatisch zum Bauern zurückwandern?
Insgesamt hat Corona sicher zu einem verbesserten Regionalbewusstsein geführt, auf der anderen Seite ist immer Luft nach oben. Das heißt, auch in Zukunft ist eine Nachschärfung dieses Bewusstseins notwendig. Was die Marktmacht betrifft, so ist der Handel mit 87 Prozent auf vier Ketten in Österreich aufgeteilt, in der Landwirtschaft sind es in der Steiermark 36.000 Betriebe, österreichweit etwa fünfmal so viele. Die Vielfalt der Landwirtschaft ist auf der einen Seite ein Vorteil, auf der anderen Seite geht es letztendlich immer auch um eine Bündelung der Kräfte, etwa bei der Kennzeichnungsverpflichtung oder bei Verarbeitung und Vermarktung.

Spar beklagt nicht nur, dass es zu wenig steirisches Rindfleisch gibt, sondern auch, dass es an regionalem Gemüse mangelt. Können Sie das bestätigen?
Jein, gerade was das Gemüse betrifft, wird es natürlich Produkte geben, die nicht ganzjährig verfügbar sind, allein schon aufgrund der Vegetationsperiode.

Da hat Spar ja mit den riesigen Glashäusern von Frutura, wo es ganzjährig etwa Tomaten gibt, sozusagen gegengesteuert.
Uns geht es um das Thema Saisonalität und das Bewusstsein, ob das ganze Jahr über immer alles vorhanden sein muss. Der Versorgungsgrad einzelner Produkte reicht von Mitte Juni bis Mitte oder Ende September in manchen Bereichen von 250 bis 300 Prozent – und jetzt sind zusätzlich die Glashäuser dazu gekommen. Die Folge war, dass viele Betriebe, die saisonbezogen produziert haben, seitdem mit der Produktion aufgehört haben. Als ganzheitliche Interessensvertretung haben wir als Zielbild aber den bäuerlichen Familienbetrieb vor Augen und nicht die Großbetriebe.

Foto: Mario Bühner

Ist das nicht Ziel der EU-Landwirtschaftspolitik, den Konsumenten die größtmögliche Menge an möglichst billigen Lebensmitteln zur Verfügung zu stellen? Wie passt das mit der österreichischen Agrarpolitik zusammen, die unser Land zum Feinkostladen Europas machen will? Schließlich steigen auch bei uns die Betriebsgrößen ganz deutlich und die Kleinbauern kommen unter die Räder. Was läuft da falsch? War der EU-Beitritt aus Sicht der Bauern ein Riesenfehler und gilt das Motto »wachse oder weiche«?
Nein, diese Frage ist in den Neunzigerjahren ausführlich diskutiert und in einer demokratischen Volksabstimmung den Österreichern und Österreicherinnen zur Entscheidung vorgelegt worden. Außerdem sehe ich Europa nicht nur als Wirtschaftsunion, es ist ja auch ein Demokratie- und Friedensprojekt. Die Begrifflichkeit »wachse oder weiche« hat Ende der Sechzigerjahre der damalige EU-Kommissar Mansholt (Anmerkung: Er gilt als Begründer der gemeinsamen Agrarpolitik) geprägt. Ich halte es lieber mit einer Begrifflichkeit, die unser ehemaliger Landwirtschaftsminister und Vizekanzler Josef Riegler Anfang der 90er Jahre geprägt hat, nämlich der »ökosozialen Marktwirtschaft«. Das ist an sich das Programm des 21. Jahrhunderts – Ökologie, Soziales und Marktwirtschaft. In der Verantwortung von Bauernbund und Landwirtschaftskammer Steiermark steht der bäuerliche Familienbetrieb in seiner Vielfalt und Qualität mit seinen durchschnittlich 18,5 Hektar an oberster Stelle und absolutes Ziel ist es vor allem auch, der bäuerlichen Jugend eine Zukunft zu ermöglichen. Unter Einbezug von Weiterentwicklung, Veränderungen in der Technologie oder im Zuchtfortschritt.

Ist die kontinuierliche Betriebsvergrößerung letztlich auch eine Folge des technischen Fortschritts in der Landwirtschaft?
Auch zum Teil, aber letztendlich ist es in vielen Bereichen schon gelungen, Perspektiven für Betriebe zu eröffnen. Herunter gebrochen auf die Steiermark, war der Strukturwandel zwischen 1970 und 1995 noch größer als er es seit dem EU-Beitritt ist. Wobei ich schon dazusage, dass es um jeden Betrieb schade ist, wo die betriebliche und familiäre Entscheidung getroffen wird, dass es nicht mehr weitergeht. Unser Auftrag und unsere Aufgabe als Interessensvertretung ist die Begleitung der Betriebe in Richtung Zukunft.

Die Verkaufspreise sind in den letzten Jahren ja deutlich gestiegen, die Erzeugerpreise nicht?
Da verweise ich noch einmal auf die aktuelle Wifo-Studie von Sinabell. Es stimmt, dass die Preise in verschiedenen Branchensparten angezogen haben, wobei aber auch die Produktionspreise sich erhöht haben. Insbesondere in den Bereichen Düngemittel, Futtermittel und Energie. Der Wertschöpfungsanteil von 3,67 Prozent für die Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahren sogar verringert.

Das heißt, die Landwirtschaft kann ihre Kostensteigerungen nicht an den Handel weitergeben.
So ist es. In der Gesamtbetrachtung verlangt das bäuerliche Grundverständnis natürlich einen fairen Preis für das produzierte Lebensmittel. Aufgrund unserer Struktur in der Steiermark sind aber immer agrarpolitische Rahmenbedingungen notwendig. Auf europäischer Ebene sind das die sogenannte Säule 1 mit Betriebsprämien, die Säule 2 mit dem Programm der ländlichen Entwicklung, Umweltleistungen oder Abgeltung für erschwerte Bedingungen im Berggebiet.

Das Ziel in der EU-Agrarpolitik, »möglichst viel, möglichst billig«, wird durch Subventionen erreicht, und wegen der schlechten Preise ist der österreichische Bauer dann bei seinem Einkommen zu 50 bis 70 Prozent auf Subventionen angewiesen. Ist das noch eine gute Entwicklung?
Das ist Teil der Einkommensbildung in der Landwirtschaft. Man darf nicht die Zeit vor dem EU-Beitritt vergessen, auch da gab es schon die Marktordnungsgesetze. Es gab den Getreidewirtschaftsfonds, den Milchwirtschaftsfonds, den Fleischwirtschaftsfonds. Damals wurden die öffentlichen Unterstützungen für das Produkt gewährt. Mit dem EU-Beitritt fiel die Koppelung an das Produkt und es wurde die Flächenleistung abgegolten. Das Prinzip des freien Warenverkehrs widerspricht der Produktförderung, daher gilt die Flächenbindung.

Aber mit dem Ergebnis, dass wir in Österreich heute dreimal so viel Geld für das Wohnen ausgeben wie für das Essen. Nur rund 10 Prozent des Einkommens werden für die Ernährung aufgewendet. Was wäre ein fairer Anteil aus Sicht der Landwirtschaft?
In den Neunzehnsiebziger- bis Achtzigerjahren waren das noch 30 Prozent. Daher ist es auch unser Auftrag, diese Wertigkeit entsprechend zu vermitteln und darzustellen. Da sind wir alle miteinander gefordert, nicht zuletzt auch angesichts von Problemen wie der Klimakrise, in der Kaufentscheidung zu heimischen Produkten zu greifen. Am Beispiel vom Rindfleisch sieht man, dass ein Kilo aus österreichischer Produktion mit 14 Kilo Kohlendioxid bilanziert, im europäischen Durchschnitt sind es über 22 Kilo und bei brasilianischem und argentinischem Rindfleisch 82 Kilo in der CO2-Bilanz. Allein an diesen Zahlen sieht man, dass es gut und richtig ist, zu heimischen Produkten zu greifen.

Es gibt in Österreich einen klaren Trend in Richtung Biolandwirtschaft. Derzeit liegt der Anteil der Biobetriebe schon bei über 20 Prozent. Sehen Sie die Zukunft der heimischen Nahrungsmittelerzeugung in der biologischen Landwirtschaft?
Auf europäischer Ebene ist es das Ziel, dass der Bioanteil 25 Prozent erreichen soll. In Österreich und der Steiermark mit 23 bis 24 Prozent Bioanteil sind wir an dieser Zielsetzung nahe dran, daher heißt es nicht »entweder-oder«, sondern »sowohl-als-auch«.

Thema Klimawandel: Wie sehr ist die heimische Land- und Forstwirtschaft gefährdet?
Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, wobei die Reduktion der Kohlendioxidemissionen und unter anderem der Ausstieg aus fossiler Energie erklärtes Ziel bleiben muss. Mit Initiativen in Richtung »klimafitte Waldbewirtschaftung« wie der dynamischen Waldtypisierung oder dem Waldfondsgesetz werden etwa Klima- und Bodendaten, die Baumartenwahl, die standortgerechte Aufforstung oder neue, trockenheitsresistente Züchtungen erarbeitet. Bei der Wahl der Baumarten geht es letztlich um zumindest Zwei- bis Drei-Generationen-Entscheidungen. Parallel dazu gibt es verschiedenste Forschungsaktivitäten. Österreichweit haben wir die Trägerplattform »Forst, Holz, Papier«. Und in der Steiermark haben wir mit »Pro Holz« und dem Holzcluster Kräfte, die innovative Projekte, wie beispielsweise »Holz im Fahrzeugbau«, hervorbringen. Ich sehe uns schon auf einem zukunftsfähigen Weg.

Foto: Mario Bühner

Mit der Waldstrategie 2030 plant die EU nun den besseren Schutz der Wälder unter anderem durch eine Nichtbewirtschaftung. Was würde das für unsere Forstwirtschaft bedeuten? Und bindet ein nicht bewirtschafteter Wald tatsächlich mehr Kohlendioxid als ein bewirtschafteter?
In der EU-Waldstrategie ist tatsächlich die Außer-Nutzungsstellung und Stilllegung von bestimmten Flächen formuliert. Und zwar in einer Größenordnung zwischen zehn und 30 Prozent. Unser Zugang ist jedoch, dass mit der Waldbewirtschaftung die bessere Kohlendioxidspeicherung im Holz ermöglicht wird, während bei einer Außer-Nutzungsstellung durch die Verrottung erst wieder Kohlendioxid freigesetzt wird. Aktiv bewirtschafteter Wald ist aktiver Klimaschutz. Wir sehen eine nachhaltige Forstwirtschaft als Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise. So haben wir es in der Wiener Deklaration von 16 EU-Mitgliedstaaten erst kürzlich formuliert.

Während der Lockdowns wurden die steirischen Wälder von Erholungssuchenden gestürmt. Die Interessenskonflikte haben zugenommen. Denn während der Wald für Fußgänger offensteht, tut er das für Radfahrer oder Skitourengeher nicht. Auch Schwammerlsucher werden von Waldbesitzern und Jägern nicht immer gern gesehen. Wie sieht die Kammer diese Nutzungskonflikte?
Dass es hier Spannungsfelder gibt, ist Fakt. Unsere Position, insbesondere was das Thema Mountainbiken betrifft, ist klar. Wir wollen keine generelle Freigabe der Forststraßen und –wege. Der Forstweg ist ein Arbeitsplatz und er wurde zur Erschließung der Waldflächen errichtet. Wir stehen aber vertraglichen Lösungen sehr offen gegenüber. Mit Markus Pekoll, dem steirischen Mountainbike-Koordinator, sind wir durchaus in sehr konstruktiven Gesprächen. Letztlich werden wir aber gemeinsam an den Taten gemessen und ich denke, da wird es insgesamt Lösungen geben. Vielfach wird Bayern als Beispiel hergenommen, wo es vor einigen Jahren eine generelle Öffnung der Forstwege gegeben hat. Dort wird aber – angesichts der unterschiedlichen Interessenslagen – de facto eher ein Weg zurückgegangen. Insofern will ich, dass Respekt vor dem Eigentum und Verantwortung mit dem Eigentum gelten müssen. Das heißt » ja« zu vertraglichen Lösungen, aber keine generelle Öffnung.

Herr Präsident, danke für das Gespräch.

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Fazitgespräch, Fazit 177 (November 2021), Fotos: Mario Bühner

 
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