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Holz und Sinnlichkeit

| 30. November 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 178, Fazitportrait

Foto: Heimo Binder

Das Atelier von Raimund Gamerith im Grazer Bezirk Jakomini zeigt Holz von seiner schönsten Seite. Riesengroße und extrabreite Pfosten heimischer Holzarten vom Apfel bis zur Zwetschke und von der Esche bis zur Ulme werden in den Auslagen so appetitlich präsentiert, dass alle Sinne angesprochen werden. Jedes Stück ist ein Unikat und ruft in uns Emotionen hervor. Es beginnt schon mit dem Geruch.

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Immer wieder folgen Passanten in der Grazer Jakoministraße, die die Conrad-von-Hötzendorf-Straße mit dem Jakominiplatz verbindet, ihrer Nase. Angezogen wie von Homerschem Sirenengesang können sie dem verführerischen Geruch nach Hölzern und Firnisölen nicht widerstehen und drücken sich an der breiten Glasfront des Ateliers auf Nummer 16 die Nasen platt. Mutige, die auch eintreten, weil sie nicht wie Odysseus von Freunden an Schiffsmasten gefesselt wurden, finden nicht nur olfaktorische Sinnesfreuden, sondern ein wahrhaftiges Holzparadies vor. Es ist das Reich von Raimund Gamerith, der ausschließlich mit Vollholz arbeitet. Vollholz ist kein Geheimnis, es ist nur eines geworden. Die Frage ist »Warum«? Wer es einmal bis zur bestandenen oder unbestandenen Gesellenprüfung im Berufe des altehrwürdigen Tischlerhandwerks gebracht hat, weiß es. Das archaische, natürliche und somit lebendige, dem Tischler jedenfalls ureigenste Material wird von diesem schon lange nicht mehr verwendet. Zumindest nur von wenigen, genauer den wenigsten. Heute sind sogar Sesselleisten nicht mehr aus Holz. Und die Bretter aus verleimten Sägespänen sind – Spanplatten. Allenfalls furniert, aber sogar das Furnier ist oft aus Kunststoff.

Foto: Heimo Binder

Und weil das schon seit Jahrzehnten so ist, geht immer mehr Wissen verloren. Wissen und Erfahrung darüber, wie mit dem Werkstoff Holz gearbeitet und umgegangen werden muss, damit es seiner Lebendigkeit nicht allzu sehr nachgibt und sich wirft und verzieht oder reißt und springt. Da Holz hygroskopisch ist, das heißt, Feuchtigkeit aus seiner Umgebung aufnehmen und abgeben kann, »arbeitet« es. Es quillt und schwindet, was zu Problemen in der Maßhaltigkeit führen kann. Der Einfluss von Wasserdampf auf viele mechanisch-technologische Eigenschaften des Holzes ist so groß und das Wissen um die Zähmung dieses Naturwunderwerks mittlerweile so gering, dass von der Industrie bis zum Handwerk Zurückhaltung bei seiner Verwendung vorherrscht. Dazu kommen noch andere Gründe, etwa aus dem (haftungs-)rechtlichen Bereich, dem technischen wie auch dem zeitlichen (Lagerungart, Trocknungsdauer) und natürlich dem ökonomischen.  

Hippes Jakominiviertel
Raimund Gamerith hat seine Galerie nicht zufällig im einmal vernachlässigten, dann wieder hippen, dann wieder vergessenen erscheinenden Jakominiviertel angesiedelt. Dieser Straßenzug wurde rund um das Kulturhauptstadtjahr 2003 für einige Zeit aus einem Dornröschenschlaf geweckt. Mit viel Farbe, rot, die buchstäblich auf der Straße aufgetragen wurde. Künstlerisches Milieu durfte sich in altbürgerlich Überkommenem ausbreiten, gestützte und niedrige Mieten ließen eine urbane Subkultur entstehen, in der sich Außergewöhnliches und Gewöhnliches vermischten. Es sind zunächst die riesigen zur Schau gestellten Holzflächen, die in Gameriths Atelier den Betrachter beeindrucken. So breit und dick aufgeschnittene Pfosten sind heute äußerst ungewöhnlich und wenn sie erst einmal gehobelt, geschliffen und vor allem geölt sind, offenbaren sie sich als Kunstwerke der Natur, deren Maserungen wie Bilder wirken. Gemalt von überirdischen Künstlern, die organische Schönheit im Inneren von Bäumen verstecken. Seit mehr als 20 Jahren versucht Raimund Gamerith diese Schätze zu heben, seit sechs Jahren hilft ihm der ebenso holzinfizierte Manuel Stangl dabei. Zunächst bieten sich die großflächigen, drei bis vier Zentimeter dicken Pfosten als Tischplatten an, insbesondere, wenn zwei bis vier stumpf aneinander geleimt werden und Flächen von ein bis eineinhalb Metern Breite und zwei, drei oder auch mehreren Metern Länge bilden. »Das Holz kommt meist von befreundeten Bauern und so wissen wir oft sogar, wo der Baum gestanden ist«, so Gamerith.

Kreativwirtschaft
Der 46-jährige ehemalige Waldorfschüler ist gelernter Tischler, sieht sich aber eher als Designer, zumal er seinen durchgehend heimischen Hölzern wie Apfel, Birne, Zwetschke, Nuss, Eiche, Buche, Ahorn, Rüster, Esche bis zum heimisch gewordenen Mammutbaum auch die Form gibt: »So gesehen bin ich seit 24 Jahren ein Unikathersteller.« Das geht über Tische und Sessel, Betten und Schränke hinaus, namentlich bis zu Leuchten, die wie Handschmeichler sind: »Warum kaltes, eher abstoßendes Material wie Stahl oder Glas dafür verwenden und nicht etwas Warmes, Weiches, aus dem gleichen Material wie der Esstisch darunter?« Für die LED-Beleuchtung arbeitet Gamerith mit der Uni Leoben zusammen, um Ansteuerung und Heatmanagement zu optimieren. Als Teil der sogenannten Kreativwirtschaft geht er seine eigenen Wege, ist experimentierfreudig, unkonventionell bis riskant, wenn er etwa alte mit neuen Techniken kombiniert. Fast verblüffend augenscheinlich wird dies bei einer Sitzbank, die aus einem einzigen Pfosten mit zwei rechten Winkeln geformt scheint: Die Maserung des Nussholzes mit dunklem und/oder hellem Kern entlang der Sitzfläche fällt links und rechts entlang der beiden Steher übergangslos senkrecht nach unten bis zum Boden ab. Das ist nur möglich, wenn die Steher auf Gehrung geschnitten sind. Dies schließt aber wiederum die klassische Holzverbindung mit (Schwalbenschwanz-)Zinken aus. Das erfreut Aficionados der strengen einfachen Form, schockt aber den gelernten Handwerker, der das Ding schon zusammenklappen sieht, auch wenn die Pfosten mehrere Zentimeter dick sind. Dass dies nicht geschieht, ist dem technischen Nachfolger des vormaligen Lamello-Geräts zu verdanken, der Domino-Fräse. Da die Pfosten so dick sind, lassen sich damit recht massive, vorgefertigte Buchenholzpropfen passgenau versenken, die verleimterweise auch stumpfen Hirnholzverbindungen ausreichend Stabilität und Halt verleihen.

Foto: Heimo Binder

Das Schaukelbett, das bei der Designermesse im Museum für angewandte Kunst 2007 ausgestellt war, verfügt sogar über ein »EU-weites Geschmacksmuster beim Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt in Alicante«, eine Art Designpatent. Ein Geheimnis der Möbel aus der Jakoministraße ist hier gut zuerkennen: Die Rundung der Schaukelkufen folgt der natürlichen Maserung des Holzes. So ein passendes Stück muss man erst einmal finden und es muss einkalkuliert werden, dass der Verschnitt unverhältnismäßig hoch ist. Aber die Wirkung ist zumindest für jene, die offenen Auges und Sinnes sind, schlichtweg überzeugend. James Krenov hätte seine Freude gehabt – das war jetzt für Kenner. Weil er es schafft, dermaßen breit geschnittene Holzpfosten so zu lagern und zu behandeln, dass sie sich nicht – oder kaum – verwerfen, verkrümmen und nicht zerreissen, wird Raimund Gamerith auch »der Holzflüsterer« genannt. Für sprichwörtliche Entspannung sorgt er unter anderem mit gezielten Schnitten in das Holz, hat aber auch mit Rissen, Ästen, Verwachsungen und sogar regelrechten Löcher kein Problem, weil sie oftmals von unfassbarer Schönheit sind und sich mit Epoxidharz ideal auffüllen lassen, was für reizvolle Ein- und Aussichten sorgt, weil das Harz durchsichtig ist.

Tisch mit Charme
Die eigentliche Werkstatt, die er gemeinsam mit anderen Kollegen nutzt, befand sich bis vor kurzem in Gnaning am Hühnerberg, seit dem Sommer ist sie in Kirchbach. Wie Gamerith schon von einem »Spannungsverhältnis Stadt – Holz« fasziniert ist, so erlebt er eine andere Polarität für sich während der Arbeit: »Ich bin gern in der Werkstatt allein mit den Maschinen und dem Holz. Aber ich liebe es auch, im Atelier zu gestalten und Kalkulationen zu erstellen.« Apropos Kalkulationen. So ein Tisch beginnt preislich bei 2.000 Euro, je nach Holzart, Größe und Ausführung kann es auch das Dreifache sein. Das ist dann aber aus teurem Nussholz mit ausziehbarer Platte und sondergefertigten Tischbeinen. Grundsätzlich hält er sich mit einem Stundensatz von 60 Euro aber ohnehin eher zurück und erwirtschaftet so einen Jahresumsatz in knapp sechsstelligem Bereich. Der besondere Charme seiner Tische liegt auch in der Belassung der sogenannten gewachsenen Waldkante, bei der gerade einmal die Rinde entfernt wird. Oder der Tisch hat – je nach Wuchs und Kundenwunsch – eine unregelmäßige, geplante oder von der Natur vorgegebene Form. Zu seiner Kundschaft gehören neben Privaten auch Hotels und Restaurants, so ist die Einrichtung im Obergeschoß des Cafés auf der Murinsel von Gamerith. Oder der markante Tisch TAR aus Apfelholz mit verschlungenen Kupferrohren als Unterkonstruktion, der in der Serie »Aufgetischt« von Satel-Film im ORF regelmäßig zu sehen ist.

Foto: Heimo Binder

Eine Besonderheit ist auch sein Programm »Eigenhändig«. Dabei legt die Kundschaft je nach Wunsch, Ehrgeiz und Geschick selbst Hand an und schleift etwa die Waldkante oder ölt das Holz. Wichtig ist dabei die Einbindung in die Auswahl des aufgeschnittenen Holzes und das Legen des Holzbildes. Gamerith: »Damit holen wir die Kundschaft ins Boot und es findet auch ein gewisser Wissens- transfer statt.« Das Kennenlernen selbst sieht er als »Sozialplastik«, in dessen Folge die Übergabe schon einmal emotional verlaufen kann: »Da fließen manchmal sogar Tränen.«

Atelier Raimund Gamerith
8410 Graz, Jakoministraße 16
Telefon +43 699 10812638
design.gamerith.at

Fazitportrait, Fazit 178 (Dezember 2021) – Fotos: Heimo Binder

 
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