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Steirische Leistungsdroge als Kulturgut

| 16. März 2022 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 180, Kunst und Kultur

Foto: J.J.Kucek

Das Volkskundemuseum bekundet in einer kleinen, aber feinen Ausstellung seine – geplante – Hinwendung zu Neuorientierung und Gegenwärtigkeit. Der Schulterschluss zwischen historischem Material und zeitgenössischer Abstraktion ist gewollt und bei diesem kleinen Probelauf auch, so darf man sagen, gelungen.

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Simon Brugners Zugang in der Schau »Erinnerung an die steirischen Arsenikesser – Auf den Spuren einer giftigen Angewohnheit« funktioniert nicht über simple Aufbereitung von verborgenem Wissen. Ein Wissen, das dem gelernten Volkskundler wohl bekannt war und für die breite Öffentlichkeit eine kleine Sensation darstellt. Der Einsatz von diversen Arbeitsdrogen zur »Speedigkeit« für die slowenischen Erntehelfer in der Südsteiermark ist dem Autor dieser Zeilen in der Kindheit untergekommen. Man weiß natürlich auch um die »Muntermacher«, die im Partybereich und im Arbeitsprozess kursieren. Studenten versorgen ihre Kommilitonen gegen gutes Geld mit leistungssteigernden Tabletten. Ritalin aus der Unibibliothek und nicht aus der Apotheke: Alltag nicht und nie Nebensächlichkeit.

Arbeitsdroge
Über Arsenik als Arbeitsdroge in der steirischen Arbeitswelt wusste man allerdings weniger Bescheid. Der Fotokünstler Simon Brugner begibt sich unter Ägide von Kuratorin Birgit Johler auf eine nachgerade sehr, sehr persönliche visuelle Spurensuche. Er interpretiert das Phänomen anhand von Versatzstücken neu und künstlerisch verfremdet, die zur surrealen Geschichte des Giftessens geführt haben könnten. Er sucht nach Spuren, der bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in den Alpenregionen erprobten Praxis des Arsenikessens. Vor allem die Steiermark war, glaubt man den Dokumenten der Vergangenheit, wegen ihres intensiven Arsenikkonsums berüchtigt. Wohl auch weil die Glasproduktion in der Weststeiermark Arsen als Abfallprodukt abwarf. Die steirischen Arsenlagerstätten wurden bergmännisch abgebaut, das im Gestein gebundene mineralische Gift durch Röstung in den sogenannten »Gifthütten« freigesetzt und so das stark nachgefragte Arsenik – im landläufigen Sprachgebrauch als »Hittrach« verschrien – gewonnen. Der größte Abnehmer dieses hochgiftigen Produkts war die venezianische Glasindustrie. Nachfrage nach Hittrach gab es aber eben auch in der steirischen Bevölkerung. Die Leiterin des Volkskundemuseums Claudia Unger dazu: »Auch wenn der Arsenikkonsum weitgehend im Verborgenen stattfand, haben sogar internationale Medien wie die New York Times oder Medizinjournale aus Edinburgh oder Boston im 19. Jahrhundert über die steirischen Arsenik-Esser berichtet.«

Arsen in der Times …
Wir zitieren aus der angesprochenen New York Times aus vergangenen Tagen: »The arsenic eaters of Styria are all of them robust mountaineers, whose forefathers have eaten arsenic from generation to generation, so that as may be supposed, each generation has become more arsenic-proof than the one before«. (Die Arsenesser der Steiermark sind allesamt robuste Bergsteiger, deren Vorfahren von Generation zu Generation Arsen gegessen haben, so dass vermutlich jede Generation arsensicherer geworden ist als die vorherige.)

Claudia Unger weiter: »Mit Arsenikesser rücken wir ein Thema in den Fokus, das auch heute noch erstaunlich viele interessiert, nicht zuletzt, weil über die Verwendung dieses gefährlichen Aufputschmittels der harte Alltag für Mensch und Tier besonders greifbar wird.«

… und bei Peter Rosegger
»Man trank es, wurde jung und nach einiger Zeit wurde man vom Teufel geholt.« So schildert unser Landesdichter Peter Rosegger, was ein gut gehütetes Geheimnis in seiner Heimat war: Viele einfache Leute vom Pferdeburschen bis zum Holzknecht nahmen Arsen. Auf Brückenschläge zwischen Gestern und Heute wird auch in der Aufbereitung der Ausstellung bewusst Wert gelegt. Wir erfreuen uns an Vitrinen, die noch aus der Zeit des Museumsgründers Viktor Geramb stammen, sowie an grauen Wänden, wo Leerräume zwischen den Fotos das eigentlich Unerzählte erzählen sollen. Brugner hat diese Form der Präsentation gewählt, weil die Geschichte der Arsenikesser kaum dokumentiert wurde und hauptsächlich durch Geflüster hinter vorgehaltener Hand tradiert wurde. Von Simon Brugner erschien bereits 2018 der Band »The Arsenic Eaters«, die Schau im Volkskundemuseum läuft noch bis zum ersten Mai 2022.

Simon Brugner. Erinnerung an die steirischen Arsenikesser
Noch bis 1.5.2022 im Volkskundemuseum, museum-joanneum.at

Alles Kultur, Fazit 180 (März 2022), Foto: J.J.Kucek

 
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