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Außenansicht (33)

| 9. Juni 2022 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 183

Gleichgültigkeit statt Streitkultur. Die Demokratie wird mit unterschiedlichen Ansichten gefüttert und so überlebt sie. Es ist ihre Nahrung, so wie die Gleichschaltung von Meinungen eine notwendige Nahrungsbasis für Diktaturen sind. Die beiden leben mit unterschiedlichen Diäten und würden mit ihren Verdauungssystemen die Ernährung des anderen nicht vertragen.

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Es existieren keine Diktaturen – und haben nie existiert – mit Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, freien Wahlen und frei gewählten Politikern und Parlamenten. Das »Andere« in einem Staat mit autoritärer Struktur ist das »Gefährliche«, während es in einer Demokratie »falsch« sein könnte oder ein Irrtum, oder eben nur anders.

Ein demokratisches System, das beginnt, ihren Ernährungsplan umzuwerfen und im Sinne der Diktatur das »Andere« plötzlich nicht als anders, sondern als gefährlich zu denunzieren, wird sich zu Beginn den Magen verderben und später an der falschen Ernährung zugrunde gehen. Ebenso wird eine Diktatur nicht überleben, die versucht, ihren Diktator oder die Einheitspartei über freie Wahlen bestätigen zu lassen. Jeder muss bei seinem Speiseplan bleiben, die beiden Verdauungssysteme lassen keine Überschneidungen zu.

Nun erleben wir allerdings in den westlichen Demokratien eine gefährliche Annäherung an Strukturen der Kommunikation, wie sie in Diktaturen üblich sind. Widersprüchliche Meinungen und Ansichten wurden von »richtig oder falsch« zu »gefährlich oder ungefährlich«, oder »dumm und intelligent« verschoben. Das kann nicht gut gehen. Wenn der politische Gegner zum »Idioten« erklärt wird, der die Welt nicht verstehen würde, dann verliert auch der Aufruf zum Dialog, der angeblich abhandengekommen sei, seinen Sinn. Welchen Sinn sollte es haben, mit einem Idioten zu diskutieren? Wozu sollte man mit jemandem reden, dessen Ansichten meine Welt zerstören könnte?

Von der EU gehen zahlreiche Projekte aus, die zum Dialog aufrufen, das sei eine notwendige Grundlage einer demokratischen Gesellschaft. Kirchen und andere Organisationen laden zu Diskussionen ein und gehen davon aus, wenn Menschen mit unterschiedlichen Ansichten miteinander reden, könnte das Vorurteile abbauen. Vielleicht, vielleicht auch nicht, ich bin mir da nicht so sicher. Mich persönlich haben noch nie Vertreter einer politischen Partei deren Programm ich ablehne, überzeugt, dass irgendeine ihrer Ideen einen tatsächlichen Wert hätte. Irgendetwas sträubt sich in mir, vielleicht ist es unsachlich, vielleicht sind es meine Vorurteile gegenüber ihrer Überzeugung.

Ich habe dennoch einen Weg gefunden, mit anderen Meinungen umzugehen. Sie sind mir einfach egal. Es steht immer wieder dieser Mensch vor mir und erklärt, warum der Politiker oder die Politikerin so viel besser sei, als jene, die ich unterstütze, warum seine Religion eher den Menschen glücklich machen könnte als meine, warum im kriegerischen Konflikt der eine recht habe und der andere nicht, und warum ein Schnitzel so viel besser schmecke als Lasagne. Meine neue Strategie ist einfach zuzuhören und zu antworten: »Sehr interessant«. Ich widerspreche nicht. Aus zwei Gründen. Erstens hört man mir nicht zu und zweitens habe ich noch nie jemanden mit meiner Meinung überzeugt, seine oder ihre aufzugeben.

Die Gleichgültigkeit wäre ein kultureller Fortschritt. Streit könnte verhindern werden, Aufregungen und persönliche Angriffe. Vielleicht ist die viel gelobte Toleranz, die sich ja definiert, man setze sich dafür ein, dass andere Meinungen geäußert werden könnten, auch wenn sie der eigenen widersprechen, nichts anderes als eine intelligent formulierte Gleichgültigkeit. Wir sollten zu unserer Interesselosigkeit stehen, die Indifferenz kultivieren und die Teilnahmslosigkeit zum demokratischen Verhalten erhöhen.

Ein Nebeneinander von konkurrierenden Ideen – ohne, dass sie sofort zum Widerspruch provozieren – wäre erholsam für die Demokratie und nach einem Schritt zurück könnten man langsam versuchen, wieder auf einander zuzugehen, immer noch zurückhaltend, vorsichtig, mit der notwendigen Leidenschaftslosigkeit. Vielleicht könnte so der derzeit oft lächerliche, plakative und aufgeregte Schaukampf widersprüchlicher Ansichten, Vorstellungen und Meinungen unterbrochen werden.

Außenansicht #33, Fazit 183 (Juni 2022)

 
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