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Charly und die Eisfabrik

| 3. August 2022 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 185, Fazitportrait

Foto: Marija Kanizaj

Als er 1997 in die USA auswanderte, um den dortigen Markt mit seinem selbstgemachten Speiseeis zu missionieren, hat er sich die Sache ziemlich einfach vorgestellt. Mehrfach stand Karl »Charly« Temmel finanziell auf der Kippe, bevor es der hierzulande »Eiskönig« Genannte geschafft hat. Anders als geplant, aber hochprofessionell, unternehmerisch schlau, zugleich mitarbeiterfreundlich und mutig. Und mit ein bisschen Arnie.

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Aurelia kam in der Regel zweimal die Woche nach Graz. Einkaufen, Besorgungen machen, vielleicht hat sie auch Besuche gemacht, wer weiß das heute noch? Doch eines ist gewiss – sie ging jedesmal ins Kaffeehaus, in den Kaiserhof. Das Lokal war in der Neunzigerjahren zwar nicht mehr ganz so wie früher, der neue Pächter hatte umgebaut, aber er war ihr sympathisch. Immer gut aufgelegt und freundlich, so wie auch seine Frau Maria, mit der er ein kleinen Sohn hatte. Kurz, man war sich grün und so nahm Aurelia eines Tages auch ihren Sohn ins Kaffeehaus mit. Das war nicht ganz so einfach, der war schon groß, ziemlich groß sogar und auffällig muskulös und außerdem Filmstar. Aber Aurelia Schwarzenegger hatte recht, Arnold verstand sich auf Anhieb mit Herrn Karl, dem Chef im Kaiserhof. Der Rest ist Geschichte.

Arnold wurde noch berühmter, sogar Politiker in Kalifornien, wo er auch eine gute Figur machte, dann hat er dort etwas unterschrieben, weshalb sein Name vom Liebenauer Stadion, das inzwischen nach ihm benannt worden war, wieder entfernt wurde, dafür hat er den Ehrenring der Stadt Graz wieder zurückgegeben und man war wieder irgendwie quitt, das ist aber eine andere Geschichte. Der damalige Pächter vom Kaiserhof und anschließend noch vom Operncafé, Karl »Charly« Temmel, ging auch nach Amerika und machte dort ebenfalls sein Glück, sodass er heute sagen kann, er würde alles wieder so machen. Wenn jemand das von sich sagen kann und den Verdacht vermittelt, es auch ehrlich zu meinen, dann lohnt es eine Spurensuche.

Nach Amerika
»Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.« Nur sehr treue Fazitportraitleser und natürlich seine Fans kennen dieses Zitat von Harry Rowohlt, jenes großen Sprach- und Redekünstlers, der »nun völlig sinnloserweise« (FAZ) schon ziemlich genau sieben »Jahre tot ist, weil er nur siebzig wurde«, und dessen Bühnenauftritte sich deshalb regelmäßig über mehrere Stunden erstreckten, weil er vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen pflegte. Solcherart zum »Paganini der Abschweifung« geadelt, wurde er auch zur Inspirationsquelle der »Fazitabschweifung«, in der wir uns gerade so unvermittelt befinden. Die aber gar nicht so abwegig ist, wie es scheint. Als Charly Temmel in den Neunzigern das erste Mal »nach Amerika« flog, tat er das unwillig: »Ein Freund hat mich dazu überredet.« Man landete an der Westküste, in Los Angeles, und Charly war vom »American Lifestyle«, von der Stadt, von den Universalstudios und Disneyland dermaßen beeindruckt, dass er sagte, was er dachte: »Ich gehe nach Amerika.« Das war, wie er heute offen sagt, vorher keineswegs durchdacht, doch der Plan war klar. Schließlich war er zu Hause bereits der »Eiskönig«: Temmel-Eis war sprichwörtlich in aller Munde und sein Unternehmen auf Expansionskurs. Warum sollte das in Amerika nicht gehen? Ihm war zwar aufgefallen, dass es in L. A. keine Eisdielen gab so wie in Europa, aber aus sportlicher Sicht erschien ihm das als spannende Herausforderung.

Foto: Marija Kanizaj

Mit Sport hatte er ab 1990 tatsächlich einiges zu tun, denn vor der Ära Kartnig ab 1992 war Charly Temmel Präsident von Sturm Graz: »Mit Gustl Starek damals als Trainer sind wir immerhin Dritter in der Meisterschaft geworden.« Als Geschäftsmann konnte er sich außerdem über zahlreichen Besuch von Fußballern im Kaiserhof freuen, im Übrigen nicht nur von Sturmspielern.

Die Anfänge
Begonnen hat alles in St. Andrä im Sausal. Dort besaßen seine Eltern ein Gasthaus, das auch als Wohnhaus diente, gleich gegenüber der Kirche. Der heute 66-jährige hatte im Grazer Gambrinuskeller den Kochberuf erlernt, es folgten einige Stationen als Koch in Serfaus, Velden, Lech und auf Korsika und dann wollte er möglichst bald das elterliche Gasthaus übernehmen. Allein – die Eltern spielten nicht mit. »Also habe ich 1981 in Feldkirchen südlich von Graz das Gasthaus »Zum Löwen« übernommen.« Auf der Suche nach Personal gaben ihm seine Eltern den entscheidenden Tip: »Die beste, die wir bei uns jemals hatten, war die Maria, schau, dass Du sie findest.« Das tat er auch und es ist ihm heute noch anzumerken, wie glücklich er darüber ist. Maria war gerade in der Wildschönau in Tirol »auf Saison« und froh in die Steiermark heimkehren zu können, denn sie stammt ebenfalls aus der Südsteiermark, aus Otternitz bei Sankt Martin im Sulmtal. Charly hatte sie zwar bereits aus St. Andrä gekannt, aber eher flüchtig. »Die Gäste im Gasthaus in Feldkirchen haben aber von Anfang an gedacht, das ist meine Freundin oder Frau, weil sie so nett war.« Jetzt kennen sie sich schon 40 Jahre und sind seit 36 Jahren verheiratet. »Ohne sie hätte ich das alles nicht geschafft. Das ist zu 80 Prozent ihr Verdienst«, schwärmt Charly noch heute – der grundsätzlich mit allen per Du ist, weshalb hier oft nur sein Vorname steht. Nach sechs Jahren bot sich für den erfolgreichen, energiegeladenen Gastwirt die Möglichkeit, die Café-Konditorei Rauninger auf Leibrente zu kaufen. Das ist jenes Haus in der Mitterstraße in Puntigam, das heute noch Zentrale und Stammsitz von Temmel-Eis ist. Und Charly legte einen Superstart hin. »Das war für mich der Einstieg in die große Welt«, sagt er mit einer ansteckender Begeisterungsfähigkeit. »Ich habe fast alle Gäste, die gekommen sind, gekannt. Die sind von Feldkirchen raufgekommen, das ist ja in unmittelbarer Nähe.« Der Schritt vom Gasthaus zum Kaffehaus kam ihm auch gelegen, denn sein großes Vorbild damals war die Konditorei Philipp in der Krenngasse, die zugleich ein Eissalon ist. Und übrigens vor exakt acht Jahren bereits Gegenstand dieser Fazitportraitreihe war. Die Mehlspeisen kaufte er damals in der Konditorei Sekirnjak zu, aber mit dem Eis hatte er schon damals große Pläne: »Meine Vorgängerin, die Frau Rauninger, hat noch sechs Eissorten gehabt. Ich habe dann Eismaschinen gekauft, die Außenwand aufgeschnitten und eine große Vitrine mit 24 Eissorten installiert.« Als gelernter Konditor übernahm Charly die Rezeptur des Speiseeises und das ist ihm so gut gelungen, dass die Kundschaft förmlich angepilgert kam. Heute gibt es in Graz zwar ungleich mehr Mitbewerber als vor 36 Jahren, doch als wir uns kürzlich für dieses Interview in der Temmel-Eis-Filiale in der Herrengasse getroffen haben, mussten wir uns selbst anstellen, um ein Eis zu bekommen.

Prominenz als Magnet
Charly Temmel ist ein umtriebiger Mensch, so war er zwischendurch etwa auch Stadtparteiobmann-Stellvertreter der ÖVP und Wirtschaftskammerfunktionär. Wie war das jetzt wirklich mit »Amerika«? »Sie haben dort nicht auf mich gewartet«, sagt Charly. Die Eiskultur in den USA ist nicht mangelhaft, sondern schlicht nicht vorhanden. Das hätte er sich nicht gedacht, als er 1997 mit Kind und Kegel nach L.A. ging. Sohn Swen war bereits sechs Jahre alt und ging in die erste Klasse Volksschule. Cineasten wissen, dass der inzwischen 31-jährige, zweisprachig Erzogene Schauspieler geworden ist und mit so bekannten Hollywoodgrößen wie Robert De Niro, Bruce Willis oder John Travolta Filme dreht. Aber auch das ist eine eigene Geschichte. Der erfolgsverwöhnte »Eiskönig« eröffnete einen Eissalon in Santa Monica, das zum Großraum L. A. gehört, aber die Gäste blieben aus. »Zum Glück hatte ich einige Mieten schon im Vorhinein bezahlt, sonst hätte ich nicht durchgehalten«, sagt er heute. Innerhalb von zwei Monaten baute er den Eissalon in ein Speiselokal um, und die Sache begann zu laufen. Ja, und da war noch sein Freund aus Graz, der Arnie Schwarzenegger. Der hatte nicht weit entfernt sein Promi-Speiselokal »Schatzi On Main«, Sie wissen schon, mit Apfelstrudel nach Muttis Rezept, Wienersnitzel und so weiter. Charly fragt Arnie einfach, ob er das Lokal nicht pachten könnte und Arnie sagte ja. »Ich habe gewusst, das kann ich noch besser machen«, stellt Charly sein Licht nicht unter den Scheffel. Gesagt, getan. Und der Laden brummte.

Foto: Marija Kanizaj

Das ganze Haus gehörte Schwarzenegger und nachdem er dort auch sein Büro hatte, war er oft dort und das war für die Gäste Grund genug in Massen zu kommen – ein Blick auf Arnie war im Bereich des Wahrscheinlichen. Außerdem wohnte Pierce Brosnan auch in dem Haus und Stammgäste wie Charles Bronson und viele ander Prominente wirkten wie Magnete. Charly hatte inzwischen verstanden, das die Amerikaner lieber Icecream aus dem Supermarkt, abgepackt in kleine Kübel, kaufen. Er schaltete wieder schnell, erwarb von einem Franzosen in Santa Clarita, ebenfalls im Raum L. A., eine Fabrik für Eissorbet, kaufte die für die Eisherstellung notwendigen Anlagen in Italien und produzierte fürderhin Eis für Supermärkte und Tankstellen. »Aber der Vertrieb hat mich zweimal fast umgebracht«, resümiert er. Der Aufwand, Eis über weite Strecken zu transportieren, ist gelinde gesagt gewaltig. »Zum Beispiel eine wirklich große Bestellung für Tankstellen in Florida. Das liegt auf der anderen Seite des Kontinents, zigtausend Kilometer entfernt. Und zurück muss der Kühlwagen ja auch wieder fahren.« Die Kosten waren  explodiert. Dann kam plötzlich ein italienisches Ehepaar mit der Anfrage, ob er für sie Eis abfüllen könnte. Das tat er natürlich gerne, denn das Vertriebsproblem war damit bei den Italienern.

Gelato statt Icecream
Und sieh an: Die verkauften das Eis nunmehr als »Gelato« und das wurde ein Renner. »Der Amerikaner meint, das ist etwas anderes.« Geschäftsmann, wie Charly einer ist, verkaufte er an die Italiener, sicherte sich aber von Anfang an eine Beteiligung. Mittlerweile gibt es eine zweite Fabrik in Phoenix/Arizona und der Laden brummt. Abgefüllt wird für andere, nicht mehr als Temmel-Eis, sondern als »homemade« beziehungsweise unter anderen Namen. Und »Schatzi On Main«? Als Arnie Gouverneur in Sacramento wurde, versiegte auch der Gästestrom, Schwarzenegger verkaufte das ganze Gebäude und Charly die Rechte am Lokal. Mit den Mitarbeitern vom »Schatzi« betrieb er noch für fünf Jahre ein Lokal in Malibu, das »Plate«, aber auch das ist bereits Geschichte.

Es ist eine Erfolgsgeschichte, der Gastwirtesohn hat viele Investitionen getätigt, auch in Immobilien, sein Eisimperium hierzulande umfasst 18 Geschäfte in der Steiermark und er beliefert mehr als 70 Lokale auch in anderen Bundesländern. An drei Standorten wird sein Eis produziert, auch in der Herrengasse, wo sich gleich ums Eck auch das »Eislager« befindet. Hier wird das Gefrorene noch einmal auf Minus 20 gekühlt – der Vertrieb, Sie wissen schon. Charly ist jeweils nur für zwei Sommermonate in Graz und setzt seine Familie als Statthalter ein. Cousin Wolfgang ist Geschäftsführer in der Herrengasse, dessen Bruder in Puntigam und Charlys Bruder Willi führt das Café Lewandofsky in Bad Aussee, wohin jeden Tag die mittlerweile in Puntigam selbst hergestellten Kuchen und Torten angeliefert werden. Vertrieb, schon wieder. Aber es gibt mittlerweile rund 100 Mitarbeiter, die für ordnungsgemäße Abläufe sorgen. Ob es ein Erfolgsgeheimnis gibt? »Ich habe mich getraut, selbständig zu werden. Und ich habe die richtige Frau und auch Glück gehabt. Und ich habe die Worte meines Vaters beherzigt: Der Einheimische ist der wichtigste Gast.«

Temmel Konditorei Café GmbH
8055 Graz, Mitterstraße 1
Telefon +43 316 295802
temmel.com

Fazitportrait, Fazit 185 (August 2022) – Fotos: Marija Kanizaj

 
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