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Die hohe Kunst der Teekultur

| 10. Oktober 2023 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 196, Fazitbegegnung

 

Foto: Andreas Pankarter

Eine Tasse Tee« gefällig?, so oder so ähnlich lautet die Übersetzung des Namens des Grazer Teegeschäfts »Cuppa Tea«. Anglophile und Anglisten wissen das. Martin Laschan ist beides.

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Nachdem der Obersteirer seinen »Bachelor« in Wien gemacht hatte, ging er für den »Master« nach Graz, aber wie so oft kam das Leben dazwischen. Genauer die Überlegung, was man als Anglist beruflich überhaupt machen kann, sowie ein leeres Geschäftslokal in der Gleisdorfergasse. Inspiriert von seiner Tante, die die ganze Familie zum Teetrinken versammelte, als der Großvater im Sterben lag, aber auch von der englischen Teekultur und von einer kleinen Teehandlung in den Wintern seines Heimatorts Liezen, tauchte er in die Welt des Tees ein.

Und als er zufällig das leere Geschäft sah, breitete sich das Bild seiner beruflichen Zukunft deutlich vor ihm aus. Vor fast vier Jahren, am 16. Dezember 2019, eröffnete Martin Laschan seinen kleinen Teeladen – kurz vor Ausbruch der Coronapandemie. Daher folgten zwei magere Jahre, bevor sich der Einzelkämpfer am Markt etablieren konnte. Doch Teeliebhaber sind treue Kunden, so erklärt es sich, dass er heute 50 Prozent von ihnen als Stammkunden bezeichnen kann. Sein Angebot von rund 150 Teesorten respektive –mischungen, darunter größtenteils Schwarztee und Grüner Tee, aber auch Früchte-, Kräuter- oder Rotbuschtee, stellt eine genussvolle Herausforderung dar, die dadurch erleichtert wird, dass man sich auch mit Kostproben, das heißt kleinen Mengen von zum Beispiel zehn Gramm,
behelfen kann.

Denn bekanntlich macht erst der direkte Vergleich sicher. Und natürlich die Beratung des Fachmanns Laschan, der wahrscheinlich aus (Teekultur-)Ignoranten zumindest Dilettanten machen könnte, sohin Amateure mit Leidenschaft. Um es mit dem Philosophen Günther Anders auszudrücken: »Man muss aus etwas etwas machen. Egal, ob Brot aus Getreide oder Liebe aus Sex – das ist Kultur.« Oder aus der Pflanze Camellia Sinensis einen Tee, genauer verschiedene Tees. Dabei gibt es nur zwei Varietäten dieser Pflanze: die Chinasaat (zum Beispiel Darjeeling) und Assam. Die Teegeschichte ist jedenfalls so interessant wie komplex. Allein die Rolle der Briten bei der Verbreitung des Tees in die westliche Welt, insbesondere die Rolle eines Robert Fortune als Teespion, der die Planze als wertvollsten Schatz Chinas außer Landes gebracht haben soll, füllt Bücher und wäre eine Hollywoodverfilmung wert. Auch wenn die Fortune-Geschichte möglicherweise gar nicht stimmt, weil es die Herren Gordon und Gützlaff gewesen sein sollen – egal, die Story ist gut und hat noch viel weiterreichende Ausmaße. Im Zuge der Auseinandersetzungen im Teehandel mit China zogen sich die britischen Händler auf eine felsige, damals noch kaum besiedelte Insel namens Hong Kong zurück und die Briten zettelten den ersten Opiumkrieg an. Wahrscheinlich wurde das ohnehin schon längst verfilmt.

Das muss einen natürlich nicht alles interessieren, um beim Tee auf den Geschmack zu kommen. Auch wenn ich weiß, dass grüner Paprika nichts anderes als unreifer roter Paprika ist, schmeckt er mir trotzdem nicht. Zu wissen, dass es schwarzen und grünen Tee gibt und weißen und vielleicht auch noch Oolong und dass alles im Wesentlichen eine Frage der Fermentation ist, ist aber schon interessant und hilfreich bei der Geschmacksfindung und der Auswahl des Tees. Genauer gesagt ist es eine Frage der Oxidation, aber da weiß Martin Laschan viel besser Bescheid. Zu den Besonderheiten in seinem Teeladen zählen nebst vielerlei anderen Accessoires rund um den Tee auch japanische Keramik, speziell für Grünen Tee, aber auch englische von Burleigh und Denby für den typisch englischen »Afternoon-Tea«. Da Grüner Tee bekanntlich nur mit 70 bis 80 Grad heißem Wasser aufgegossen werden soll, findet sich hier auch ein Yuzamashi, ein Abkühlgefäß aus Japan, angesichts dessen man des Zaubers gewahr wird, der einer hohen (Tee-)Kultur innewohnt. Diese Atmosphäre vermittelt Martin Laschan auch als Person, voller Zurückhaltung und Ruhe ausstrahlend. Vielleicht ist er Buddhist, aber das wollte ich nicht fragen. Weil es ja auch keine Rolle spielt.

Martin Laschan wurde am 6. Juni 1991 in Rottenmann geboren, wo er nach Volks- und Realschule die HAK besuchte und den Zivildienst bei der Feuerwehrleitstelle absolvierte. Anschließend Studium der Anglistik und Geschichte in Wien und Graz. Er ist verheiratet und hat eine einjährige Tochter. Nach Erfahrungen in einem Teegeschäft im City Park gründete er seine eigene Teehandlung »Cuppa Tea« in der Gleisdorfergasse 9, wo er die Teekultur pflegt.

Fazitbegegnung, Fazit 196 (Oktober 2023) – Foto: Andreas Pankarter

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