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Wie macht das der Feichtinger?

| 8. Dezember 2023 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 198, Fazitportrait

Foto: Heimo Binder

Seit Jahrzehnten versteckt sich in der Grazer Josefigasse direkt neben dem Lendplatz ein Schmuckgeschäft, in dessen Auslagen nur Eingeweihte Einblick haben. Irgendwie wussten es ohnehin alle, nur wir Außenstehenden nicht – oder nur halb, denn der Name Feichtinger ist in Graz seit fast einem Vierteljahrhundert als Schmuckhändler ein Begriff.

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Nur Eingeweihte« und »nur halb« ist insofern doppeldeutig, als bei Schmuck und Geschmeide die Frauen eindeutig die Nase vorn haben. So wussten sie wahrscheinlich schon immer, dass man in der Josefigasse Nummer 5-7 durch das Einfahrtstor hindurch gehen muss, um zum Geschäftslokal zu gelangen und ziemlich sicher wussten sie auch schon immer über die auffällige Preispolitik bei Feichtinger Bescheid, haben es aber nur untereinander weitererzählt? Eines scheint sicher: Feichtinger ist die größte Schmuckmanufaktur von Österreich. Wie macht das der Feichtinger?

Die Geschichte geht zurück auf den Unternehmensgründer Erwin Feichtinger im Jahre 1979. Der war eigentlich Steuerberater und erledigte die Buchhaltung für einen Grazer Schmuckgroßhändler, mit dem er gemeinsam etwas aufbauen wollte. Als dieser plötzlich verstarb, gründete er unter Mithilfe seiner Frau Monika ein Einzelunternehmen zunächst als Großhändler in der Josefigasse 41. Aufgrund seines Einblicks in das Schmuckgeschäft als Steuerberater verfügte er von Anfang an über entsprechendes Know-how und konnte bereits zwei Jahre später die ersten Filialen in Weiz und in Leibnitz eröffnen. Im darauffolgenden Jahr gründete er die erste Goldschmiedewerkstatt in der Peinlichgasse in Graz. Die Geschäfte liefen so gut, dass sukzessive neue Filialen in ganz Österreich folgten: in Klagenfurt, Salzburg, Wien und auch in Segro-Großmärkten. Im Grunde verfolgte er das Prinzip von Segro: Kunden, die sich unter bestimmten Voraussetzungen an das Unternehmen binden, im weiteren Sinne Mitglieder werden, sollen ähnlich wie Unternehmer zu Großhandelspreisen beziehungsweise vergünstigten Preisen einkaufen können. Dazu war es notwendig, eine eigene Schmuckerzeugung aufzuziehen, um seinerseits vom Großhandel unabhängig zu werden und an der Preisschraube drehen zu können. Zunächst vereinigte er Verkauf, Werkstatt und Büro unter einem Dach am heutigen Standort in der Josefigasse 5-7 und gründete eine Schmuckerzeugungs GmbH. Das Filialnetz wurde in der Folge um fünf Standorte in Innsbruck, St. Pölten, Eisenstadt, Wiener Neustadt und eine zweite Filiale in Wien erweitert. 1994 gelang ihm ein Coup: Mit dem Kauf der Helmut Waiglein GmbH, vergrößerte sich das Filialnetz mit einem Schlag um 13 weitere Standorte. Die Firmengruppe wurde damit Österreichs zweitgrößte Schmuckhandelskette hinter Alphagold von der Fuchshuber-Gruppe. Das Dorotheum hatte damals noch keine Filialen. Sogar in Marbella an der Costa del Sol in Spanien eröffnete Feichtinger später eine Filiale. Im Kulturhauptstadtjahr 2003 wird das Hotel Feichtinger am Lendplatz eröffnet. 2006 stirbt der Firmengründer im Alter von 53 Jahren.

Heiratsmarkt als Geschäft
Damit musste die zweite Generation, die Brüder Christian und Markus Feichtinger, der Seniorchefin, ihrer Mutter Monika, zur Seite stehen. Christian, der ältere von beiden, war damals 24 Jahre alt und stand kurz vor der Abschlussarbeit für das BWL-Studium. »Das ist sich dann nicht mehr ausgegangen«, so der heute 41jährige Geschäftsführer des Unternehmens, das den Brüdern und der Mutter zu je 33 Prozent gehört. Mittlerweile hat sich Markus aus dem operativen Bereich zurückgezogen und Mutter Monika ist in Pension. Seit rund zehn Jahren kümmert sich Christian Feichtinger um den Kurs des Unternehmens, das heute 22 Filialen umfasst und mit österreichweit 170 Mitarbeitern einen Umsatz von 24,8 Millionen Euro erwirtschaftet. In der Grazer Zentrale sind davon 70 Mitarbeiter beschäftigt, davon wiederum sind 50 Goldschmiede und neun Lehrlinge.

Foto: Heimo Binder

70 Prozent des Umsatzes werden mit Produkten aus der eigenen Manufaktur gemacht, der Rest ist Handelsware. Bei den Stückzahlen ist die Sache natürlich genau umgekehrt, weil die Handelsware die günstigere Ware ist. Betrachtet man das gesamte Schmucksortiment, so liegt das Verhältnis Eigenproduktion zu Handelsware ungefähr bei 20 zu 80. Zu 100 Prozent aus Eigenproduktion stammen die Eheringe, von denen rund 400 verschiedene angeboten werden. Hier generiert das Unternehmen deshalb die größte Wertschöpfung. Die Eheringe machen 25 Prozent des gesamten Umsatzes aus und Feichtinger versteht sich auch als Österreichs Eheringspezialist Nummer 1. Feichtinger: »Es gibt in Österreich pro Jahr zwischen 35.000 und 40.000 Hochzeiten, davon kaufen vermutlich 99 Prozent Ringe, also ist es ein schöner Markt.«

Der Maschinenpark
Um das bildlich wie praktisch zu untermauern und das Feichtinger-Businessmodell näher zu erklären, macht Christian Feichtinger mit uns eine Führung durch das Unternehmen. Wir starten in der sogenannten »Eheringhalle« in der Schrödingerstraße, einem ehemaligen Spar-Geschäft mit gut 700 Quadratmetern, die 2014 eingerichtet wurde. In dieser Produktionsstätte werden alle Eheringe vom Gold-, Silber- und sonstigem Granulat weg mit Hilfe eines riesigen Maschinenparks hergestellt. Zugekauft werden nur die Granulate und die Edelsteine. Sogar die Rohre selbst, von denen die Scheiben für die Ringe mit einem 0,7 mm dünnen Sägeblatt heruntergesägt werden – der Verschnitt wird gesammelt – werden hier produziert, genauer gesagt auf Stranggussanlagen gezogen, nachdem zuvor die Legierungen selbst gemischt wurden. Pro Kilo Gold entsteht je nach Wandstärke ein Rohr von 40 bis 50 Zentimeter Länge. In Österreich wird für die Schmuckerzeugung in der Regel 14-Karat-Gold verwendet, das ist das »585er Gold«, mit 58,5 Prozent Goldanteil in der Legierung mit Silber und Kupfer. Ein Gramm davon kostet zur Zeit 34,50 Euro (Tageskurs), das ist genau doppelt soviel wie 2016, als wir einen Steine- und Schmuckhändler an dieser Stelle portraitierten. Südliche Länder hingegen verwenden 18-Karat-Gold, das ist das »750er« mit 75 Prozent Goldanteil. Aber auch das ist bei Feichtinger möglich, genauso wie Weißgold, Rosé oder mehrfärbige Kombinationen. Zufällig kommen wir gerade dazu, als es in einem Forschungs- und Entwicklungsprozess erstmals gelingt, Tantal, ein zähes dunkelgraues Metall, das in Rohrform geliefert wird, mit Platin zu einem Ring zu verlöten und zu bearbeiten. Die Scheibchen vom Goldrohr, die Rohlinge, werden verwalzt, dann wieder rundgerichtet und kommen direkt auf die CNC-gesteuerten Drehbänke – Hightechgeräte, von denen allein die neueste Fünfachsfräsmaschine 500.000 Euro kostet und auf bis zu 50 Aufträge in Serie programmierbar ist. Feichtinger: »Früher wurde der Ring so, wie er jetzt aus der Maschine herauskommt, zugekauft.

Foto: Heimo Binder

Wir können mittlerweile Ringe, die rundherum mit Steinen besetzt sind, vollständig auf der Maschine fertigmachen.« Es fehlten nur mehr Gravur und Punzierung. Wir sehen noch Steinsortierer, die auf Tausendstel Millimeter genau arbeiten oder Sinteranlagen für zweifärbige Ringe, wie Weißgold und Rotgold deren Scheibchen unter Druck und Hitze hier verbunden werden. Oder eine neue Presse für Schutzengerl, Firmenabzeichen oder Anstecknadeln. Oder die zwei kleineren Fünfachsfräsen aus der Anfangszeit, mit denen nunmehr die Werkzeuge wie etwa die Stempel für die Presse gefertigt werden können. Der Maschinenpark ist rund zweieinhalb Millionen Euro wert und – alles ist doppelt. »Falls ein Brand ausbricht, fallen Brandschutzvorhänge herunter und der halbe Maschinenpark bleibt erhalten«, erklärt Christian Feichtinger. Sonst würde die komplette Produktion stillstehen und die Lieferzeit der Spezialmaschinen von Benzinger beträgt ein Jahr. In einem Büro befindet sich die Designabteilung, wo die Ringe auf dem Bildschirm mit 3D-Software designt werden. Eine Software erstellt daraufhin die Werkzeugwege für die Maschine, dann wird alles in den Maschinencode umgewandelt und an die Maschine geschickt, die somit weiß, was zu tun ist und in fünf Achsen die Werkzeuge einrichtet und verfahrt. Ein komplexer Ring mit größeren Steinen hingegen wird über einen 3D-Drucker direkt in Spezialwachs ausgedruckt und auf einem Gußbaum in der Regel zusammen mit anderen Werkstücken aus Wachs appliziert. Dieser wird in einer Küvette unter Vakuum mit Einbettmasse »eingegipst«, das Wachs in einem Brennofen ausgebrannt, sodass eine Negativform entsteht, die in der Folge in der Gußabteilung in der Zentrale mit Gold ausgegossen wird. Eine andere Methode ist der Guss in Kautschukformen, wobei die Ursprungsrohlinge erhalten bleiben und einen eigenen Schatz des Unternehmens bilden, weil sie Kontinuität gewährleisten, etwa für den Fall, dass eine Kautschukform beschädigt ist – so kann sie jederzeit wieder hergestellt werden.

Businessmodell Feichtinger
Zurück in der Zentrale in der Josefigasse erklärt der Unternehmer das Feichtinger-Businessmodell: »Das Prinzip beruht darauf, dass die Mitarbeiter von Partnerbetrieben und Behörden zu vergünstigten Konditionen, nämlich zu Großhandelspreisen, bei uns Schmuck einkaufen können, das heißt um 40 Prozent günstiger als zum UVP, dem unverbindlichen Verkaufspreis. Wir haben um die 6.000 aktive Partnerbetriebe in Österreich, die wir zunächst vor allem über Personalvertretungen und Betriebsräte erreichen. 95 Prozent der Kunden kommen auch tatsächlich von Partnerfirmen.« Warum die Mitbewerber dieses System nicht kopieren können, sei auch klar. »Wir können uns das nur deshalb leisten, weil wir alles selbst produzieren und die komplette Wertschöpfung im Haus haben. Aufgrund unserer Größe haben wir auch beim Einkauf von Handelsware größere Stückzahlen und entsprechende Preise. Üblicherweise gibt es einen Produzenten, ein bis zwei Großhändler, einen Juwelier und dann den Endkunden. Ich kaufe direkt beim Produzenten ein und vertreibe an den Endkunden. Das heißt, ich schalte zwei bis drei Handelsspannen aus und die kann ich weitergeben. Das ist der Grund warum wir so günstig anbieten können. Was man dazu natürlich auch sagen muss: Wir sind nicht sehr beliebt in der Branche.« Auch die Investitionskosten bildeten eine hohe Hürde für diese Form der Businessgestaltung: »Stellen Sie einmal so einen Maschinenpark hin und eignen Sie sich das Know-how an, diesen auch zu bedienen. Ich habe monatelang Tag und Nacht gelernt, die Maschinen in den Griff zu bekommen.«

Der gesamte Gebäudekomplex der Zentrale umfasst rund 2.500 Quadratmeter. Das vor fünf Jahren gänzlich erneuerte Geschäftslokal im Hof ist 180 Quadratmeter groß und wartet im ersten Stock mit einer eigenen »Eheringlounge« zur entspannten Beratung auf. Eine solche gibt es auch in der erst heuer neu eröffneten Filiale in Linz, mit 300 Quadratmetern über drei Etagen die bislang größte der Feichtinger-Gruppe. Als einzige wird sie auch eine Werkstatt bekommen, denn dass Graz und die kleine Seiersberg-Filiale 25 Prozent des Gesamtumsatzes lukrieren, dürfte nicht nur am hohen Bekanntheitsgrad und der größten Auswahl liegen – insgesamt 15.000 Artikel, davon 12.000 online –, sondern weil die Werkstatt gleich neben dem Geschäft ist. Denn es gibt viele Kunden mit eigenen Ideen oder einfach Fragen. Ob Christian Feichtingers Idee eines Outlet Centers für Schmuck eine gute ist, hängt wohl in erster Linie vom Standpunkt ab.

Feichtinger Schmuckmanufaktur
8020 Graz, Josefigasse5-7
Telefon +43 59887
feichtinger-schmuckmanufaktur.at

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