Tandl macht Schluss (Fazit 223)
Johannes Tandl | 9. Juni 2026 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 223, Schlusspunkt
»America First« oder die Krise als neue Normalität. Wer die neue »US-National-Defense-Strategy« (nationale Verteidigungsstrategie der USA) vom heurigen Jänner gelesen hat, begreift, dass die USA nicht in den Krieg gegen Iran hineingeschlittert sind. Sie sehen darin eine strategische Notwendigkeit zum Erhalt ihrer Macht. Früher wollten sie Demokratie verbreiten, Menschenrechte schützen und freie Märkte öffnen. Jetzt geht es – nicht nur Trump – um die knallharte Durchsetzung amerikanischer Interessen. America First mit Flugzeugträgern! Heimat verteidigen, China abschrecken, Verbündete zur Kasse bitten, die Rüstungsindustrie hochfahren!
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Der Iran ist für Washington kein x-beliebiges Feindbild, sondern eine strategische Schnittstelle wirtschaftlicher und geopolitischer Interessen. Es geht darum, China – und nebenbei Europa – langfristig von Energie aus den Golfstaaten abzuschneiden und eurasische Handelsrouten zu beherrschen. Wer den Iran schwächt, trifft nicht nur Teheran. Er stört jene Achse, auf der Russland, China und andere BRICS-Staaten eine Weltordnung bauen wollen, die weniger vom Dollar, von amerikanischer Seemacht und vom westlichen Finanzsystem abhängt. Trump will den globalen Energiehandel kontrollieren. Sein Leitbegriff heißt »Energy Dominance«. Das klingt wie ein Wahlkampfslogan für texanische Bohrinseln, ist aber eine geopolitische Doktrin. Wer Öl, Gas, Seewege, Pipelines und Preise beeinflusst, kontrolliert nicht nur Tankstellen, sondern Industrie, Inflation, Bündnisse und Abhängigkeiten. Trump nennt es »America First«. Um dieses Ziel zu erreichen, darf Iran in dieser Logik die Straße von Hormus nicht länger kontrollieren. Solange die Mullahs dort den Schalter in der Hand haben, bleiben Europa und Asien erpressbar; nur China, wohin ein Großteil des iranischen Öls fließt, kann sich als strategischer Partner Teherans weiter versorgen.
Daher hat Trump die Straße von Hormus faktisch selbst zum Krisenraum gemacht – mit dem brutalen, aber für die USA angenehmen Nebeneffekt, dass amerikanische Energie immer wertvoller wird. Die Welt sucht Ersatz für Ausfälle im Golf, und Amerika kann liefern. In der Wirtschaft sagt man dazu Stabilisierung. In Texas nennt man es Geschäft und in Washington »America First«. Und hier kommt Venezuela ins Spiel. Venezuela ist kein lateinamerikanisches Problem, sondern mit den größten Ölreserven der Welt eine Säule amerikanischer Energiepolitik. US-Konzerne wie Chevron rücken wieder stärker ins Geschäft. Wenn Iran niedergehalten wird, kann Washington eigenes Öl, eigenes Gas und venezolanisches Schweröl unter amerikanischem Zugriff gewinnbringend in eine nervöse Welt verkaufen. Das ist keine Verschwörung. Das ist Geografie plus Preisbildung plus Machtpolitik – wieder »America First«.
Genau deshalb wird der Iran-Krieg länger dauern, als auch der US-Öffentlichkeit lieb ist. Trump weiß vermutlich nicht, wie er da wieder herauskommen soll, ohne als Verlierer dazustehen. Aber das nimmt er angesichts der strategischen Ziele offenbar in Kauf. Kriege enden oft erst dann, wenn jemand einen Satz findet, der nach Sieg klingt. Daher sollte sich auch niemand darüber wundern, wenn im Iran-Konflikt noch weitere Eskalationen folgen. Für europäische Unternehmen ist das aber nicht bloß ein außenpolitischer Talkshowbeitrag, sondern der Anfang vom Ende der alten Globalisierung. Vor Trump war die Welt angenehm. Man bestellte irgendwo ein Teil, das von irgendwoher kam, mit billiger Energie produziert und auf sicheren Routen transportiert wurde. Wenn etwas schiefging, hieß es Lieferkettenproblem, danach gab es wieder Wachstum. In einer unzuverlässigen Welt heißt unternehmerische Vernunft nicht mehr, jeden Euro in Wachstum zu stecken, sondern Liquidität zu sichern, Energie als geopolitisches Risiko zu begreifen, Lager als Versicherung zu behandeln und nur dort zu investieren, wo das Unternehmen robuster statt bloß größer wird.
Vielleicht findet Trump ja doch eine Formel, mit der ein US-Rückzug wie ein Triumph klingt. Aber die Unternehmen dürfen nicht länger auf das freundlichste Szenario bauen. Die Frage lautet nicht mehr: Wie verdiene ich am meisten, wenn alles gutgeht? Sondern: Wie überlebe ich die Krise als neues Normal und bleibe handlungsfähig, wenn mehrere Dinge gleichzeitig schiefgehen? Denn genau dort beginnt in unruhigen Zeiten die Freiheit.
Tandl macht Schluss! Fazit 223 (Juni 2026)
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