Außenansicht (74)
Peter Sichrovsky | 14. Oktober 2026 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 226
Wer vergessen wird, entscheiden die Lebenden. Mitte September wurde die neu renovierte Synagoge in der Wiener Seitenstettengasse eröffnet. Die Thorarollen, die während der Renovierungsarbeiten in der Synagoge am Judenplatz aufbewahrt worden waren, brachte eine Gruppe singender und tanzender Juden zurück in die Seitenstettengasse. Wie es dem Brauch entspricht, sollte es ein fröhlicher Tag sein. Die Thora zwischen den Tanzenden tragen zu dürfen, ist eine besondere Ehre, die dementsprechend von besonders Ehrenvollen an andere Ehrenvolle vergeben wird. Warum dabei wer zu den Ehrenvollen gehörte, blieb allerdings das Geheimnis des besonders Ehrenvollen, der über die Ehre anderer zu entscheiden hatte.
Bei einem Spaziergang durch die Seitenstettengasse fallen die Kameras auf, die Absperrungen und die bewaffnete Polizisten. Hinter einer unscheinbaren Fassade liegt der Wiener Stadttempel, seit fast zweihundert Jahren religiöses Zentrum der jüdischen Gemeinde Wiens. Die Geschichte meiner Vorfahren ist eng mit dem jüdischen Leben dieser Stadt verbunden. Elisabeth Sichrovsky und ihr Sohn Heinrich gehörten zu jener Generation Wiener Juden, die nicht nur eine Synagoge errichtete, sondern eine Gemeinde aufbaute – und damit ein Stück des modernen Wien.
Elisabeth Braindl Sichrovsky, geborene Kuh, kam mit ihrem Mann Moses Ende des 18. Jahrhunderts aus Prag nach Wien. Juden wurden damals in der Residenzstadt geduldet, waren aber keineswegs gleichberechtigt. Niederlassung und Berufsausübung unterlagen zahlreichen Einschränkungen. Dennoch gelang der Familie der gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufstieg.
Als sich am 18. März 1829 die Wiener jüdische Gemeinde neu konstituierte, gehörte Elisabeth Sichrovsky zu den 71 Gründungsmitgliedern. Unter ihnen befanden sich mehrere Frauen – Rosalie Levi, Magdalena Leidesdorff, Rosalie Trebitsch, Julie Landauer und Amalia Kohn. Von den Nachkommen dieser einst bedeutenden Wiener jüdischen Familien leben heute nur noch wenige in Wien. Besonders eng mit dem Stadttempel verbunden war Elisabeths ältester Sohn Heinrich Joachim Sichrovsky, 1794 in Wien geboren. Er war eine jener bemerkenswerten Persönlichkeiten des Vormärz, die Unternehmer, Schriftsteller, und Funktionär in einer Person sein konnten. Später wurde er zu einem Pionier des Eisenbahnwesens und Generalsekretär der »Kaiser Ferdinands-Nordbahn«. 1850 erhielt er als einer der ersten Juden das Wiener Bürgerrecht, kurz vor seinem Tod wurde er geadelt – Heinrich Ritter von Sichrovsky.
Bereits 1819 engagierte sich Heinrich in sozialen Einrichtungen der jüdischen Gemeinschaft. 1825 gehörte er jenem Bauausschuss an, der sich mit dem neuen Bethaus in der Seitenstettengasse beschäftigte. Der heutige Stadttempel entstand zwischen 1824 und 1826 nach Plänen des berühmten Architekten Joseph Kornhäusel. Juden durften damals keine von der Straße deutlich sichtbare, repräsentative Synagoge errichten. Also versteckte Kornhäusel den Tempel hinter der Fassade eines Wohnhauses. Als Nationalsozialisten im November 1938 die Wiener Synagogen in Brand steckten, blieb der Stadttempel erhalten. Seine Lage innerhalb des Häuserblocks machte eine Brandlegung wegen der Gefahr für die umliegenden Gebäude zu riskant. Was 1826 als diskriminierende Vorschrift gedacht war, wurde 1938 zur Rettung.
Ab 1830 war Heinrich Sichrovsky Vorsteher des Bethauses in der Seitenstettengasse, ab 1838 Sekretär und zwischen 1843 und 1860 Vertreter des Vorstandes der jüdischen Gemeinde. Er förderte den Schulunterricht, unterstützte die Gründung eines israelitischen Handwerkervereins und gehörte später zu den Initiatoren des Leopoldstädter Tempels. Als 1848 überall in Europa Revolutionen ausbrachen, richtete Sichrovsky eine Petition an die Krone. Darin verlangte er die »vollständige Gleichstellung aller Glaubensbekenntnisse«.
Elisabeth Sichrovsky starb 1838, ihr Sohn Heinrich 1866. An Heinrich Sichrovsky erinnert die Geschichte der Eisenbahn. Im Technischen Museum in Wien steht seine Büste, am Hauptbahnhof ist eine Gedenktafel geplant, und Wien wird ihn mit einer Straße ehren. In Tschechien tragen eine Brücke und ein Tunnel seinen Namen. In der Seitenstettengasse sucht man die Namen Elisabeth und Heinrich Sichrovsky vergeblich.
Außenansicht #74, Fazit 226 (Oktober 2026)
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