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Die Steiermark ist ein Industrieland, tatsächlich!

| 27. Juli 2010 | Keine Kommentare
Kategorie: Editorial, Fazit 64

Dass die Steiermark ein Industrieland ist, ist für Sie nichts Neues. Daher erschließt sich Ihnen wohl auch nicht, warum die Industriellenvereinigung überall in der Steiermark Tafeln aufstellen ließ, die auf genau diese Tatsache hinweisen.

Vor wenigen Tagen wurde ich jedoch Zeuge eines Gespräches zwischen zwei Kommunalpolitikern, das meine Meinung änderte. „Was sollen denn die Fremden  (gemeint waren wohl Touristen) denken, wenn sie diese Tafeln sehen?“ lautete die rhetorische Frage des einen und der andere antwortete: „Mich haben meine Leute auch schon gefragt, weil die leben ja alle vom Fremdenverkehr und von der Wirtschaft. (Wirtschaft ist im oststeirischen gleichzusetzen mit Landwirtschaft.) So eine Verschandelung von der Gegend!“

Als ich im Zuge der Recherchen für diese Ausgabe auf eine Wertschöpfungsanalyse für die Steiermark stieß, erinnerte ich mich wieder an dieses Gespräch, dessen unfreiwilliger Zeuge ich geworden war. Denn ganze 37 Prozent steirischer Bruttowertschöpfung werden im produzierenden Sektor erzielt. Im Gegensatz dazu tragen der Handel 12 Prozent, der Finanzbereich und der Tourismus je vier Prozent und die Landwirtschaft knapp drei Prozent zu unseren Einkommen bei. Beim Studium dieser Zahlen war ich dann doch über das Ausmaß überrascht, in welchem unser Wohlstand an den Exporterfolgen der Industrie hängt. Besonders den Anteil des Tourismus hätte ich wesentlich höher eingeschätzt. Diese vier Prozent betreffen zwar nur die direkten Tourismusausgaben und mit den indirekten Tourismusausgaben erhöht sich dieser Anteil um weitere vier Prozent, denn Touristen gehen ja auch einkaufen, ins Kino und tanken ihre Autos voll. Zieht man jedoch die Ausgaben von Geschäftsreisenden von den Tourismuseinnahmen wieder ab, bleiben wieder nur die ursprünglichen vier Prozent. Vor diesem Hintergrund sollte uns allen bewusst sein, dass die Steiermark nur dann Zukunftschancen hat, wenn sie es schafft, als Unternehmensstandort attraktiv zu bleiben. Und bei aller Wertschätzung für wichtige Probleme wie Verteilungsgerechtigkeit und Armutsbekämpfung: die können wir uns nur leisten, solange es etwas zu verteilen gibt.

Zu den Lebensgrundlagen der Menschen in der Steiermark gehört, neben einer intakten Umwelt oder einem gerechten Zugang zu Bildung, ein wirtschaftliches Umfeld, das uns erst in die Lage versetzt, den Gesundheits- und Sozialbereich, aber auch die Feinstaubbekämpfung und den Klimaschutz zu schultern. Die Steiermark ist lebenswert – aber nur solange der Satz „Die Steiermark ist ein Industrieland“ zutrifft.

Editorial, Fazit 64 (Juli 2010)

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