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Stalder macht Schluss!

| 10. März 2011 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 70, Schlusspunkt

Dieser Tage hätte ein großer Verstörungskünstler seinen 80. Geburtstag gefeiert: Thomas Bernhard. Der Aufwecker und Aufwirbler, Agent provocateur und misanthropisch-zynischer Jongleur am Abgrund, der die Obrigkeiten aller Couleurs ordentlich auf Trab gehalten hat.
Gleichzeitig oder gerade deswegen auch ein Scheuer, Einsamer und Verletzter; einer, der sich hinter seinem Geschriebenen eher zu verschanzen als sich zu zeigen schien. Die „Verhältnisse“, gegen die er anschrieb (und besonders die österreichischen), waren für ihn zwar „furchtbar“, das darunter verborgene Unglück jedoch ein existenzielles. „Die menschliche Existenz“, heißt es im Roman „Verstörung“, „ist mit dem Leiden verbunden.“ Der Mensch als in ein Leben voller Widerwärtigkeiten und entsetzlicher Kälte geworfenes Subjekt. Aus dem späten Dichterdiktum, dass nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen sei, aber alles lächerlich werde, wenn man an den Tod denke, klingt auch der milde und hoffende Bernhard. Das Erregen durch die Mittel der Sprache war sein Lebenselixier, seine ganz persönliche Möglichkeit, sein Nicht-anders-Können, gegen die Welt anzudenken.
Sein diesbezügliches Arsenal beinhaltete hochkonzentrierte Satzkaskaden, Endlosschleifen, Crescendi und Übertreibungen. Wer seine virtuosen Wortsymphonien als bloße „Besudelung“ auffasste oder die Beschimpfungen zu wörtlich (oder zu persönlich) nahm, verabscheute ihn dafür. Für die „Beleidigten“ wurde er zum Skandalon, zum „ennui“, der sich bloß verächtlich auskotzt. Zur Zeit des „Heldenplatzes“, Bernhards letzter großer Abrechnung mit Österreich, war die Kunst für die Rolle als Erregerin geradezu prädestiniert (Tabori, Peymann, Hrdlicka). Im „furor populi“ fanden die Medien einen dankbaren Mitspieler, zumal Bernhard im sogenannten „Bedenkjahr“ und während der Waldheim-Präsidentschaft mitten in die Neuralgik des Vergangenheitsbewältigungstraumas traf. Indem er mit allem Österreichischen, jener „Absurdität zur Potenz“, abrechnete, konnten Zusammenstöße zwischen Kunst, Politik und Öffentlichkeit nicht ausbleiben.
Dabei hätte das Stück „Heldenplatz“ den Skandal gar nicht gebraucht – es war die vorverurteilende Öffentlichkeit, ihr Brüllchor der „gesunden Volksmeinung“, der ihn suchte. Bernhard war plötzlich Staatsfeind Nr. 1 – obwohl ihn die meisten gar nie gelesen, geschweige denn auf der Bühne gesehen hatten. Um von einem Skandal zu sprechen, brauche es drei Elemente, postuliert der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen:
„Zuerst eine Normverletzung, irgendeine Form von Normübertretung, eine moralische Verfehlung; dann jemand, der davon berichtet, einen Verräter, einen Informanten, einen Journalisten, der eine Enthüllung bekannt gibt; und schließlich ein Publikum, das sich empört“. Dario Fo sprach vom Skandal noch prägnanter als „Katharsis der bürgerlichen Gesellschaft“.
Heutzutage empört sich kaum noch jemand über Literatur, Bildende Kunst oder Theater. Es gibt dort keine Skandale mehr (ein Umstand, der wiederum zu Katzenjammer führt). Aber was geschieht mit der Kunst, wenn sie gefällig wird und ihre Rolle als Unruhestifterin aufgibt? – Sie wird stinklangweilig.
Heute kocht die Volksseele wegen ganz anderer Ereiferungen über. Da reichen schon ein halb türkisch, halb deutsch beschriftetes Milchpackerl oder die Präsenz von ein paar Bettlern auf den properen Innenstadtplätzen. Internetforen haben der tobenden Volkswut längst ihre „kathartischen“ Freigehege eingerichtet, in denen sie sich gegen alles und jeden entleeren darf.
Wie nähme Bernhard Österreich und seine Politik heute wahr? Würden ihm ihre blutarmen VertreterInnen noch genügend Angriffsflächen bieten? Was hätte er den mediokren, einheitsgenormten und sich ereifernden Rechtsüberholern noch mitzuteilen? Und vor allem: Was hätten jene, die von sich behaupten, keine Bücher mehr zu lesen oder zumindest einen Karl May-Roman fertig gelesen zu haben, dem Dichter noch entgegenzuhalten?
Wahrscheinlich würde dem „alten Meister“ zu diesem Stillstand gar nichts mehr einfallen. Er würde erahnen, dass seine Schimpfkanonaden an diesen neuen Wirklichkeiten zerschellen müssten. Vielleicht würde er ja immerhin seine Künstlerkollegen beschimpfen und ihnen vorhalten, dass sie sich aus allem heraushalten und aufgehört haben zu zündeln.
Letztlich würde einer wie er einsehen müssen, dass das Schlimmste, was einem Künstler widerfahren kann, die Gleichgültigkeit ist. Nur tröstlich, dass all dies nicht mehr geschehen kann, weil er sich durch seinen frühen Abgang von der österreichischen Lebensbühne der endgültigen Vereinnahmung zu entziehen vermochte.

Stalder macht Schluss, Fazit 70 (März 2011)

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