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Zur Lage (46)

| 21. März 2012 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 81, Zur Lage

Über den Iceman, über Eventmovies, über Wikipedia und Sprachblasen sowie nichts über die Politik.
Das Institut für Mumien und den Iceman heißt doch tatsächlich Institut für Mumien und den Iceman. Dieses im südtirolerischen Bozen beheimatete Institut gibt es  schon seit 2007 und sein kauderwelscher Name ist mir eingefallen, als im ORF der (Pappnoses sagen auch gerne »das«) Eventmovie »Ice. Der Tag, an dem die Welt erfriert« zu sehen war. Im ersten Schreck habe ich die Kreativen, denen dieser Dummtitel eingefallen ist, innerlich verteidigt: »Eis. Der Tag, an dem die Welt erfriert« kommt halt nicht ganz so cool rüber wie »Ice. Der Tag, an dem die Welt erfriert«. Nur, als ich mich meiner Jahre im Amerikanischen entsann, fiel mir ein, es gibt wohl nur wenige Wörter, die phonetisch so ähnlich lauten wie Ice und Eis. Egal.
Nicht dass Sie mir jetzt glauben, ich würde hier einer puristisch anmutenden Deutschtümelei das Wort reden! Nein, seit ich nämlich vor zwanzig, dreißig Jahren in der Wikipedia zu Maribor doch wirklich Marburg gesagt (vielmehr geschrieben) hatte und mich die darauffolgende Flut an »Wir brauchen keine Nazis in der Wikipedia«-Mails zu einem Laibach hat gar nicht kommen lassen, bin ich da eines besseren belehrt. Da halte ich es, wie hier schon oft erläutert, wie mit Halloween: Schlimmer, als Halloween in unseren Breiten zu feiern, ist lediglich, sich darüber aufzuregen, dass Halloween in unseren Breiten gefeiert wird. Und, ja, so sehr gehe ich mit der Zeit, meinen Enkeln werde ich wahrscheinlich schon höchstpersönlich einige Süßigkeiten zustecken, wenn diese dann verkleidet mich besuchen werden. Hauptsache, sie besuchen mich. Es ist ganz was Anderes: Es geht mir einfach furchtbar auf den Sack! Ich entschuldige mich hier bei meiner Frau und bei allen Leserinnen für diese verbale Entgleisung, aber meinen Ärger über die so oft so flachgeistige Leersprache kann ich nicht anders ausdrücken.
Es geht mir ja gar nicht darum, dass an die 80 Prozent aller Deutschen bei Douglas »Come in and find out« für ein »Kommen Sie rein und finden Sie wieder raus« missdeuten oder schon gar nicht darum, dass nie ein Mensch englischer Zunge jemals Handy zu einem Mobiltelefon gesagt hat. Es ist mir auch vollkommen egal, dass der amerikanische Fast-Nahrungs-Marktführer hierorts mit »I am loving it« wirbt oder derorts mit der (inhaltlich halt leider lauwarmen Übersetzung) »Ich liebe es«. Nein, es sind natürlich nicht die Anglizismen oder Fremdwörter, die derzeit beinahe ausschließlich aus dem Englischen kommen; das ist Sprache und Sprache verändert sich. Das soll so sein, das werden Sie und ich nicht aufhalten. Es ist das hirnlose Gebrabbel, das immer mehr Einzug hält in alle uns umgebenden »Medienräume«. Es sind diese vielen Dampfpfeifen von (meist öffentlich-rechtlichen) Programmgestaltern, die es – warum weiß der Himmel – für unschick halten, einen fremdsprachigen Film mit einem deutschen Titel zu versehen.
Gerne schau ich mir »The Big Bang Theory« im englischen Originalton an und unterhalte mich dabei blendend; schaue ich es in unserem Fernsehen in einer deutschen Fassung, würde ich halt lieber (und gehaltvoller) »Die Urknalltheorie« mir genehmigen. Und warum das Prequel von John Carpenters (nur Deppenapostrophisten würden Carpenter‘s schreiben und weil es so viele Deppenapostrophisten gibt, darf man das wahrscheinlich auch schon wieder) »Das Ding« aus dem Jahr 1984 im Jahr 2012 auf Deutsch »The Thing« heißen muss, verstehe, wer will. Von der guten alten »Grünen Laterne», die mittlerweile als »Green Lantern« irrlichtert, ganz zu schweigen.
Und mein Groll geht ja viel weiter. Etwa setzen sich neuerdings immer öfter so absolut hirn- wie gehaltlose Wortaneinanderreihungen ohne Bindestrich durch, nur weil irgendwelche PR-Fuzzis denken, das wäre locker und weil sie es in ihren grenzenlosen Reisen durchs weltweite Internet (meistens auf Englisch) so gesehen haben. Die neue Weltläufigkeit ist halt eine sehr virtuelle. Graz Linien ist da ein gutes Beispiel. Abgesehen davon, dass dieser neue Name für die GVB außerhalb des Andreas-Hofer-Platzes unter jeder Wahrnehmungsgrenze liegt, bedeutet er halt leider auch nichts. Nichts Sinnvolles zumindest.
Am schlimmsten aber sind diese sich selbst entlarvenden Worthülsen, mit denen auch Politiker gerne hausieren gehen. Johanna Mikl-Leitner tut mir jetzt fast leid, beispielgebend herhalten zu müssen, aber letzten Sonntag hat sie in der Pressestunde gemeint, dass Österreich »in keinster Weise« ein Überwachungsstaat sei.
Weiß Zasterhanni, wissen alle die »In keinster Weise«-Sager eigentlich, was sie da verzapfen? Haben die ein einziges Mal darüber nachgedacht? In keiner Weise, steht zu befürchten. Sonst wäre denen eingefallen, dass kein Hirn null Hirn bedeutet. Und dass es nicht einmal in der Politik weniger Hirn geben kann als null Hirn.
So richtig ärgern tut mich das alles, weil ich selber auch immer öfter solchen Sprachmüll absondere. Wo soll das enden? Im Übrigen bin ich der Meinung, dass eine große Koalition dem Lande nicht nutzen kann.

Zur Lage #46, Fazit 81 (April 2012)

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