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Zum Thema (Fazit 92)

| 24. April 2013 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 92, Fazitthema

Die Deutschen. Europas bestgehasstes Volk Der deutsche Politologe Arnulf Baring zeichnete im Jahr 1997 bezüglich der beschlossenen Euro-Einführung ein drastisches Szenario: »Es wird heißen, wir finanzieren Faulenzer, die an südlichen Stränden in Cafés sitzen … Die Währungsunion wird am Ende auf ein gigantisches Erpressungsmanöver hinauslaufen … Wenn wir Deutschen Währungsdisziplin einfordern, werden andere Länder für ihre finanziellen Schwierigkeiten eben diese Disziplin und damit uns verantwortlich machen. Überdies werden sie, selbst wenn sie zunächst zugestimmt haben, uns als eine Art Wirtschaftspolizisten empfinden. Wir riskieren auf diese Weise, wieder das bestgehasste Volk Europas zu werden.«

Ich wollte nicht glauben, dass jemand vor eineinhalb Jahrzehnten bereits gewusst haben will, mit welchen Problemen Europa heute zu kämpfen hat, und ersuchte Arnulf Baring daher, diese Äußerung zu authentifizieren. Und tatsächlich ließ er dieses Zitat mit dem Hinweis bestätigen, seine weiteren Gedanken in seinem 1997 erschienenen Buch »Scheitert Deutschland?« nachzulesen.

Inzwischen weiß man, dass Deutschland die Wiedervereinigung niemals bekommen hätte, wenn Bundeskanzler Helmut Kohl die D-Mark nicht zugunsten einer gemeinsamen EU-Währung aufgegeben hätte. Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand war zeit seines Politikerlebens von der französischen Urangst vor dem deutschen Erbfeind geprägt. Er sah in einem wiedervereinigten Deutschland eine Bedrohung für Frankreich und versuchte daher, die Zusammenführung der beiden deutschen Staaten – gemeinsam mit der kürzlich verstorbenen Margaret Thatcher – zu verhindern.

Die Entschädigung, die Frankreich schließlich für sein »Placet« zur Wiedervereinigung erhielt, war eine gemeinsame EU-Währung, die aus französischer Sicht dem Ziel dienen sollte, wenn nötig Einfluss auf die deutsche Wirtschaft und Politik nehmen zu können. Deutschland war gerne bereit, den geforderten Preis zu bezahlen. Denn der Euro war in den Augen von Helmut Kohl ein Friedensprojekt zur Vertiefung der europäischen Integration. Er dachte dabei an die Vergemeinschaftung der kriegswichtigen Produktionsmittel Kohle und Stahl unter dem Dach der »Europäischen Gemeinschaft« in den 1950er Jahren. Der Leitgedanke war damals, die Wirtschaft der europäischen Staaten so miteinander zu verflechten, dass kein Land gegen ein anderes mehr Krieg führen kann.

Daher verhallten die Einwände von Arnulf Baring und zahlreicher amerikanischer Ökonomen gegen den Euro als Gemeinschaftswährung – ohne gleichzeitig die fiskalpolitischen Rahmenbedingungen zu schaffen – ungehört. Was als Friedensprojekt gedacht war, droht zum Spaltpilz für die europäische Integration zu werden.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Zum Thema, Fazit 92 (Mai 2013)

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