Tandl macht Schluss (Fazit 222)
Johannes Tandl | 15. Mai 2026 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 222, Schlusspunkt
Zu viel Gesinnung. Und zu wenig Erwin Zankel. Vor drei Wochen ist Erwin Zankel verstorben. Der große steirische Journalist, der es nach seinem Jus-Studium vom ÖVP-Pressereferenten bis zum Chefredakteur der Kleinen Zeitung gebracht hatte. Ich durfte ihn bei mehreren Gelegenheiten besser kennenlernen. Und ich erinnere mich noch gut an sein Anforderungsprofil für Journalisten, das er mir bei einer zufälligen Begegnung in einer Skihütte vermittelt hat: »Ein guter Journalist muss etwas Ordentliches studiert haben. Sonst ist das immer eine halbe Sache.« Und mit »etwas Ordentliches« meinte er ausdrücklich nicht Publizistik oder etwas ähnlich Einschlägiges.
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Zankels Ansinnen war es nie, den Lesern oder den Kollegen zu gefallen. Oder gar ihnen zu zeigen, was für ein guter Mensch er ist. Es ging ihm immer um die Story. Die hat er nach seiner Recherche und seiner Reportage durchaus auch persönlich in einem Folgekommentar bewertet. Doch bevor er kommentierte, musste er wissen, was passiert ist. Die meisten Leute, die heute in den Redaktionen sitzen, wissen das im Grunde schon, bevor sie ernsthaft zu recherchieren und zu schreiben begonnen haben.
Und damit arbeiten sie am großen linken Projekt, die ganze Welt zu einer moralischen Matrix zu machen, mit. Es gibt die Guten und die Bösen. Und es gibt Leser, die erzogen werden müssen. Damit steht die Kleine – immer noch meine Lieblingszeitung – natürlich nicht allein. Der Personalstand der überlebenden Zeitungen hat sich in den letzten Jahren zwar in etwa halbiert und weitere massive Einschnitte werden folgen müssen. Trotzdem wirken die »Restredaktionen« wie Wohngemeinschaften für Gesinnungshygiene.
Man sagt Diversität und meint Konformität, natürlich keine politische. So würde man das nie nennen. Man nennt es Haltung. Haltung ist das Wort, das immer dann fällt, wenn einer neutral sein sollte, es aber nicht aushält, auch über die anderen ausgewogen berichten zu müssen. Daher hat man für Andersdenkende den Begriff »die Rechten« neu kategorisiert. Es ist erstaunlich, was inzwischen alles in den Begriff »rechts« hineinpasst. Wer für strengere Migration ist, ist rechts. Wer findet, dass ein Staat seine Grenzen kontrollieren sollte, ist natürlich auch rechts. Und wer das Gendern unerquicklich findet, ist es erst recht. Selbstverständlich sind auch all jene rechts, die den klimapolitischen Kurs der EU für reine, aber extrem teure Symbolpolitik halten.
Dabei halten sich Journalisten, die nichts mehr fürchten, als selbst definierte rechte Narrative zu bedienen, meist nicht einmal für links. Sie halten sich für ganz normal. Man ist ja nur vernünftig, menschenfreundlich und leider gezwungen, ständig gegen rechts zu sein. Bei jedem Thema. Inzwischen sogar beim Wetterbericht!
Die Hörer, Seher und Leser draußen merken natürlich, was los ist. Sie sind ja nicht blöd. Sie sehen, dass über manche Gruppen berichtet wird wie über bedrohte Pandababys und über andere wie über falsch entsorgten Restmüll. Migration ist so ein Beispiel. Seit Jahren überall derselbe Eiertanz. Wenn ein Problem nicht mehr zu leugnen ist, wird es in Watte gepackt. Möglichst keine Wahrheit, die den Falschen nützen könnte. Möglichst keine Nennung der Herkunftsländer von Straftätern und natürlich so gut wie keine Berichte über Gruppenvergewaltigungen, KO-Tropfen-Attentate und ähnliche Vorfälle, für die vorwiegend außereuropäische Migranten verantwortlich sind. Man berichtet nicht mehr einfach, was ist. Man prüft erst, ob die Wirklichkeit zumutbar ist.
Auch der ORF hat sich längst zu einer zwangsgebührenfinanzierten Hoheitszone der ausgewogenen Einseitigkeit entwickelt. Und viele Leute, die dort arbeiten, halten das eigene Milieu inzwischen für die Realität in unserer Republik. Das Publikum reagiert darauf mit bemerkenswerter Undankbarkeit. Es läuft weg. Es kündigt. Es klickt woanders hin. Es sucht sich Medien, die wenigstens offen voreingenommen sind, statt neutral zu tun und dabei mit erhobenem Zeigefinger zu senden. Und inzwischen jammern die Haltungsjournalisten über die von ihnen geschaffenen Parallelöffentlichkeiten. Dass kaum ein Journalist die steirischen ÖVP-Spitzen so sehr geärgert hat, wie Erwin Zankel, obwohl er aus seinem Konservatismus und seinem früheren Parteijob nie ein Hehl machte, sagt mehr über echten Journalismus aus, als tausend Bekenntnisse zur Haltung.
Tandl macht Schluss! Fazit 222 (Mai 2026)
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