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Qualität und Quote

| 24. April 2013 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 92, Fazitgespräch

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Es gibt für Journalisten kaum etwas Schlimmeres, als ein Interview mit einer Frage oder einem Thema zu beginnen, das schon von anderen Kollegen im Übermaß strapaziert wurde. Das Problem im Fall von Christa Neuper: Durch ihre konsequente Sachlichkeit und eine kontrollierte Zurückhaltung gegenüber den Schlagzeilen suchenden Medien gibt es keinen anderen plausiblen Einstieg als die Tatsache, dass sie nach 246 männlichen Rektoren die erste Frau an der Spitze der über 400 Jahre alten Grazer Universität ist. Und das scheint auch die Rektorin der größten steirischen Uni zu wissen. Nachdem die erste Frage noch nicht einmal gestellt ist, lächelt sie schon über das Thema hinweg – und lässt im Laufe des Interviews erkennen, dass spätestens zum Ende ihrer Amtsperiode mehr als das Mascherl von der ersten Frau im Rektorsamt der Karl-Franzens-Universität bleiben soll.

::: Hier können Sie das Interview im Printlayout lesen: LINK

Frau Neuper, es fällt bei aller Mühe schwer, das Interview mit etwas anderem zu beginnen als der immer wiederkehrenden Feststellung, dass Sie die erste Rektorin der Karl-Franzens-Universität Graz sind. Nervt Sie das?
Am Anfang gab es eine gewisse Aufregung um diese Tatsache und es haben mich sehr viele darauf angesprochen, wie ich mich damit fühle. Inzwischen ist das zur Normalität geworden. Wir haben in Österreich bereits drei andere Rektorinnen und in Innsbruck wurde inzwischen eine weitere gewählt.

Trotzdem beginnen auch aktuelle Artikel über Sie mit dieser Einordnung. Nehmen Sie das nicht als Kritik wahr, dass Sie immer in diese einfachste und erste Schublade gesteckt werden?
Zu Beginn war das schon gewöhnungsbedürftig und ich musste einsehen, dass ich als erste Rektorin ein gewisser Bruch in der Tradition bin. Wenn man sich die Ahnengalerie der Rektoren in unserer Aula ansieht, wird das schnell deutlich. Mittlerweile ist die Sacharbeit längst im Vordergrund und ich habe nicht den Eindruck, dass es hier an der Universität eine Rolle spielt.

Ein Aspekt Ihrer Sacharbeit steht in engem Zusammenhang mit diesem Thema: Zu Beginn Ihrer Amtszeit lag der Frauenanteil unter den Professoren bei 23 Prozent. Sie wollten – ohne sich auf einen Zeitplan festzulegen – diesen Anteil verdoppeln. Wie weit sind Sie damit nach den ersten anderthalb Jahren?
Sie müssen bedenken, wie viele neue Berufungen man in dieser Zeit schaffen kann. Und dann hängt das natürlich immer von der Situation bei den Bewerberinnen und Bewerbern ab, von den Berufungsverhandlungen. Wir werden künftig auch weiter versuchen, möglichst viele Frauen zu finden, aber das primäre Kriterium sind natürlich die Anforderungen für die jeweilige Professur.

Gibt es schon eine Steigerung beim Anteil der Professorinnen?
Nein, eine Steigerung gibt es noch nicht.

Bei den Studierenden, im Mittelbau und auch im Universitätsrat liegt der Frauenanteil jeweils über 50 Prozent. Nur bei den Professuren bleibt die gläserne Decke bestehen. Was können Sie in Ihrer Funktion als Rektorin für Ihr eigenes Ziel tun?
Das spielt sich auf vielen Ebenen ab. Wir beginnen bereits damit, Nachwuchswissenschaftlerinnen zu Beginn ihrer Karriere zu fördern und nicht erst dann, wenn man versucht eine Professur neu zu besetzen. Bei uns an der Uni Graz sind etwa zwei Drittel der Absolventen weiblich und dann ist die Frage: Wie geht es weiter? Vom Doktorat über die Post-Doc-Jahre bis zur Habilitation oder Professur. Auf diesem Weg gehen uns die Frauen verloren. Und da versuchen wir mit einer Vielzahl von Maßnahmen etwas zu verändern. Es gibt spezielle Doktoratsstipendien für Frauen und wir fördern Nachwuchsforscherinnen vor allem in den »typisch männlichen« Bereichen der MINT-Fächer. In unserem Nawi-Graz-Projekt haben wir das auch in der aktuellen Leistungsvereinbarung mit dem Bundesministerium wieder verankert. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss besser werden. Das gelingt zum Teil mit flexibleren Arbeitszeiten und der Unterstützung bei Kinderbetreuung.

Wann erhoffen Sie sich die ersten zählbaren Erfolge?
Also bei den Habilitationen ist es schon etwas besser geworden, aber bei den Neubesetzungen geht das naturgemäß langsamer. Wir setzen dafür auch finanzielle Anreize für Fakultäten, die sich in dieser Frage besonders hervortun. Leider stehen wir manchmal vor der Situation, dass potenzielle Professorinnen aus familiären Gründen dann doch nicht den Schritt nach Graz gehen, weil die Familie eben nicht der Frau an den neuen Berufsstandort folgt.

Da werden Sie als Rektorin kaum eingreifen können.
Es gibt viele Faktoren. Dort, wo ich etwas tun kann, versuche ich es.

Sie haben gesagt, es gibt finanzielle Anreize für Fakultäten, die mehr Frauen einstellen. Wie kann ich mir das vorstellen?
Es gibt einen Budget-Indikator, der genau darauf abzielt. Besonders ausgewogene Geschlechterverhältnisse zwischen Studierenden, wissenschaftlichem Nachwuchs sowie Habilitierten und Professorinnen werden belohnt. Insgesamt ist das mit 10.000 Euro dotiert.

Und es gibt keine Beschwerden von männlichen Kollegen?
Ich denke, das ist gerechtfertigt. Wenn man Ziele erreichen will, muss man auch Anreize setzen.

Sie waren immer gegen eine gesetzliche Frauenquote. Hat sich Ihre Haltung geändert, weil Einzelmaßnahmen nicht so schnell greifen, wie Sie es sich wünschen würden?
Da hat sich meine Einstellung nicht geändert. Ich denke, dass man langfristig auf diesem Weg ans Ziel kommt. Oft scheitert es auch daran, dass sich für manche Funktionen keine Frauen bewerben. Wir haben momentan zum Beispiel nur eine einzige Dekanin.

Eine andere Quote wurde im letzten Profil aufgegriffen, und zwar jene der deutschen Professoren an österreichischen Universitäten. 30 Prozent der Professuren sind inzwischen mit deutschen Staatsbürgern besetzt. Verkürzt gesagt sind also mehr Deutsche als Frauen in dieser Position. Sehen Sie darin ein Problem?
Nein, überhaupt nicht.

Dann frage ich anders: Sehen Sie, dass Kolleginnen und Kollegen damit ein Problem haben könnten? Solche Artikel entspringen ja meist einer gewissen Unzufriedenheit.
Für die Universität Graz kann ich keine Probleme erkennen. Die Besetzung ist bei uns sehr ausgewogen und wir arbeiten daran, dass es nicht zu viele Hausberufungen gibt. Gerade in den Naturwissenschaften versuchen wir eine stärkere Internationalisierung, das geht aber über Deutschland hinaus, weil wir immer mehr englischsprachige Lehrveranstaltungen anbieten wollen. Das gilt vor allem in den Master- und Doktoratsstudien.

In Deutschland werden die Zugangsbeschränkungen tendenziell ausgebaut. Es gibt immer mehr Fächer mit Numerus clausus und immer strengere Anforderungen. Sehen Sie da perspektivische Schwierigkeiten für die Kapazitäten österreichischer Universitäten?
Natürlich beobachten wir genau, wie sich das entwickelt. In der Psychologie hatten wir das Thema bereits und mit den dort beschlossenen Zugangsregeln haben wir bislang eine gute Mischung.

Eine Rot-Weiß-Rot-Quote wie in der Medizin wird nicht nötig sein?
Es ist in Graz wahrscheinlich auch aus geografischen Gründen etwas unproblematischer als zum Beispiel in Salzburg. Dort ist der Anteil an deutschen Studierenden schon sehr hoch. Bei uns machen alle eine Eignungsprüfung für Psychologie und es wird ausschließlich nach Leistung gereiht. Das wäre aus meiner Sicht auch die ideale Lösung für andere Bereiche. Nachdem ich selbst an diesem Institut war, konnte ich sehen, wie gut sich das bewährt.

Wenn wir uns die neuste Novelle des Universitätsgesetzes anschauen, scheint damit der endgültige Abschied vom freien Hochschulzugang beschlossen zu sein. Es gibt eine »Kapazitätsorientierung«, also eine politische Festlegung auf eine anzubietende Zahl von Studienplätzen und damit verbunden auch das Recht auf Zugangsbeschränkungen. Begrüßen Sie diese Lösung?
Im Grunde genommen begrüße ich die Idee, über die Anzahl an Studienplätzen zu sprechen. Wir können ja keine unendlich große Zahl an Studienplätzen anbieten, weil die Ressourcen und das Budget eine Beschränkung darstellen. Für mich ist der einzig denkbare Weg, die Studierenden nach ihrer Eignung auszuwählen. Was ich bei der Umsetzung vermisse, ist der Umstand, dass es in der aktuellen Form nicht wirklich zu einer Auswahl und Limitierung von Studienplätzen kommen wird. Die Zahlen, die im koalitionären Kompromiss festgelegt wurden, sind zum Teil höher als vorher. Wir haben eigentlich ein Problem dazubekommen, aber man kann es zumindest als politischen Erfolg sehen, dass über die Kapazitäten der Universitäten gesprochen wird. Eine ehrliche Orientierung an den Kapazitäten fehlt mir aber.

Das beste Beispiel für Graz ist sicher der Studiengang Pharmazie. Das Ministerium sieht 1.370 Studienplätze für ganz Österreich vor, 390 davon in Graz. Das wird sich mit den derzeitigen Laborplätzen kaum ausgehen.
Wir haben derzeit 60 Laborplätze, da ist ein Flaschenhals vorprogrammiert. Es geht ja nicht nur um den physikalischen Platz, sondern auch um das betreuende Personal. Und im Pharmazie-Studium hat man ab dem dritten Semester ständig im Labor zu tun. Dort gibt es automatisch Stehzeiten, wenn wir zu viele Studierende haben, und mit der aktuellen Variante wird das nicht besser. Das Ministerium hat zusätzliche Mittel von zwei Millionen Euro in Aussicht gestellt, damit könnten wir auf 80 Laborplätze und deren Betreuung aufstocken. Das ist möglich. Ich stelle mir aber die Frage, ob es darüber hinaus überhaupt sinnvoll ist, in weitere Plätze zu investieren …

Weil wir weder in Graz noch in Österreich so viele Pharmazeuten brauchen?
Die Apothekerkammer spricht österreichweit von 250 Absolventen, wenn wir hier in Graz 100 Studienanfänger im Jahr hätten, könnten wir diese gut betreuen, ohne dass es zu langen Wartezeiten kommt. Wenn wir jetzt fast 400 Studierende nehmen, von denen dann viele während des Studiums wegfallen oder im Anschluss keine Arbeit finden, dann empfinde ich das als Vergeudung von Lebenszeit junger Menschen.

Haben Sie mit der aktuellen Gesetzesnovelle eine Möglichkeit, die Plätze strenger zu reglementieren, als es politisch gewünscht ist?
Nein, mit den Auffüllregelungen, die es gibt, muss die Universität alle Studienwerber bis zu dieser Zahl aufnehmen.

Ich bin kein Jurist, aber ich meine, ein paar Grauzonen entdeckt zu haben, die strenger ausgelegt werden könnten.
Das ist richtig, das Gesetz ist an einigen Stellen ein Schnellschuss. Auf diese Details will ich aber jetzt nicht eingehen.

Gehen Sie davon aus, dass diese Novelle über die Nationalratswahl im Herbst hinaus ihre Gültigkeit behält?
Die Novelle zur Zugangsregelung ist von sich aus schon auf Zeit ausgelegt und müsste 2015 aktiv verlängert werden – oder sie läuft aus. Auf die Spekulation, was dann passiert, will ich mich aber gar nicht erst einlassen.

Täuscht der Eindruck oder versuchen Sie, sich aus der öffentlichen Diskussion um diese Themen herauszuhalten?
Über die Universitätenkonferenz – ich bin dort Mitglied des Präsidiums – sind wir eng in diese Diskussion eingebunden. Inwiefern eine mediale Diskussion zielführend ist, weiß ich nicht. Ich sehe da nicht den Hebel, um etwas Sinnvolles zu bewegen.

Im Mai stehen die nächsten Wahlen der Hochschulvertretungen (ÖH) an. Hat der Ausgang dieser Wahlen einen Einfluss auf die Frage der Zugangsbeschränkungen?
Das wird eine Frage der Konstellation sein. Sowohl was die ÖH betrifft, vielmehr aber was die nächste Nationalratswahl im Herbst betrifft.

Spielt die ÖH noch eine politische Rolle an der Universität – neben ihrer Aufgabe als Serviceorganisation für Studierende?
Ich denke schon. Für unsere Universität kann ich glücklicherweise auch sagen, dass wir nicht diese Gegnerschaft haben wie an manchen Universitäten. Natürlich liegen wir bei einigen Themen nicht immer auf einer Linie, aber wir schaffen es, im Konsens miteinander zu sprechen. Das hat auch die Diskussion im letzten Jahr um die angedachte Einführung von Studiengebühren gezeigt. Vor allem der Vize-Rektor für Studium und Lehre, Martin Polaschek, steht in engem Kontakt und berät sich regelmäßig mit den Vertretern der Studierenden.

Wir haben jetzt schon über die Schwierigkeiten bei den Zugangsbeschränkungen und bei der Finanzierung gesprochen. Mit einem Blick auf die vergangenen anderthalb Jahre: Hätten Sie sich das Amt der Rektorin so mühsam vorgestellt?
Ich muss Sie da korrigieren, ich sehe das nicht so mühsam. Natürlich sind die Kämpfe um mehr Freiheit und mehr Geld nicht leicht, aber sie sind auch nicht neu. Bei der Frauenquote stehen wir im österreichischen Vergleich auch sehr gut da. Und mit der letzten Leistungsvereinbarung mit dem Ministerium konnten wir vieles auf den Weg bringen, was jetzt begonnen wird umzusetzen.

Die finanzielle Situation ist nicht so fatal wie bei einigen Wiener Universitäten, die im Millionenbereich verschuldet sind?
Nein, wir stehen finanziell auf soliden Beinen und können im Rahmen unserer Möglichkeiten Impulse setzen. Da ist doch einiges möglich.

Wie schwierig war für Sie der Wechsel von der Forscherin zur Rektorin – bildlich gesprochen: vom klischeehaften Elfenbeinturm ins Management?
Das ging relativ rasch vonstatten und es war natürlich ein Vorteil, dass ich selbst aus der Forschung komme. Ich stand im Hörsaal und weiß, was dort läuft, ich weiß, was wir im Haus brauchen. Natürlich hat sich meine Tätigkeit aufs Management verlagert, aber es ist schon lange nicht mehr so, dass Forscher im Elfenbeinturm leben. Forschungsmanagement ist ein großes Thema, das Ansuchen um Förderungen, die Genehmigung von Projekten – das kam mir schon alles auch zugute.

Trotzdem bekleiden Sie jetzt ein Amt, das relativ eindeutig vorgibt, welche Aufgaben Sie haben. Hatten Sie als Forscherin nicht mehr Freiheiten bei der Themensetzung?
Natürlich, da sucht man sich als Forscherin das, was einen interessiert, aber das ist nicht wirklich vergleichbar mit den Aufgaben einer Rektorin. Bis jetzt hatte ich keinen Grund, meinen Wechsel zu bereuen.

Ist es in Ihrem Feld, der Hirnforschung, möglich noch einmal als Forscherin zurückzukehren?
Die Forschungstätigkeit verlernt man ja nicht und auch wieder in die Lehre einzusteigen kann ich mir sehr gut vorstellen. So ganz ziehen die Themen aus meinem Forschungsbereich nicht vorbei. Ich kann vielleicht zur Zeit keine aktive Forschung mehr betreiben, aber am Ball bleiben muss möglich sein und ist es zum Glück auch.

Sie haben die Universität jetzt als Studentin, Lehrende und Rektorin kennengelernt – haben Sie schon eine Antwort auf die Frage gefunden, wofür eine Universität da ist?
Ich denke, dass eine Universität einerseits als Ausbildungsinstitution nicht wegzudenken ist und durchaus für viele Berufe ausbildet. Wir schaffen aber auch ein Angebot für Bildung im nicht unmittelbar beruflich anwendbaren Bereich. Das ist gesellschaftlich höchst relevant. Und ich sehe die Universität auch als wichtigen Ort für Forschung, als einen Platz, wo neues Wissen generiert wird. Ich weiß nicht, wie eine Gesellschaft funktionieren könnte, wenn es das nicht gäbe.

Frau Neuper, vielen Dank für das Gespräch.

Christa Neuper wurde 1958 in Graz geboren. Sie absolvierte das Studium der Psychologie an der Universität Graz, promovierte 1984 und habilitierte sich an gleicher Stelle 2002. 2009 übernahm sie die Leitung des Instituts für Psychologie der Karl-Franzens-Universität. 2011 wurde sie schließlich zur Rektorin ihrer Heimatuniversität gewählt.

Fazitgespräch, Fazit 92 (April 2013) – Foto: Marija Kanizaj

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