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Die schlechte Literatur der guten Menschen

| 29. Mai 2013 | Keine Kommentare
Kategorie: Editorial, Fazit 93

Die Grünen in der Bundesrepublik Deutschland werden von ihrer eigenen Geschichte eingeholt. Die erst zu Jahresanfang 1987 aufgelöste Arbeitsgruppe »Schwule und Päderasten« (kürzer und netter »SchwuP«) war in den Anfangsjahren der bundesdeutschen Grünen eine (wie die letzten Erkenntnisse zeigen) doch nicht ganz unbedeutende Gruppierung innerhalb der Partei und setzte sich für Rechte der Homosexuellen ein sowie für jene, die das Schutzalter zur Ausübung (freiwilliger) Sexualität herabsetzen wollten.

Die kinder- und familienpolitische Sprecherin Katja Dörner und der menschenrechtspolitische Sprecher (jeweils der Bundestagsfraktion) Volker Beck haben verlauten lassen, es hätte im Umgang mit Pädophilie »nie Beschlüsse gegeben«. Laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen (19.5.) stimmt dies aber nicht. Auf einem Parteitag in Lüdenscheid im März 1985 wurde das Arbeitspapier »Sex-ualität und Herrschaft« ins Programm der Grünen für die nordrheinwestfälische Landtagswahl aufgenommen. Und darin heißt es, jede Form des gewaltfreien Sexualverkehrs, auch jener zwischen Kindern und Erwachsenen, müsse straffrei bleiben. Gut, diese Beschlüsse sind dankenswerterweise folgenlos geblieben und die Arge »SchwuP« löste sich, wie erwähnt, Anfang 1987 auf.

Aber auch das grüne Urgestein Daniel Cohn-Bendit kam dieser Tage (nachdem 2001 seine fragwürdigen Äußerungen aus den Siebzigern und Achtzigern schon eine kleine Runde machten) wieder ins Gespräch. In einem aktuellen Interview zeigte sich Cohn-Bendit kleinlaut, bot die Umstände der Zeit als Erklärung an und bezeichnete seine kruden Textpassagen (aus dem Buch »Der große Basar«) schlicht als »schlechte Literatur«. Das soll er tun. Und selbstverständlich unterstelle ich diesem grundsätzlich respektablen Politiker keine strafbare Handlung.

Nur müssen sich auch die sonst immer nur »guten« Grünen schon den Vorwurf gefallen lassen, dass sie nun eben einige dunkle Passagen in ihrer Geschichte aufzuarbeiten haben. Und das wäre an sich nichts hier Bemerkenswertes, wenn nicht schon wieder die linksdominierte Medienszene (ob bundesdeutsch oder in Österreich) reflexartig wie berechenbar reagieren würde. Etwa schreibt Armin Thurnher im Falter, »den Rufmordversuch der deutschen Rechten an Cohn-Bendit kann man nur als Schweinerei« bezeichnen. Niemand betreibt hier Rufmord! Niemand wirft Cohn-Bendit mehr vor, als das, was er selbst und eigenhändig (und nie bestritten) verzapft hat. Und das ist, mit Verlaub, zumindest fragwürdig. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Editorial, Fazit 93 (Juni 2013)

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