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Zur Lage (59)

| 26. Juni 2013 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 94, Zur Lage

Dann doch nichts über »Fat Acceptance« und »Lookism«, ein wenig über die NSA und zu wenig über einen Brief.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Diesmal möchte ich mich mit Ihnen ein bisschen über »Fat Acceptance« und »Lookism« unterhalten. Also unterhalten wäre etwas überzogen, ging es mir doch  nur darum, herauszubekommen, ob es überhaupt möglich ist, einen annähernd sinnvollen Satz mit den beiden dummfugischen Begriffen »Fat Acceptance« sowie »Lookism« zu bilden. Mehr getraue ich mich aber gar nicht hier dazu zu schreiben, habe ich mir doch schon auf »Twitter« (eine Art Facebook für 140 Zeichen) erlaubt, meinen offenbar etwas zu geringen Respekt vor »Fat Acceptance« kleinlaut werden zu lassen.

Umgehend erhielt ich dort Direktnachrichten, die mich darüber aufklärten, ich solle meine Position zu »Fat Acceptance« und »Lookism« offenlegen, da man mit rassis-tischem Gedankengut nichts anfangen könne. Das kann ich jetzt zwar auch nicht, allerdings erscheint mir die Thematik nun zu heikel, als dass ich mir gestatten würde, hier so allzufreies Denken weiterzuführen. Gut, falls in Straßburg am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte schon gegen mich ermittelt wird, bin ich guter Dinge, die Anklageschrift vor Zustellung an mich im Falter lesen zu können. Weil der Falter ja im Unterschied zur NSA über Zugang zu  wirklich brisanten Daten verfügt und sich nicht mit den ganzen Google-Mails und sonstigen Kindereien herumschlagen muss.

Apropos NSA. Friedensnobelpreisträger, Guantánamochef und US-Präsident Barack Obama war ja dieser Tage in Berlin. Und hat in einer beeindruckenden Rede wieder einmal die Vorzüge der Freien Welt gepriesen. Das Ganze aus einer Art Panzerglas-Aquarium heraus. Angela Merkel und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hatten sich mit ihm in diesem Plastikkäfig eingestellt und auch was zu sagen. Dabei hat vor allem die Bundeskanzlerin mit ihrer – mich ebenfalls beeindruckenden – Wortmeldung umgehend Spott und Hohn aus der Parallelwelt der »sozialen« »Netzwerke«, dem Internet, geerntet. Dort machte man sich lustig darüber, dass Merkel das Internet (verkürzt) als »Neuland« bezeichnet hat. Den ganzen Oberschlauzis im Netz fehlt halt die Vorstellungskraft, dass nicht jeder Mensch seinen Vormittag damit verbringt, in allen Onlineforen Nachschau zu halten, ob wohl keine abweichenden Meinungen festzustellen sind. Aber egal. Was die Kanzlerin gemeint hat, sind die vielen rechtlichen Nüsse, die dieses grenzenlose Medium nun mal zu Knacken hervorgebracht hat. Etwa am Beispiel »NSA-Prism-Überwachung«.

Gregor Gysi kann noch so smart in die Kamera lachen, wenn es durch US-Gesetze gedeckt ist, dass US-Unternehmen (wie eben Google, Yahoo oder Apple) ihre Daten der nationalen Sicherheitsbehörde zur Verfügung stellen müssen, dann wird das welche europäische Regierung auch immer nicht so einfach abstellen können. (Außerdem ist ja kein Europäer verplichtet, via Googleplus oder Facebook seine Jugend- oder schlimmere Fotos wie Sünden einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.) Und so gesehen hat sie mehr als Recht mit dem »Neuland«, denn natürlich sind die Vorgänge rund um die NSA und das Netz in letzter Konsequenz nicht nur wünschenswert.

Eigentlich wollte ich auch noch etwas über die Efgani-Dönmez‘schen One-Way-Tickets und die Peter Pilz‘sche Gewissensprüfung verlieren, hab aber kaum noch Platz für einen der bewegensten Momente heimischer Zeitungsgeschichte der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte: Den Brief an die Maturanten des sehr geschätzten Frido Hütter in der Kleinen Zeitung von vor ein paar Tagen. Das hat mich so ergriffen gemacht, dass ich jetzt wirklich traurig bin, nicht näher auf diesen »Leitfaden für junge Menschen« hier eingehen zu können. Was sich noch ausgeht, ist mein Postskriptum, wenn ich so sagen darf, welches ich all den jungen Menschen ans Herz lege:

Liebe Maturanten! Rettet nicht die Welt, sondern putzt Euch die Schuhe. Seid höflich zu Euren Mitmenschen und vermeidet – wenn es geht – Tattoos, macht vielleicht noch zusätzlich eine Lehre, studiert jedenfalls nichts auf der Gewi, twittert nicht, sondern bloggt von mir aus, schmeißt keine Lebensmittel weg, macht keinen Urlaub auf Pump, feiert viel, aber nur donnerstags und am Wochenende, sauft ausreichend, aber nur soviel, dass Ihr Euch am nächsten Tag noch erinnern könnt und macht vor allem Eure eigenen Fehler und lasst Euch um Gottes Willen nicht von Altachtundsechzigern Ratschläge erteilen. Und reist viel; aber nicht zu viel. Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Matura! Im Übrigen bin ich der Meinung, dass eine große Koalition dem Lande nicht nutzen kann.

Zur Lage #59, Fazit 94 (Juli 2013)

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