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Bachmannpreis? Abschaffen!

| 24. Juli 2013 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 95, Kunst und Kultur

Foto von Johannes Puch/TDDL

Keine Literaturkritik Tatsächlich hätte man kurz vor Beginn des heurigen Bachmannpreises – den 37. Tagen der deutschsprachigen Literatur – in romantischer Verklärung gegen die im Raum stehende Abschaffung protestieren können.

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Der automatische Reflex jede Programmänderung des ORF, jede Reduktion des dürftigen Kulturprogramms kritisch abzulehnen, hat diesmal aber in die Irre geführt: Denn der Lesewettbewerb in Klagenfurt hat einmal mehr verdeutlicht, warum diese 90er-Jahre-Castingshow für Schriftsteller eben doch überflüssig ist.

Durchschnittlich 3.000 Österreicher sahen den Wettbewerb im Fernsehen, der Marktanteil lag unter einem Prozent. Doch geringes Interesse muss noch kein Grund sein, eine renommierte Veranstaltung abzuschaffen. Die Kosten von 350.000 Euro, die ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz angeführt hat, sind es aber ebenso wenig. Ein lächerlicher Anteil von 0,035 Prozent am jährlichen Umsatz. Billigeres Fernsehen dürfte es nur mit Testbild geben. Warum der Wettbewerb trotzdem abgeschafft gehört, hätte bei all dem Gerede zwischen 3. und 7. Juli gesagt werden können und müssen. Hätte. Es hat sich nur niemand getraut. Nicht einmal Alexander Wrabetz. Der Generaldirektor des ORF hat sich stattdessen nicht entblödet, mit gönnerischem Pathos vor der Preisverleihung zu verkünden: »Der Bachmannpreis bleibt.« Und das anwesende Publikum war sich nicht zu schade, dem in Personalunion von Henker und rettendem Boten auftretenden »Super-Alex« frenetisch Beifall zu zollen. Mehr Beifall, als bei all den Lesungen der vorherigen Tage je gezollt wurde. Eine inhaltliche, eine literaturbezogene Begründung, warum der Bachmannpreis bleiben muss, die war an diesen Tagen hingegen kaum zu finden. Stattdessen die gleichen ermüdenden Riten wie in den letzten Jahren, das gleiche erbärmliche Rahmenprogramm.

Von all den Floskeln, die bei solchen Veranstaltungen versprüht werden, muss man nicht schreiben. Das alljährlich bis zum Erbrechen wiederholte Bachmann-Zitat von der zumutbaren Wahrheit wurde einmal mehr so abgeseiert, als hätte Ingeborg Bachmann sonst nichts hervorgebracht. Aber gut, das oft belächelte Idyll am Wörthersee konnte sich immerhin für ein paar Tage vom Ruf der latenten Dümmlichkeit distanzieren. Obwohl literarisch wieder einmal vieles nach einwöchigen Schreibkursen zur Selbstfindung klang und die Jury-Urteile (mit Ausnahmen) permanent den Verdacht hervorriefen, vor allem die Befriedigung der jeweils eigenen Erwartungen zu belohnen. Es passierte also genau das Gegenteil von dem, was einen Nachwuchswettbewerb, wie es der Bachmannpreis längst geworden ist, ausmachen sollte.

Die Peinlichkeit gipfelte schließlich darin, dass die Juroren, weil doch in so unübersichtlicher Anzahl – sieben – vorhanden, ihre Stimme bei der Preisvergabe erst auf ein iPad tippen mussten, um sie dann zu erheben. Nur damit Christian Ankowitsch als Moderator jedes Mal verkünden konnte, dass er das Ergebnis schon weiß, aber es natürlich noch nicht sagen wird. Wüsste man es nicht besser, man könnte es für eine Satire der »Großen Chance« halten. Längst ist jeder Poetry Slam stilvoller inszeniert und bringt zusätzlich so manche literarische Überraschung.

Dieses ganze Klagenfurter Lesetheater ist so beschämend, so kafkaesk in seinem Kontrast zu den explizit hochkulturellen Ansprüchen an die Literatur, dass man sich tatsächlich wünschen muss: Befreit den Bachmannpreis vom ORF. Vielleicht wird dann mehr daraus.

*

Aus aktuellem Anlass empfehlen wir den Nicht-Bachmannpreis-Gewinner von 1983, Rainald Goetz: Irre. Roman. Suhrkamp 1983. Sowie Marcel Reich-Ranicki, langjähriger Jury-Vorsitzender: Die Anwälte der Literatur. dtv 1996

::: bachmannpreis.eu

Kunst undsoweiter, Fazit 95 (August 2013) – Foto: Johannes Puch/TDDL

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