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Pferde heilen

| 20. Dezember 2013 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 99, Fazitportrait

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Dass Gudrun Dietrich ihre Liebe zum Beruf macht, war nur eine Frage der Zeit. Mit fünf Jahren hat sich die ausgebildete Psychotherapeutin und Pädagogin zum ersten Mal auf ein Pferd gesetzt. Heute unterstützen ihre Tiere sie dabei, Kindern und Jugendlichen zu helfen und sie zu verstehen.

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Es gibt Dinge, die gehören zusammen, und wenn man Gudrun Dietrich auf ihrem kleinen Pferdehof in Stattegg besucht, dann merkt man schnell, dass das auch hier der Fall ist. Denn dass Tiere in Dietrichs Leben schon immer eine große Rolle gespielt haben, erkennt man in wenigen Augenblicken. Keine Frage also, dass die Psychotherapeutin bemüht ist, die Tiere – von der kleinen unruhigen Wachtel bis zum gutmütigen Islandpferd – mit ihrem Beruf zu verbinden.

Pferde als Spiegel
Therapie und Tiere. Das ist schon seit Langem ein Erfolgskonzept. Hunde, Delphine und viele andere Tiere werden mit großem Erfolg in der Physio-, aber auch in der Psychotherapie eingesetzt. Dass man Pferde auch in der Psychotherapie einsetzen kann, ist in Graz aber noch ein relativ neues Konzept. »Dabei sind Pferde perfekt für die Therapie geeignet. Sie können unglaublich gut spiegeln. Das heißt, sie geben das wieder, was Menschen in ihrer Umgebung gerade fühlen«, erklärt Dietrich, die ihre Pferde selbst ausbildet. Therapiemöglichkeiten bietet die ausgebildete Psychotherapeutin und studierte Pädagogin für Erwachsene aber vor allem auch für Kinder und Jugendliche an.

Tiere senken Hemmschwelle
Bevor Gudrun Dietrich vor einem Jahr ihre Praxis in Stattegg eröffnet hat, war sie im Landeskrankenhaus Graz als Psychotherapeutin tätig. »Es war aber immer schon ein Wunschtraum, mit meinen Pferden zusammenzuarbeiten. Ich habe schon mit fünf Jahren zu reiten begonnen und seitdem begleiten mich die Tiere«, erzählt die Mutter von zwei Kindern, die sich mit der eigenen Praxis einen Lebenstraum erfüllt hat. Die Pferde seien nämlich gerade bei Kindern und Jugendlichen ein guter Einstieg in die Therapie. Vor allem die Hemmschwelle, überhaupt in die Therapie zu kommen, würde durch die Tiere deutlich sinken: »Naturgemäß wollen Kinder nicht in eine Therapie gehen. Die Pferde erleichtern mir die Arbeit ungemein, denn die Kinder freuen sich auf die Tiere. Der Zugang zu den Kindern erfolgt also viel schneller als in der Klinik und deshalb bin ich überzeugt davon, dass in einem entspannteren Rahmen, etwa im Pferdestall, eine Therapie viel besser funktioniert.« Neben der klassischen Psychotherapie setzt Dietrich ihre Isländer Skuggi, Krümmi, Skrymir auch in der systemischen Familientherapie ein. »Das Pferd ist ein Herdentier und muss sich einem sozialen Gefüge unterordnen. Auch der Mensch lebt in einem sozialen Gefüge. Es spielen immer die Familie und das Umfeld eine große Rolle. Das darf nicht außer Acht gelassen werden, und genau hier setzt die systemische Familientherapie an«, erklärt Dietrich die Verbindung zwischen ihren Pferden und der Therapie. Die Pferde seien aber vielseitig einsetzbar, denn auch die taktile Wahrnehmung kann durch die Arbeit mit den Pferden trainiert werden. »Ein wichtiger Punkt ist die Entwicklung der Körperwahrnehmung, die zum Beispiel bei Essstörungen nicht mehr vorhanden ist. Durch die Berührung und die Arbeit mit den Pferden kann man Körpergrenzen ausloten und ein Selbstbild wieder aufbauen«, ist Dietrich überzeugt.

Pferdespaß und Streichelzoo
Pferde sind nicht nur für die Therapie geeignet, sondern machen auch einfach nur Spaß. Grund genug für Gudrun Dietrich, auch im klassischen pädagogischen Bereich tätig zu sein. Besonders Stadtkinder hätten oft Aufholbedarf beim Umgang mit Tieren und würden enorm vom Angebot profitieren. »Die Kinder wissen manchmal nicht einmal, was eine Maus ist. Es ist sehr wichtig, dass sie auch das lernen«, so Dietrich. In der zweiten Schiene geht es dabei weniger um Therapie, sondern um pädagogische Maßnahmen. In der Tiererlebnis-Pädagogik mit Kindern spricht Dietrich vor allem die Kleinsten an. »Die Pferdespaßkurse sind für ein bis sechs Jahre alte Kinder gedacht. Die würden oft schon gerne reiten lernen, sind aber noch zu klein dafür.« Deshalb habe Dietrich ein Angebot geschaffen, bei dem die Kinder zumindest den Umgang mit den Pferden lernen und sich auch einmal auf die Pferde draufsetzen können. Gemeinsam mit einer zweiten Pädagogin werden kleine Gruppen von maximal sechs Kindern betreut. »Vor allem für Kinder, die nicht in den Kindergarten gehen, ist dieses Angebot wichtig. Acht Mal treffen sich die Kinder innerhalb von zwei Monaten. Sie lernen dabei auch die Dynamik einer Gruppe und den Umgang mit anderen Kindern kennen«, erzählt Dietrich. Besonders beliebt scheint der kleine Streichelzoo zu sein, den Gudrun Dietrich auf ihrem Hof eingerichtet hat. Die Lieblinge der Kinder sind die hyperaktive Wachtel und die Hasen, die sich gerne streicheln lassen. Ein weiteres Highlight ist Cara, die Berner Sennenhündin, die als Therapiehund ausgebildet wird. »Cara ist toll. Sie hat absolut kein Aggressionspotenzial. Da können fünf Kinder an ihr herumziehen und das sechste nimmt ihr das Spielzeug aus dem Maul und sie bleibt trotzdem ruhig«, schwärmt Dietrich. Aber auch die drei Meerschweinchen und die beiden Sittiche Frida und Fred bekommen genug Streicheleinheiten. Die Kinder würden so auch spielerisch den richtigen Umgang mit Hunden und den anderen Tieren lernen. Besonders beliebt sind auch die Programme »Tierkunterbunt« und »Pferdespaß bei den Indianern«. Kein Wunder, dürfen doch die Kinder bei dieser Gelegenheit mit Fingerfarben spielen und auch die Pferde anmalen und dekorieren. Gudrun Dietrich lacht, als sie von den Fingerfarben erzählt: »Eigentlich kommt das Spiel mit den Farben aus der Therapie, aber die Kinder haben unheimlich viel Spaß dabei. Da dachte ich, warum kann man das nicht auch einfach nur der Freude wegen machen?«

Spielerische Nachhilfe
Bei den Spaßeinheiten können die Kinder, die eigentlich den Stadtalltag gewohnt sind, auch einmal draußen sein und schmutzig werden. Bei einer eigenen Putzstation mit Gartenschlauch und Bürsten kann man die Gummistiefel ohnehin wieder von der Erde und dem Mist befreien. Die Eltern dürfen bei den Spaßeinheiten übrigens gerne dabei sein. »Oft kommen Mütter mit ihren noch kleineren Kindern und schauen zu«, so Dietrich.  Aber noch ein zusätzlicher, ganz praktischer Bezug lässt sich beim Spaß mit den Tieren finden. Es wird nämlich auch eine spielerische Nachhilfe für Volksschüler angeboten. Gemeinsam mit dem Pferd lernen die Kinder, sich zu konzentrieren, und lösen auch Rechenaufgaben. Mit einer klassischen Nachhilfe, wo man die Schulbank drücken muss, hat das wenig zu tun. »Wir bemühen uns, dass die Kinder mit dem Lernen etwas Schönes verbinden. Das erhöht die Motivation ungemein«, erklärt Dietrich, warum man besser auf dem Rücken eines Pferdes als hinter der Schulbank lernt. Die Spaßeinheiten sind aber auch ein niederschwelliges Angebot, um das Kind an eine Therapie heranzuführen. »Man kann Vertrauen aufbauen und es sind schon manche Eltern nach dem Pferdespaßprogramm an mich herangetreten und haben auch nach einer Therapiemöglichkeit gefragt«, erzählt Dietrich, die für die Kinder ein ungezwungenes Umfeld schaffen will.

Artgerechte Haltung
Wie bei den Tieren im Streichelzoo setzt Gudrun Dietrich auf besonders gutmütige Tierrassen. »Islandpferde sind die Teddy-Bären unter den Pferden. Sie sind besonders gutmütig und extrem robust. Sie sind auch nicht so groß und daher besonders für Kinder gut geeignet«, erzählt Dietrich. Da sie selbst mit Isländer großgeworden ist und ihre eigenen Pferde selbst ausgebildet hat, weiß sie genau, was man ihren Isländern zutrauen kann. Das heißt auch, dass die artgerechte Haltung besonders leicht fällt. Die Pferde können das ganze Jahr über im Freien bleiben, können sich aber auch jederzeit in den Stall zurückziehen. Auch im Streichelzoo werden die Kleintiere nicht in kleinen Käfigen gehalten, sondern in einem großen, begehbaren Stall. Dadurch haben auch die beiden Sittiche genügend Platz und die Hasen und Meerschweinchen können sich richtig austoben. Manche Dinge gehören einfach zusammen. In dem Fall wohl auch die Tiere vom Streichelzoo von Gudrun Dietrich.
Dippids. Psychotherapie und Pferde
Mag. Gudrun Dietrich
8046 Graz-Stattegg, Hofweg 2a
Telefon: 06502261812
psychotherapie-pferde.at

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Fazitportrait, Fazit 99, (Jänner 2014) – Foto: Michael Neumayr

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