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Melancholischer Jörg Haider

| 22. Dezember 2015 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 119, Kunst und Kultur

Foto: Johannes Gellner

Die deutsche Band Element of Crime komponiert zuerst die Musik. Dann sorgt Sänger und Auch-Autor Sven Regener (»Herr Lehmann«) für Begleitung in Form von bedeutungsschwangeren Texten. Das funktioniert seit 30 Jahren so gut, dass man vor wenigen Wochen in Graz das Orpheum zwei Tage hintereinander bespielte. Mit traditionell-popkultureller Melancholie, die zum Nachdenken anregt.

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Und schon sind wir beim Theater im Bahnhof-Stück »Wahr und gut und schön«. Denn erstens trägt das Stück den gleichen Titel wie eine Element-of-Crime-Nummer und zweitens war zuerst die Idee einer »Komödie rechts der Mitte« und dann der Bedarf nach textlicher Begleitung, für die das Ensemble gemeinsam mit Regisseur Ed Hauswirth bei den Proben sorgte. Ach ja, und ein Drittens gibt es auch noch: Traditionell-popkulturell ist auch Stichwort für das TiB, sieht es sich selbst doch als »Theater zwischen Tradition und Populärkultur«.

Diesmal macht sich das Ensemble in diesem Verständnis mehr an die Bestandsaufnahme des traditionellen Österreichs, vergisst aber nicht auf Populärkultur. Pegida und Identitäre, Geiz und Empathie, Familienstreit und Kleinkariertheit, Stammtischgespräche über Flüchtlinge und Selbstbelügen für besseren Schlaf. Minimalistisch, aber passend inszeniert rund um Darsteller, die ihre eigenen Rollen teilweise wechseln und stetig pausieren, um sie zu hinterfragen. Da gibt es die Tiroler Haushälterin, die reichen Tanten, den suspendierten Polizisten mit Verbindungshintergrund oder die französische Schwägerin. Das Highlight der überzeichneten Protagonisten ist der Mitte-Rechts-Nachwuchs. Ein Videoblogger studentischen Formats, der alle furchtbar stolz macht und liebevoll »der Bub« genannt wird.

Endlich hat die Inszenierung ein großes Problem: Die Handlung ist so flach, dass die Grundaussage der teils humorvoll-unterhaltsamen Dialoge bereits nach dem ersten Viertel des Stücks bei den Theaterbesuchern angekommen ist. Und in der Folge regt dann selbst schauspielerisch-famoses Gegackere der zahlenmäßig weit überlegenen Schauspielerinnen mehr zum Fremdschämen denn zum Szenenapplaus an.

Wobei eine Szene schon noch funktioniert: »Wollts’ ihr wissen, wie der Haider gestorben ist?«, steht bereits auf den Werbeplakaten des Stücks. Und man bekommt, wofür man bezahlt: Die Lösung. »Es war kein Unfall, es war Selbstmord«, sagt die Tante. Wahr? Gut? Oder gar: Schön? Auf jeden Fall eine weitere Parallele zu Element of Crime: Regt zum Nachdenken an. Ganz egal, ob mit oder ohne Melancholie.

Wahr und gut und schön – eine Komödie rechts der Mitte
14. bis 16. Jänner 2016, 20 Uhr
Theater im Bahnhof, 8020 Graz, Elisabethinergasse
theater-im-bahnhof.com

Alles Kultur, Fazit 119 (Jänner 2016, 10/2015) – Foto: Johannes Gellner

 
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