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Mitten im besten Außenministeralter

| 25. März 2016 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 121, Kunst und Kultur

Foto: Diagonale/Pelekanos

Kulturfestivals sind Stimmungsbarometer. Die Diagonale war erfrischender Standard. Für gestern und morgen.

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Da standen sie nun, die Herren im besten Außenministeralter. (Zitat Moderator) Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber. Zwei Herren, die immer als Jungs bezeichnet werden (wo doch Burschen viel schöner wäre) und die gerade mal am 30er kratzen (Schernhuber) oder ihn erst kurz hinter sich haben (Höglinger). Die beiden Jungs (oder eben Burschen) hielten in der ausverkauften List-Halle eine Eröffnungsrede, die schon nach wenigen Sätzen erfrischender war als alles, was an selber Stelle im Vorjahr von Ex-Intendantin Barbara Pichler verlesen wurde.

Es gehört natürlich zum Wesen der Kunst und Kultur in Österreich, dass man sich in einer avantgardistischen Ecke wohlfühlt, in die sich Mainstream selten verirrt. Nun ist es (noch) nicht Mainstream, junge Menschen mit so einer Aufgabe zu betrauen, aber sehr wohl mainstreamiger, woran man Schernhuber & Höglinger in ihrem ersten Jahr messen darf. Das begann beim Eröffnungs-Moderator, der Christoph Maria Grissemann hieß, und endete bei einer Filmauswahl, die nie Niveau vermissen ließ, aber seltenst anstrengend wurde. Das, was die Diagonale im Jahr 2016 mit ihrem Programm bewies, lässt sich am besten im Eröffnungsfilm metaphern: Christine Nöstlingers autobiographisches »Maikäfer, flieg! Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich« ist zeitgenössische österreichische (Kinder- und Jugend-)Literatur, die für jedermensch verständlich ist und dennoch von Anfang bis zum Ende nicht zu wenig intellektuellt. Und weil das weibliche Produzenten-Regieduo Gabriele Kranzelbinder und Mirjam Unger die Geschichte »zwei Drittel lang perfekt, dann fällt die Spannung etwas ab« (Zitat Johannes Silberschneider) auch auf Leinwand bringt, endet eine solche Vorstellung mit frenetischem Applaus.

Mit diesem Zugang funktioniert Diagonale dann so gut, dass am Ende seiner sechs Spieltage voller unterschiedlichster Filmkunst erstmals mehr als 30.000 Besucher gezählt wurden. Nun mögen Zahlen allein kein Qualitätsmerkmal sein und nun mögen Menschen, die sich schon über diese Art von Unterhaltungsform hinübergesehen haben, da oder dort Herausforderung vermissen – und doch erfüllte die Diagonale 2016 so den Anspruch, den das (eine bedeutende und ernstzunehmende) österreichische Filmfestival erfüllen soll. Und so bringen die zwei Diagonaleburschen kulturell Menschen wieder mehr zusammen, während gesellschaftlich aktuell alles eher auseinanderzudriften scheint – nicht zuletzt aufgrund eines alters-alten Establishments, das die Fähigkeit, neu oder anders zu denken, verloren hat. Aber gut, in diesen Zeilen fühlt sich ja auch nur jemand bestätigt, der sich im besten Außenministeralter befindet.

diagonale.at

Alles Kultur, Fazit 121 (April 2016) – Foto: Diagonale/Pelekanos

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