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Brot und Spiele

| 27. April 2017 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 132, Fazitportrait

Foto: Marija Kanizaj

In den letzten sieben Jahren hat sich der weststeirische Bäcker Christian Ofner als »Backprofi« über das Internet ein kleines Backimperium aufgebaut. Abertausende verfolgen seine Brotbackvideos im Netz, besuchen seine Backkurse, kaufen in seinem Webshop ein und seine Bücher auf. Zur ersten Sommerbackshow mit mehr als 500 Zuschauern lädt er am 14. Juni nach Gleisdorf.

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Christian Ofner ist ein Hund*. In erster Linie ein bunter – nicht nur wegen seines grünen Outfits. Das trägt er aus marketingtechnischen Gründen, denn er weiß um den Wert der Wiedererkennung. Also ein berechnender auch noch. Aber in allererster Linie ist Christian Ofner »Der Backprofi«. Und als solcher in der Tat so bekannt wie ein bunter. Wie zum Beweis oder besser wie in einem unglaubwürdig inszenierten Film spielt sich folgende Szene zu Beginn unseres Treffens vor seinem Backshop in Gleisdorf ab: Als backtechnisch gänzlich unbedarfter, klischee- und berufsbedingt kritisch distanzierter Journalist findet man zunächst die beste aller Fotografinnen in einer fraternisierenden Rauchsituation mit dem Backprofi vor – man kennt sich offenbar schon länger –  als plötzlich ein Auto vorfährt. Diesem entsteigt eine Dame, die freitags nach Geschäftsschluss noch eine Ofner-Backmischung einkaufen möchte. Sie erkennt den prominenten Backprofi auch sofort, der zögert nicht lange und holt die gewünschte Ware aus dem Shop, derweil die Dame erzählt, dass ihr Mann ihr am Laptop während des Essens eines der unzähligen Backvideos von derbackprofi.at vorgespielt und damit zum Brotbacken animiert habe. Unwirklich und gestellt wird die Szene aber erst, als die Dame nach der Geschäftsabwicklung etwas zögerlich ihr Handy zückt und um ein Selfie mit Christian Ofner ersucht. Worauf die beste aller Fotografinnen ihre Profiausrüstung zur Seite legt und die winzige fremde Handykamera übernimmt, um den, an derartige Situationen offensichtlich gewohnten Backprofi mit einer Dame in den besten Jahren abzulichten, die ihr eine Faust mit nach oben zeigendem Daumen entgegenstreckt.

* Im Sinne des Millionenshowmasters Armin Assinger und nicht zu verwechseln mit »Hundianer«.

1 Million Klicks, 14.000 Likes
Spätestens in diesem Moment wich der sprühende Charme der Abgeklärtheit des Journalisten einer distanzbefreiten Erleuchtung. So also verändert sich die analoge Realität, wenn es heißt: Der Backprofi hat eine Million Internetklicks. Und er hat mehr als 13.000, bald 14.000 »Likes«. Das ist viel, damit bewegt er Massen – und damit sind nicht nur Tonnen von Mehl gemeint.

Foto: Marija Kanizaj

Ofner: »Man kann sagen, der Umsatz hat sich jedes Jahr verdoppelt. 2010 waren es noch 33.000 Euro, im zweiten Jahr schon 70.000 und im Jahr 2016 waren es 600.000.« Innerhalb von sieben Jahren hat sich der quirlige, offenbar stets gut aufgelegte gelernte Bäcker sein kleines Imperium aufgebaut. Was er macht, klingt einfach: »Ich stelle mein Wissen als Bäckermeister zur Verfügung.« Auf seiner Website, beworben über facebook, erfährt, liest und vor allem sieht man in kurzen erstklassig gemachten Videos Schritt für Schritt, wie man sein eigenes Brot backt – in vielen Varianten und Geschmacksrichtungen – oder ein Vollkornweckerl, eine Semmel, ein Honigreingerl, einen Striezel, eine Osterpinze und Unzähliges mehr. Kurz, bündig, exakt und leicht verständlich, auf freundliche und sympathische Art »serviert«. Und alles, wirklich alles, was man hier sieht, kann man in seinem Onlinebackshop auch kaufen – das ist die grundlegende Geschäftsidee. Von der fertigen Brotbackmischung, den Gewürzen, dem Mehl, über die Brotkörbchen und die Rundhölzchen, bis zur Digitalwaage und den Wassertemperaturmesser. »Natürlich muss man das schlau machen und die Kundenbindung möglichst eng halten«, sagt er in entwaffnender Offenheit und mit überzeugender wirtschaftlicher Fachkompetenz. Seine Dinkelflocken heißen Ofner, wie so ziemlich alles andere auch. Auch getrockneten Sauerteig bietet er auf diese Weise an: »Und das kaufen die Kunden dann natürlich bei mir.« Das wird auch so transportiert – aber nicht irgendwie, sondern auf einem eigenen Youtube-Kanal. Den man natürlich nicht umständlich suchen muss: Die Website des Backprofis ist so aufgebaut, dass man gar nicht dran vorbeikommt; hier stimmt alles bis zum flockig-lockeren Wording, das genau den Zeitgeist trifft, so wie dies auch für die Graphik, den grundsätzlichen Aufbau und den ganzen technischen Ablauf gilt. Mit kundiger flinker Hand auf der Maus überzeugt er sich in Sekundenschnelle, wo und in welchen Bereichen wieviele Surfer im Moment gerade seine Seite besuchen.

Täglich 30 bis 50 Onlinebestellungen
Technisch kennt sich Christian Ofner ganz offensichtlich genau so gut aus wie wirtschaftlich. Die Komplexität des ganzen Unternehmens zu erfassen und es durch ständiges Drehen an den richtigen Stellschrauben in die richtige Richtung zu leiten, ist für eine Einzelperson keine ganz einfache Aufgabe. Der Umzug von einem kleinen Büro auf der Laßnitzhöhe vor einem Jahr in ein 270-Quadratmeter-Objekt direkt neben der Autobahn in Gleisdorf, mit der Möglichkeit jederzeit zu vergrößern und auszubauen, die eigene Herstellung der Backmischungen, die Beschaffung und Vermarktung der biologischen Produkte, das Wissen um die Wichtigkeit des Vertrauens der Kunden und die perfekte Bedienung und Behandlung dieser Parameter würde so manchem Betriebswirt die eine oder andere Schweißperle auf die Stirn treiben. Der 37-jährige sieht das entspannt: »Wir haben schon früh ein automatisiertes Warenwirtschaftssystem installiert und gut war sicher das langsame Wachstum. Um 7 Uhr 30 kommt meine Frau Michaela in den Betrieb, um 8 Uhr die nächste Mitarbeiterin und um 8 Uhr 30 eine weitere.« Damit hat er drei Arbeitsplätze geschaffen, und es gibt auch genug zu tun: Jeden Tag kommen 30 bis 50 Onlinebestellungen herein, im Vorjahr verschickte der Backprofi rund 7.000 Pakete, heuer werden es voraussichtlich 9.000 sein. Und die gehen in die ganze Welt bis nach Australien.

Maschinist oder Bäcker?
Gold wert war aber zunächst die Idee. Gemäß einem seiner Werbemottos hat Ofner sein Brot selbst in die Hand genommen. »Ich habe aber nicht geahnt, welche Ausmaße das annehmen wird.« Christian Ofner ist in Sankt Martin im Sulmtal aufgewachsen. Das dortige Gasthaus seiner Großmutter lockte ihn in die Gastronomie, wo er aber nur zwei Monate blieb. Im AMS sah er eine Stelle als Bäcker in Eibiswald ausgeschrieben und dachte sich: »Warum nicht?« Nach drei Jahren kam er nach Graz zum Bundesheer und schließlich zur Bäckerei Sorger in Eggenberg, wo er sechs Jahre als Produktentwickler und Filialbackmeister arbeitete. Im Jahr 2002 war er der jüngste Bäckermeister in der Steiermark. Nächste Station als Qualitäts- und Produktmanager war die Bäckerei Hubert Auer, damals noch unter der Familie Süker. Schließlich heuerte er in der Bäckerei Teschl in Heiligen Kreuz am Waasen an: »Damit war ich als Betriebsleiter für ein Jahr in der Industrie, wo Tonnen von Brot und Gebäck maschinell hergestellt werden. Und da stand ich eines Tages am Band und habe mir gedacht: Bist du jetzt Maschinist oder Bäcker?« Nach der Kündigung fiel ihm beim Fernsehen auf, dass bei den Kochshows, die gerade in Mode kamen, »nichts mit Brot dabei war. Aber Brot ist Emotion, es weckt zum Beispiel Kindheitserinnerungen – so bin ich auf die Idee gekommen, habe ein Konzept gemacht und bin 2010 mit einem Investment von 5.000 Euro gestartet.« Und das sehr geschickt: Von Anfang an war Kenwood dabei und stellte die Küchenmaschine zur Verfügung, mit der man etwa den Teig knetet. Dann kam Miele hinzu mit Dampfgarer und Backofen, hochpreisigen Hightechgeräten. »Das ist zur Win-Win-Situation geworden«, erläutert Ofner. Denn wer ihm beim Backen zuschaut, kauft nicht nur seine Ofner-Produkte, sondern natürlich auch gern die Geräte, mit denen alles offenbar so gut funktioniert. Männer sind bei gutem Werkzeug besonders anfällig. An die 20 Prozent seiner Kunden sind tatsächlich männlich. »Und bei den Frauen sind auch viele junge dabei«, stellt Ofner fest.

Foto: Marija Kanizaj

50.000 Bücher verkauft
Mit dieser transportablen Showküche begann der Backprofi dann seine Backkurse, die zwar lahm starteten, spätestens nach einer weiteren Königsidee aber ordentlich durchstarteten: Er begann Bücher zu schreiben und schon das erste wurde ein Bestseller –  »Kleingebäck vom Ofner«. Dazu »Backe backe Ofner« auf Youtube und die Leute waren nicht mehr zu halten. Und dann trat er auch noch im Fernsehen auf. Bei »Frisch gekocht« mit Andi und Alex im ORF und bei »Kochen mit Oliver« auf Puls 4. Die Backkurse, die er in ganz Österreich, vorwiegend in den großen Landeshauptstädten in Miele-Zentren, abhält, sind mittlerweile meist bis zum Jahresende ausgebucht. Zwölf bis fünfzehn Teilnehmern sind das jeweils 114 (Vierstundenkurs) und 150 (Halbtagesseminar) Euro wert. Waren es früher vier bis fünf Kurse pro Woche, sind es heute zwei bis drei. »Da kommen immer noch 100 bis 150 Kurse im Jahr zusammen.« In Kürze kommt Ofners viertes Buch auf den Markt – »Pikantes vom Ofner« – angesichts der bisherigen Anzahl der verkauften Bücher wohl wieder eine Bank. Schriftsteller könnten neidisch werden: Bislang gingen 50.000 Stück über den (Online-) Ladentisch.

So gesehen ist auch sein nächstes Ziel vielleicht gar nicht zu hoch gegriffen: Eine eigene Koch- beziehungsweise Backshow im Fernsehhauptabendprogramm. Sag leise Servus TV.

Christian Ofner, Bäcker
8200 Gleisdorf, Josefa-Posch-Straße 3
Telefon +43 3112 38804
derbackprofi.at

Fazitportrait, Fazit 132 (Mai 2017) – Fotos: Marija Kanizaj

 
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