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Patriotismus und Katholizismus: Unvereinbar geeint?

| 27. April 2017 | Keine Kommentare
Kategorie: Essay, Fazit 132

Foto: PrivatEin Essay von Marco Gallina. Der Historiker in einem Text über Gewalt. Nur weil Christen früher für die Freiheit kämpften, leben »Gut-Christen« heute in Frieden.

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Marco Gallina, geboren 1986, studierte in Bonn und Verona italienische Literatur, Politikwissenschaft und Geschichte mit Schwerpunkt auf Diplomatiegeschichte und Geschichte der Frühen Neuzeit (Reichsgeschichte, Italien). Seine Masterarbeit beschäftigte sich mit Machiavelli als Botschafter. Derzeit ist er Doktorand und daneben als Autor und freier Publizist tätig.

***

Vor 30 Jahren – Der Diskurs in Deutschland und Europa reicht heutzutage ins Absurde. Das beginnt mit der Liebe für Terroristen und Gruppierungen, die sich die Aufgabe machen, für einen besonders zu beten; und es reicht bis tief hinein in gewisse Kreise, die jede Gewaltanwendung als unchristlich empfinden. Ich halte solche Urteile immer für anmaßend; denn das bedeutet, dass die Malteser, welche die gesamte Frühe Neuzeit hindurch die Korsaren im Mittelmeer bekämpften und deren christliche Galeerensklaven befreiten, schlechtere Christen gewesen sein müssen als eben unsere feinen Gut-Christen, die eben nur, weil es solche Männer mal gab, heute in Frieden leben können.

Im Angesicht der Bedrohung durch »braune Rattenfänger« (Bonner Stadtdechant dixit) erscheint mittlerweile nicht nur jede Gewaltanwendung, sondern auch patriotische Gefühlswendung als unchristlich. Im Prozess der Universalismen scheint nunmehr auch das Evangelium offene Grenzen zu predigen. Jede Abgrenzung oder Abschottung gilt als unbarmherzig, der Ruf nach dem Nationalstaat erscheint als neufaschistische Bedrohung. Es wäre in dieser Hinsicht nicht nur wieder einmal wichtig, auf Echthros und Polemios hinzuweisen (das Thema verfolgt mich mittlerweile alltäglich), sondern auch auf den simplen Fakt, dass die frühen Christen erst einmal untereinander zusammenhielten, und gerade das Johannesevangelium vor Abgrenzungen strotzt: insbesondere zwischen der frühen Christengemeinde und den Juden, zwischen dem auserwählten Volk und allen außerhalb davon. Im Griechischen Original wird das oftmals mit Parallelismen wie »die Jünger« und »die Juden aber« offensichtlich. Nur so als kleiner Anfangsgedanke, zusammen mit der Anmerkung, dass Jesus auch nicht immer der stoisch-lächelnde Typ war. Mir wäre jedenfalls neu, dass die, welche den Vater beleidigen, eine diplomatische Behandlung verdienen. Tempel, Händler und so.

Wieder stelle ich diesem Beitrag voran: ich bin kein Theologe. Aber ich bin Historiker genug, um diese These weiterzuführen. Insbesondere, da ich persönlich davon überzeugt bin, dass das Christentum Ausgangspunkt eines Proto-Nationalismus ist, an dem sich später die Aufklärung und das 19. Jahrhundert für ihre eigenen Ideologien weitreichend bedient haben. Um es ganz deutlich auszudrücken: die Identifikationsstiftung als Volk hing in Europa so inhärent mit dem Christentum zusammen, dass sich beides nur wenig trennen lässt. Volksidentität auch in dem Sinne, dass es außerhalb der Eliten um sich griff. Ich mache mich damit ziemlich angreifbar, da in weiten Teilen meines Fachs jegliche Identität als »Volk« außerhalb der Eliten nahezu kategorisch vor den napoleonischen Umwälzungen ausgeschlossen wird. Das habe ich auch größtenteils geglaubt. Meine persönlichen Forschungen und die Quellen, die ich kenne, haben aber das, was mir an der Universität und an der Schule jahrelang eingehämmert wurde, erheblich ins Wanken gebracht. Insbesondere meine Beschäftigung mit der Republik Venedig und den italienischen Kommunen.

Ich werfe dem interessierten Publikum eine Frage in die Runde: wie viele Republiken gab es außerhalb Europas im Mittelalter und der Frühen Neuzeit vor dem Zeitalter des globalen, europäischen Kolonialismus? Mit Republiken meine ich von einer wie auch immer gearteten Versammlung gewählte Minister, Vorsitzende oder Amtsträger (auf Zeit oder lebenslänglich), die möglichst nicht aus ein und derselben Familie stammen. Das trifft, nach allem, was ich bisher erschlossen habe, nur auf die europäischen Republiken zu; mögen es die italienischen Kommunen, die deutschen Reichsstädte, die Eidgenossenschaft, die Vereinigten Provinzen (Niederlande), oder selbstbestimmte Mittelmeerhäfen sein (bspw. Ragusa/Dubrovnik).* Man könnte die aztekischen Städtebünde ansprechen, doch handelte es sich dabei im engeren Sinne eher um Konföderationen mit einem gewählten Monarchen, der in seiner Funktion jedoch absolut regierte. Üblicherweise besitzen klassische Republiken Mechanismen, um die Herrschaft des jeweiligen Vorsitzenden eben in keine Diktatur abdriften zu lassen. Republiken sind deswegen interessant, weil ihnen ein Monarch fehlt, und damit einhergehend alle Identifikationsfaktoren, die ein Monarchie mit sich bringt. »Für Gott und König« lohnt es sich zu sterben, aufgrund der Verquickung monarchischer Herrschaft mit der Religion. Auf dem Territorium des Heiligen Römischen Reiches ist der Fall klar: der römisch-deutsche König wird zwar gewählt, aber die Kaiserkrönung durch den Papst macht das besondere Band zwischen Gott und Kaiser deutlich. Die alten Teilreiche der Franken bezogen sich daher auch immer auf den König, nicht das Gebiet: Lothringen leitet sich vom Reich Lothars ab, ebenso existierte ein Reich Ludwigs und ein Reich Karls. Daneben spielte die Elite eines jeden Volkes eine Rolle. Karl der Große nannte sich »rex Langobardorum«, König der Langobarden, nachdem er Italien eroberte; dabei waren die Langobarden doch nur eine relativ kleine, germanische Herrscherelite, die über die erdrückende romanische Ursprungsbevölkerung herrschte. Aber wir sehen: es kam zumindest zuerst nicht so sehr auf das Land oder Bevölkerung an, sondern auf die Machtelite, die etwas zu sagen hatte.

* Aus thematischen Gründen gehe ich hier nur auf die katholischen Gebiete ein.

Kurz: als Subjekt des Herrschers identifiziere ich mich mit meinem Monarchen und dessen Reichsidee. Die Vorstellung von Loyalität verläuft personal.

In dieser Hinsicht kommen die Republiken ins Spiel, insbesondere die italienischen, die um das Jahr 1000 fassbar werden. Die klammern sich mitnichten an irgendeiner bestimmten Person fest, da die Ämter rotieren. In den meisten Städten Italiens heißen die Funktionsträger Konsuln, in Anlehnung an die römische Republik. Im Unterschied zu den antiken Republiken verläuft die Identifikation jedoch nicht über einen bestimmten Ursprungsmythos oder einen göttlichen Ahnherrn. Da nunmehr breitere Volksschichten am politischen Leben teilnehmen, braucht es einen gemeinsamen Kitt, der über die Vorstellung einer Adelselite hinausgeht, die sich durch göttliches Fatum oder Abstammung auserkoren sieht.

Diesen neuen sozialen Kitt, der nicht nur die adlige Oberschicht, sondern auch Kaufleute, Handwerker und einfache Leute anspricht, findet sich in der Verehrung des lokalen Patrons. Das ist im Übrigen auch der Grund, weshalb oben vor allem »Katholizismus« steht. Die jeweilige Gemeinschaft teilt nämlich eine Angelegenheit: den gemeinsamen Gottesdienst in der Hauptkirche eines ganz bestimmten Heiligen. Im besten Falle besitzt die Stadt auch noch Reliquien, und je prestigeträchtiger der Heilige oder die Quantität der Reliquien, desto auserwählter erscheint die Stadt. Überdies ergibt sich dadurch ein Motiv der »Abgrenzung« von den Nachbarn, die einen anderen Schutzpatron verehren.

Exemplarisch mag dafür die Legende von der Überführung des Heiligen Markus nach Venedig erscheinen. Die Gebeine des Evangelisten sind wohl im 9. Jahrhundert nach Venedig gelangt. Die reichlich ausgeschmückte Legende stammt aber aus späterer Zeit, als sich die Kommune Venedig bereits gebildet hatte, und ein gewähltes Stadtregiment Venedig beherrschte. Die beiden Helden der Geschichte sind keine Adligen in dem Sinne: zwar ist Buono ein Tribun und der Oberschicht zugehörig, wird jedoch als Kaufmann beschrieben. Sein Freund Rustico ist Tischler und vertritt symbolisch die Handwerker. Die Mannschaft wird genau geschildert; jeder Matrose kommt von einer anderen Laguneninsel und übt einen spezifischen Beruf aus. Dazu gesellt sich ein fränkischer Ritter. Selbst zwei griechische Segler sind dabei – und ein jüdischer Arzt mit seiner Frau. Ein Spiegelbild der venezianischen Gesellschaft samt ihrer Zugezogenen und Verbündeten. Das Abenteuer des »Venise en miniature«, das San Marco, den großen Schutzpatron, mit vereinten Kräften nach Venedig holt, ist somit das Heldenepos des venezianischen Volkes. Die Venezianer müssen keine Ungeheuer bekämpfen, erleben keine »Âventiure« und keine klassischen Ritterabenteuer; auch ihre Herausforderung gegen die Muslime bewältigen sie nicht mit dem Schwert, sondern mit List und Verstand. Das alles unter dem Schutz des Evangelisten, der ihre Überfahrt über das Meer gewährleistet und sie einen Sturm überwinden lässt.

Insofern kennt die venezianische Legende keinen König Arthus, keinen Siegfried oder Parzifal. Der Hauptakteur der venezianischen Geschichte ist nicht eine wichtige Person oder eine bedeutende Schicht; es ist das Volk von San Marco. Die Venezianer brauchen keinen legendären König, da ihr Schutzpatron präsent ist. Daher spricht man von der Republik von San Marco. Der höchste Repräsentant des Staates ist nicht der real-regierende König, sondern der im Himmel auf Gott einwirkende Evangelist. Wer Venedig besucht, dem wird das deutlich: überall sieht man Markuslöwen, aber Denkmäler von Senatoren oder Dogen sucht man vergeblich; die sind nur als Grabmäler in Kirchen anzutreffen. Die Öffentlichkeit prägt San Marco; und es ist bezeichnend, dass auf den venezianischen Münzen, also der geprägten Identität Venedigs – und ich übertreibe weiß Gott nicht, wenn man sich vor Augen führt, welche Bedeutung Geld für eine Handelsrepublik hat! – genau dieses Thema vorherrscht.

Der Doge ist der oberste Repräsentant der Republik und nimmt kniend das vexillum, bzw. den venezianischen Gonfalon in Empfang, die Stadtflagge Venedigs, die damit religiösen wie politischen Wert hat. Man nenne mir mal ein Oberhaupt Europas, das sich auf einer Münze so demütig hat abbilden lassen! Der mächtigste Mann der Republik ist ein bloßer Bittsteller, der seine Gewalt aus den Händen von San Marco erhält. Wenn der Doge stirbt, kniet eben ein neuer. Der höchste Amtsträger bekam nicht einmal ein Staatsbegräbnis, das musste die Familie privat abhalten und selbst bezahlen. Kühl ließen sich dann die Venezianer vernehmen: Der Doge ist tot, aber nicht die Signoria.

Die Darstellung des knienden Dogen vor San Marco prägte die venezianischen Golddukaten von deren Einführung bis zum Untergang der Republik – und verdeutlichte damit die immerwährende Botschaft, dass die Republik eine ewige, vom Evangelisten beschützte war, an der austauschbare Personalien beteiligt wurden. Auf der anderen Seite prangte Jesus Christus höchstpersönlich, zusammen mit dem Motto: SIT T[ibi] XPE (Christe) DAT[us] Q[uem] T[u] REGIS ISTE DVCAT[us] – Dir, Christus, sei dieses Herzogtum, welches du regierst, gegeben.

Die oftmals kolportierte Ansicht, die Venezianer seien in ihrem republikanischem Stolz so von sich selbst überzeugt, dass sie Gott geringschätzten, ist daher eine contradictio in adiecto: das Selbstbewusstsein Venedigs führte eben aus der Überzeugung heraus, eine enge Verbindung zu Christus über den Evangelisten Marcus zu besitzen. Der beliebte Spruch »Prima veneziani, dopo cristiani« (Zuerst Venezianer, dann Christen) war vor allem ein Kampfspruch gegen das Papsttum, mit dem die Republik immer wieder aneinandergeriet. Die Markusbasilika war Staatsbesitz, und ebenso hielt die Republik die Einmischung in Bischofsfragen für illegitim. Die Venezianer waren fromm und gottesfürchtig wie die übrigen Landsleute der italienischen Halbinsel; ihre besondere Beziehung zum Patron und der Grundgedanke, einer auserwählten, christlichen Republik anzugehören, fundamentierten eigentlich erst den Gedanken, sich mit Rom anlegen zu können. San Marco besaß sogar eine eigene Liturgie (rito marcolino), die wohl zwischen der römischen und orthodoxen angesiedelt war, aber heute leider nicht mehr völlig rekonstruiert werden kann.

Das Besondere an diesem Markuskult zeigte sich aber speziell nach der Expansion Venedigs auf dem Festland im 15. Jahrhundert. Denn im Gegensatz zu dem, was oft in der Fachliteratur behauptet wird, verblieb diese Identifikation als »Markusschützling« nicht bei der städtischen Elite Venedigs und auch nicht nur in der Hauptstadt selbst. In der Tat war es gerade die Oberschicht in den großen Städten der hinzugewonnenen Territorien – Padua, Verona, Vicenza – die immer noch auf die eigene Unabhängigkeit hinarbeitete. Das gemeine Volk, ja, selbst Bauern im Umland, identifizierten sich dagegen aufällig schnell mit der Markus-Ideologie und damit des »venezianischen Gesamtgedankens« den ich hier ketzerischerweise als Proto-Nationalismus bezeichne. Nur ein halbes Jahrhundert, nachdem Venedig den Nordosten Italiens für sich gewonnen hatte, bezeichneten sich die Einwohner bereits vielerorts als »Marciani«. »Venezianer« konnten sie sich damals auch schlecht nennen, denn sie blieben in ihrem Bewusstsein natürlich weiterhin Angehörige des venetischen Umlandes; aber »Marciano« wurde von der Adda bis nach Dalmatien hinein und sogar auf Korfu alsbald eine Parole, um seine Loyalität für Venedig auszudrücken. Hier kommt ein Knackpunkt. Viele Historiker definieren den Patriotismus vor dem 19. Jahrhundert insbesondere als »Staatsloyalität«. Das gilt natürlich für die Oberschicht, die als Teil der politischen Elite auf die Zukunft ihres Gemeinwesens einwirken konnte. Schwierig wird aber diese Erklärung, wenn plötzlich Bauern und gemeines Landvolk anfangen, sich zu einem Gemeinschaftsgefühl zu bekennen, das nicht aus reiner Staatsloyalität besteht, sondern aus einer beinahe irrationalen Liebe zu einer Idee.

Ein paar Beispiele. Im Krieg der Liga von Cambrai (1509), nur 50 Jahre nach der Eroberung der Terraferma durch Venedig, rebellierten große Teile der einfachen Bevölkerung gegen die ausländischen Besatzer. Viele der lokalen Eliten kooperierten mit den Habsburgern oder den Franzosen, in der Hoffnung, ihre Privilegien zu wahren und eine Autonomie für ihre Städte zu gewinnen. Die kleinen Leute dagegen bildeten Partisanentruppen und pinselten sogar Bilder des Evangelisten Markus auf die Hauswände. Als man in Vicenza den Markuslöwen von seiner Säule stieß und abtransportierte, überfielen Bauern den Trupp, überwältigte die Soldaten und brachten das Evangelistentier in Sicherheit. Ähnliches musste Niccolò Machiavelli erleben, als er Botschafter in Verona am kaiserlichen Hof war, und einige gefangene Bauern dort des Hochverrats wegen anklagt werden sollten. Der Bischof von Trient, der von Kaiser Maximilian als Richter eingesetzt wurde, wollte den Gefangenen die Todesstrafe erlassen, wenn sie Venedig abschworen. Der bekam aber nur zur Antwort: »Und er [der Gefangene] sagte, dass er für San Marco sei, und für San Marco wolle er sterben, und anders wolle er nicht leben; und nichts anderes könne ihn von dieser Meinung abbringen.« Als es dann zur Belagerung Paduas durch kaiserliche Truppen kam, formten sich Bataillone aus Freiwilligen, die den Bedrängten zur Hilfe eilten, und mit »Marco! Marco! Marco!« in den Krieg zogen. Der Widerstandswille überraschte Maximilians Heer. Bis dahin hatten die Kommandanten gedacht, dass Venedigs Fall nur noch eine Frage der Zeit sei. In Wirklichkeit brachte die Belagerung von Padua die Wende. Nahezu dreihundert Jahre später sollte dieses tief in der Bevölkerung sitzende »Wir-Gefühl« die Veroneser zum Aufstand gegen Napoleon veranlassen; aber davon habe ich ja woanders ausführlich genug geschrieben. Noch in der Seeschlacht von Lissa (1866), bei der die österreichische Marine gegen die italienische kämpfte, konnte Admiral Tegetthoff die an Bord dienenden venetischen Matrosen (Venetien gehörte noch zu Habsburg) mit dem Schlachtruf »Viva San Marco!« gewinnen – 70 Jahre nach dem Untergang der Serenissima!

Ich habe hier ausführlich das venezianische Beispiel gewählt, weil es das berühmteste ist. Die meisten italienischen Kommunen verloren ihren Status als Republik oftmals im Zuge des Aufstiegs der Signori. Dennoch galt dieses Konzept des Patrons als Identifikationszentrum für nahezu alle italienischen Städte. In Mailand war dies der Heilige Ambrosius, in Brescia der Heilige Faustinus – und so weiter. Das dalmatinische Ragusa hatte den Heiligen Blasius als Schutzpatron, und aufgrund des langanhaltenden Streits mit Venedig kam es oftmals zu Sticheleien, welche die Überlegenheit des einen oder anderen Heiligen zum Thema hatten – missglückte venezianische Expeditionen führten die Ragusaner auf das Wirken des Heiligen Blasius zurück, der für schlechte Winde gesorgt hätte. Pisa, neben Venedig und Genua die dritte große Seerepublik, unterhielt ein inniges Verhältnis zu ihrem Stadtpatron Sixtus. Dessen Gedenktag, der 6. August, galt als positiver Tag für große Unternehmungen – vor allem militärische! Eine kleine Auswahl:

6. August 1003: Die Pisaner besiegen eine muslimische Flotte bei Civitavecchia. 6. August 1005: Die Pisaner verwüsten das sarazenisch besetzte Reggio (Calabria). 6. August 1063: Die Pisaner überfallen, plündern und verwüsten das sarazenische Palermo. 6. August 1087: Die Pisaner wiederholen dasselbe im sarazenischen Mahdia. 6. August 1119: Die Pisaner schlagen ihre Erzfeinde, die Genuesen, bei Porto Venere. 6. August 1135: Die Pisaner überfallen Amalfi. Der Schlag ist so schwer, dass Amalfi, eine der vier großen Seerepubliken neben Venedig, Genua und Pisa selbst, von diesem Zeitpunkt an sich nie mehr erholen wird. 6. August 1282: Die Pisaner schlagen ihre Erzfeinde, die Genuesen, bei Porto Venere. Mal wieder.

Vielsagend ist aber auch die letzte pisanische Seschlacht. Am 6. August 1284 kommt es zur größten Galeerenschlacht, die das Mittelmeer bis dahin gesehen hat. Pisaner und Genuesen treffen sich bei Meloria. Man ist hoffnungsfroh, neuerlich zu gewinnen, denn es ist wieder San Sisto – allerdings endet das Massaker in einer desaströsen Niederlage, die für Pisa so katastrophal ausfällt, wie für Amalfi die Plünderung von 1135. Pisa erholt sich nie wieder davon. Man glaubt an ein Omen und sich von San Sisto verlassen. Der Bruch ist so enorm, dass man von da an den Heiligen Sixtus als Stadtpatron austauscht – gegen San Ranieri (Rainer von Pisa).

Berühmt ist dieser Zusammenhang von städtischer bzw. regionaler Identität und Christentum im Zuge der Kriege des Lombardenbundes gegen die kaiserliche Gewalt geworden. Die lombardischen Städte zogen mit einem Carroccio in den Krieg – einem Triumphwagen, auf welchem ein Altar und ein Banner des Schutzpatrons stand. Es handelte sich um das Ehrenzeichen der Stadt, das besonders bewacht wurde und dessen Verlust als Schmach galt. Trompeter und Posaunisten spornten von hier die Bürger der jeweiligen Kommune an. Bis heute kann man so einen Carroccio beim Palio di Siena sehen. Es ist im Übrigen auffällig, dass die innere Stabilität der Kommunen eben dann schrumpfte, wenn der gemeinsame Stadtgedanke (=Patronsgedanke) zugunsten der familiären Klientelstrukturen litt. Heißt: plötzlich war nicht mehr die Ehre des Stadtheiligen wichtig, sondern die Loyalität zu einem Personenkreis. Eben die Krankheit, die den Beginn von Oligarchien und letztendlich Monarchien auszeichnet. Oder anders gesagt: die Liebe zum Vaterland wird aus Karrieregründen geopfert. Kennen wir ja alles. Kaum hatten die Visconti die Herrschaft in Mailand erworben und sich zu Grafen, dann Herzögen ernannt, war die Herrscherfamilie so wichtig wie die Dynastie in monarchischen Systemen. Das Andenken an den Heiligen Ambrosius schwand; den ursprünglichen Stadtsymbolen wichen neue. So geschehen beim berühmten Biscione, der Schlange auf dem Mailänder Wappen, das ursprünglich das Symbol der Visconti war. Oder, wenn Sie einen Alfa Romeo sehen: schauen Sie mal ganz genau auf das Markenzeichen. Da lebt die Visconti-Herrschaft bis heute fort.

Ebenso wenig überraschend mutet es an, dass, kaum, dass die Visconti ausstarben, eine Republik des Heiligen Ambrosius ausgerufen wurde, die eher an das venezianische Modell anknüpfte. Was aber für Italien galt (und teilweise immer noch gilt) lässt sich ebenso im deutschen Teil des Reiches nachweisen. Bekanntestes Beispiel ist Köln, wo die Heiligen drei Könige nach deren … Ausleihe aus Mailand zu Stadtpatronen wurden und Aufnahmen ins Wappen fanden. Weniger bekannt: sie fungierten sogar als Richter bei Streitigkeiten. Kölner Bürger mussten vor Gericht auf die Bibel oder Reliquienknochen schwören, die dafür extra herbeigeführt wurden. Wie man Köln so kennt, hatte man natürlich auch andere »Knöchelchen« zum Ersatz, wenn die Gebeine der Weisen gerade nicht zur Hand waren …

Dennoch: auch eine Freie Reichsstadt wie Köln sah sich besonders aufgrund des Schutzes ihrer Heiligen – neben den Magi auch die Heilige Ursula samt Gefährtinnen – von Gott auserwählt. Man hob sich nicht nur wegen Reichtum und Macht ab. Im Gegenteil: man war reich und einflussreich, weil man die Heiligen auf seiner Seite hatte. Und die Weisen aus dem Morgenland waren mächtige Patrone. Wieder funktionierte die Religion inklusiv für verschiedene Kölner Gesellschaftsschichten, um ein städtisches »Wir«-Gefühl zu erzeugen, und um sich wiederum nach außen hin exklusiv abzugrenzen.

In den christlichen Monarchien zeichnete sich eine ähnliche Entwicklung ab, wenn sich christliche Heere gegenüberstanden. Bestes Beispiel ist der Hundertjährige Krieg. Für König und Gott kämpften beide Seiten. Es verblüfft daher wenig, dass auch gerade dieser historische Konflikt als Ursprung eines englischen und französischen Nationsverständnisses angesehen wird – mit Saint George! und Montjoie! Saint Denis! auf der jeweiligen Seite. Die Aragonesen riefen nach Sant Jordi!, die Portugiesen nach San Jorge! und in der Reconquista alle zusammen unter Führung der Kastilier: Santiago! Santiago! Dennoch blieb die Identifikation mit dem Patron hinter der republikanischen Entwicklung zurück, da der Monarch noch bis weit in die Neuzeit hinein identifikationsstiftend blieb. In den royalistischen Fraktionen des 19. Jahrhunderts noch darüber hinaus.

Gerade diese Konfrontationen unter Christen waren und sind immer noch für viele Skeptiker ein Argument, gegen eine irgendwie geartete »res publica christiana« oder eine Europa-Konzeption zu wettern. Das Gegenteil ist der Fall. Die Heiligen bilden eine Familie, eine Gruppe, wie sie die Apostel der christlichen Frühzeit bilden. In jeder Familie gibt es jedoch Streit. Auch die frühen Christen waren – im Gegensatz zu vielen romantisierten Bildern heute – nicht immer einer Meinung. Sonst hätten Paulus und Co. nicht immer Briefe schreiben müssen, um die verschiedenen Gemeinden zu ermahnen. Gerade hier rufe ich mal meinen Schutz- und Namenspatron auf: Marcus war nämlich, nach allem, was man so in der Apostelgeschichte liest, ein ziemlicher Dickkopf, der sich überdies auch mal mit Paulus angelegt hatte. Ähnlich, wie Venedig eben auch den anderen gerne mal auf die Füße trat. Dass nach außen hin aber die christlichen Völker, Städte, Republiken und Monarchien zusammenhielten, wenn sie alle ihre Schutzpatrone zitierten, und es diese europäische Gemeinschaft sehr wohl gab, verdeutlicht das Gemälde von Paolo Veronese zur Schlacht von Lepanto; alle Heiligen zusammen, vor Maria, darum bittend, den Sieg über die Türken zu gewähren. Dem voraus ging ein europaweiter Aufruf des Papstes, den Rosenkranz zu beten, weswegen die gesamte katholische Welt sich am 7. Oktober im Gebet vereint sah.

Universalismus? Hm. Auserwähltsein des christlichen Volkes? Oh ja.

Das heißt nicht, dass Christen nicht auch anderen Menschen helfen sollen. Es heißt aber: über Jahrhunderte war es keinerlei Problem, dass man zuerst mal den eigenen Leuten beistand, bevor man in die Ferne schweifte. Und von denen in der Ferne waren auch da erst einmal die Brüder und Schwestern in Christo gemeint. Schon zeitgeistig, dass man solche Selbstverständlichkeiten heute ausbreiten muss. In einer Gesellschaft, die Wehrhaftigkeit als unchristlich abweist, ist es ironisch zu erwähnen, dass ausgerechnet der Erzengel Michael der Patron der Deutschen ist.

Der vorliegende Text ist auf der Webseite des Autors, dem »Löwenblog«, erschienen. Wir danken für die freundliche Genehmigung, ihn abdrucken zu dürfen. Das Löwenblog finden Sie unter marcogallina.de

Essay, Fazit 132 (Mai 2017), Foto: Privat

 
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