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Freunde der Blasmusik

| 11. Oktober 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 156, Fazitportrait

Foto: Heimo Binder

Das Grazer Mekka für Blasinstrumente befindet sich in der Wiener Straße. Das Musik-Instrumentenhaus A. Grießl ist die einzige Fachwerkstätte mit Handel in der Stadt und trotzt mit Qualität, Service und Fachberatung den Handels-Onlineriesen. Eine Musikwunderwelt für Ohr und Auge auf fast 300 Quadratmetern.

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Der Himmel hängt gar nicht nur voller Geigen. Da sind auch noch die Blasinstrumente, an denen die Engel ihre rechte Freude haben: die Posaune, die Trompete, das Flügelhorn, das Euphonium. Euphonium? Salopp gesagt, so eine Art Tuba. Aber sagen Sie das lieber nicht zu einem Euphonisten, er würde Ihnen einen langen Vortrag darüber halten, und Sie würden nichts verstehen – außer Sie sind selbst Musiker. Abhilfe verschafft natürlich Wikipedia. Aber das griechische Wort für »wohlklingend« lässt sich nicht wirklich erlesen, es lässt sich nur erleben. Da aber der Himmel noch warten kann, und auch gewisse Restzweifel bestehen mögen, was einen dort erwartet, und weil auch im Diesseits Konzerte mit Euphonium eher selten sind, geht oder fährt man am besten in die Wiener Straße. Die ehemalige »Gastarbeiterroute« durch Graz steckt bei genauerem Hinschauen voller Überraschungen. Auf Nummer 235 befindet sich ein Kleinod mit besagter himmlischer Ware: das »Musik-Instrumentenhaus A. Grießl«, die letzte Blasinstrumenten-Fachwerkstätte mit Handel in der Stadt. Und sie versteckt sich nicht. In der lang gestreckten Auslagenfront locken zunächst Stromgitarren und Verstärker von Orange und Marshall den Rocker in uns, aber dann kommen die glänzenden Vorboten des Himmels: Zugposaunen, Waldhörner und Euphonien oder sind es doch Tuben? Und jene Instrumente, mit denen Louis »Satchmo« Armstrong und Miles Davis den Engeln heute den Marsch blasen, hopefully, im Sinne von hoffnungsvoll. Die Trompeten.

Foto: Heimo Binder

Blockflöten sind out
Andrea Grießl hat zur Zeit viel zu tun. Es ist Schulbeginn, Hauptsaison für den Musikinstrumentenverkauf, die Wartung und Reparatur. Bis Weihnachten wird der Laden brummen. Seit einigen Jahren gibt es vermehrt Bläserklassen in den Volksschulen, zumeist in der dritten und vierten Schulstufe, ein Trend, der aus Deutschland kommt, wo er schon längere Zeit vorhält, wie die 40-jährige Chefin weiß. Aber das bedeutet nicht mehr automatisch den »gefürchteten Griff zur Blockflöte« (Copyright Willi Hengstler). »Heute gibt es eine Vielzahl an kindergerechten Instrumenten, die auch gerne angenommen werden. Zum Beispiel Kinder-Klarinetten, Sopransaxophone, Kinder-Gitarren, Taschentrompeten, Kinder-Tenorhörner, Kinder-Hörner oder Kinder-Posaunen«, so Grießl. Dass die Kinder diese Instrumente überhaupt einmal kennenlernen, ist nicht zuletzt das Verdienst jener, die damit handeln. So besucht Andrea Grießl die Schulen und bringt ihre Instrumente mit. Was gibt es für die Kinder dabei zu sehen? Klarinetten, Saxophone, Trompeten, Waldhörner, Tenorhörner, Tuben, aber auch Gitarren, E-Pianos oder Querflöten. Auf Verlangen bringt sie etwa auch eine Oboe mit. Das hätte es früher auch schon geben sollen! Uns wäre der Zwang zur Blöckflöte eventuell erspart geblieben, und Totalverweigerer hätten vielleicht, sagen wir, zumindest die Ukulele entdeckt, wenn damals gerade der dicke Hawaiianer Israel Kamakawiwo’ole »Over the Rainbow« in den Radios gespielt hätte. Aber ohne seine engelsgleiche Kopfstimme hätte es wohl nicht viel genutzt. Wir, die wir gerade ein paar Akkorde auf der Gitarre geschafft haben, um den Mädels am Lagerfeuer zu imponieren, haben bald aufgegeben. Es war der falsche Ansatz, abgesehen davon, dass es gar nicht funktioniert. Und so blicken wir Nichtmusiker heute voller Wehmut auf jene, die in die Musik hineinwachsen, sei es durch die Familie oder durch Förderaktionen in Schulen. Und die damit die Chance haben, ihr Leben um eine ganze Dimension zu erweitern. Auch den Ortskapellen kommt großes Verdienst bei der musikalischen Früherziehung zu. Erstens durch die Vorbildwirkung, aber auch, weil sie Bläserklassen initiieren, wie etwa in Radegund oder Wundschuh. Und die Musikvereine stellen oft auch die Instrumente zur Verfügung. Was für alle Seiten eine gute Sache und eine Investition in die und in der Zukunft ist. Denn dann leistet man sich auch irgendwann selbst ein Instrument.

Stadt-Land-Gefälle
Dass die Zugänge recht unterschiedlich sein können, weiß Andreas Vater Alois Grießl. Der heute 73-jährige gelernte Instrumentenmachermeister hat das Unternehmen gegründet und hilft im Betrieb noch hin und wieder aus. Als Kind bekam er eine Bakelitflöte von einem Pensionisten aus der ehemaligen Grazer Glasfabrik, wo seine Mutter arbeitete. Der schulte Kinder von Arbeiterinnen musikalisch. Mit 10 wurde es eine Klarinette. Als er mit 14 eine Autospenglerlehre antrat, blieb nur noch wenig Zeit zum Üben: »Damals hatten wir noch die 50-Stundenwoche.« Das gefiel seinem Musiklehrer gar nicht und er vermittelte ihm eine Stelle bei einem Instrumentenmacher in der Prankergasse, wo er mehr als 20 Jahre blieb. Es folgten zehn Jahre in Köflach und die Meisterprüfung 1982. Im Jahr 1992 schließlich die Selbständigkeit in Graz. »Die goldenen Zeiten der Branche waren eigentlich die 60er, 70er und 80er Jahre«, plaudert er aus dem Nähkästchen. Schwierig wurde es erst um die Zeit, als er in Pension ging. Das war 2007, als die Tochter übernahm. Und der Onlinehandel die letzten Mitbewerber in Graz hinwegfegte. Steiermarkweit gibt es noch etwa acht vergleichbare Unternehmen. Aber der einzige für Blasinstrumente in der Stadt zu sein, ist auch nicht ganz schlecht. »In Graz gibt es gerade noch 16 Blaskapellen«, weiß man im Familienbetrieb Grießl: die Polizeimusik, jene von Post, Eisenbahn und Militär, der Rest sind von der Stadt Graz schlecht gesponserte Musikvereine. Gerade ein paar Kapellen sind dabei, die sich um Jugend und Nachwuchs sorgen können und teilweise über eigene Musikheime verfügen. Auf dem Land sieht es besser aus: Mit Musikvereinen und Feuerwehr gibt es rund 300 Kapellen, die auch entsprechenden Instrumentenbedarf haben. »Zum Glück kommen viele Kunden von auswärts«, ist man im Hause Grießl froh. Zu den Kunden zählen auch namhafte Profi-Musiker, Lehrer sowie viele bekannte Musikgruppen.

Schönheit und Wert
Als Laie staunt man nicht nur über die Technik, sondern vor allem über die Schönheit gerade der Blasinstrumente. Im direkten Vergleich faszinieren auch die Farbunterschiede. Die eine Trompete ist aus Messing, die andere aus Rotmessing, die dritte aus Goldmessing; die eine Tuba ist farblos lackiert und glänzt, die andere ist unlackiert, aber poliert, die dritte nicht poliert und komplett matt – schaut alt aus, ist sie aber nicht. Der Lack wird übrigens mit 150 Grad eingebrannt, sonst geht er an neuralgischen Stellen schnell ab. Oder die wunderbaren Querflöten in verschiedenen Varianten. Versilbert, mit Vollsilberkopf, aus Sterlingsilber oder gar aus Vollsilber und vergoldet. Ja, da sollte man sich auskennen. Hier kommt dann die Stärke des Grießl-Betriebs ins Spiel: Fachgerechte Beratung, das Um und Auf beim Erstkauf, aber auch späterhin ein unschätzbar Wert.
Gerade, wenn es um Erhaltung, Wartung, Pflege und Reparatur des wertvollen Instruments geht. Da kann der größte Konkurrent, der Onlinehandel, eben nicht mithalten. Pro Monat kommen 80 bis 120 Instrumente in die Werkstatt von A. Grießl und werden von drei Facharbeitern entsprechend professionell behandelt. Apropos wertvoll. Eine günstige Querflöte ist ab 300 Euro zu haben, die Preisspanne geht bis etwa 4.000 Euro. Eine vollsilberne, vergoldet schlägt mit 34.000 Euro zu Buche, aber es ist auch schon eine goldene jenseits der 100.000 Eurogrenze über den Ladentisch gegangen. Erst kürzlich hat eine Dame von einer 120-Euro-Querflöte vom Hofer auf eine »anständige« um 1.200 Euro aus dem Haus Grießl umgesattelt. Das Besondere daran: Sie begann erst mit Mitte 50 und konnte zunächst auch keine Noten. Die Hoffnung lebt! »Ein gutes Einsteigermodell von Yamaha kostet etwa 600 Euro«, so Andrea Grießl. Da könnte man doch auch als Laie in Versuchung kommen. Ein Profimusiker hingegen braucht zwei Klarinetten, so lernt man hier. Eine in A-, eine in B-gestimmt, das Stück um rund 10.000 Euro. Alles eine Frage der Prioritäten. Irgendwie sehr ähnlich wie beim Auto, das aber mit Sicherheit die schlechtere Wertanlage ist.

Foto: Heimo Binder
Instrumente erzählen
Wenn man die gefühlt 100 Teile einer Klarinette auf dem Arbeitstisch in der Werkstätte liegen sieht – tatsächlich sind es 30 bis 35 – erkennt man den Wert der Dinge und der Arbeit. Manche Instrumente, die an der Wand hängen, erzählen die abenteuerlichsten Geschichten aus der Welt der Musik. Das zerknitterte, kaputte Horn etwa: Dieses wurde vor 27 Jahren um 82.000 Schilling (rund 6000 Euro) an die Eltern eines hoffnungsvollen Sohns verkauft, allerdings nach einiger Zeit von ihm aus Liebeskummer unrettbar zertrampelt. Da der Maschinenstock noch in Ordnung war, kaufte ihm Alois Grießl das Instrument um 5.000 Schilling ab und machte ein neues daraus. Später kauften seine Eltern es um 42.000 Schilling wieder zurück und machten es zu seinem Hochzeitsgeschenk. Heute kostet so ein Instrument 7.000 bis 8.000 Euro, Kinderhörner aus Asien gibt es aber bereits ab 650 Euro. Noch ein Preisbeispiel: Westerngitarren sind zwischen 250 und 1.500 Euro wohlfeil. Im Sortiment befinden sich aber auch Schlagzeuge, Keyboards und E-Pianos. Und jede Menge Accessoires und Zubehör. Mittelfristig ist eine eigene Musikschule geplant.
Und wenn Andrea Grießl nicht im Geschäft oder bei ihrem kleinen Sohn ist, spielt sie Klavier, Saxophon, Querflöte oder »ein bisschen Gitarre«. Mit etwas Glück kann man sie mit ihrer Musikgruppe »Klangfarben« auf Hochzeiten, Erstkommunionen oder Taufen hören. Aber das fragen Sie sie am besten selbst.

Musik-Instrumentenhaus A. Grießl
8051 Graz, Wiener Straße 235
Telefon +43 316 681001
griessl.at

Fazitportrait, Fazit 156 (Oktober 2019) – Fotos: Heimo Binder

 
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